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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 25.01.2013

Flaggschiff des deutsch-liberalen Judentums

Die Synagoge Pestalozzistrasse in Berlin

Von Alice Lanzke

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Ein Gottesdienst in der Synagoge in der Berliner Pestalozzistraße (picture alliance / dpa / Mittenzwei Karl)
Ein Gottesdienst in der Synagoge in der Berliner Pestalozzistraße (picture alliance / dpa / Mittenzwei Karl)

Der Ruf der Synagoge Pestalozzistraße in Berlin reicht weit über die Grenzen der Hauptstadt: Sie ist der letzte Ort weltweit, an dem sich der alte liberale Ritus des deutschen Judentums erhalten hat. Die Publizistin Esther Slevogt hat der Geschichte des Gotteshauses ein Buch gewidmet.

Können Gebäude eine Stimme haben? Die Synagoge Pestalozzistraße jedenfalls hat eine: Weit über die Grenzen Berlins reicht ihr Ruf. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sie das letzte jüdische Gotteshaus weltweit ist, in dem noch der alte liberale Ritus des deutschen Judentums erhalten ist. Nirgendwo sonst wird der von Louis Lewandowski, dem legendären jüdischen Komponisten, verfasste Gottesdienst für Kantor, Orgel und gemischten Chor noch in seiner Originalform abgehalten.

Das ist auch insofern erstaunlich, als die Synagoge Pestalozzistraße 1912 als orthodoxes Gotteshaus gebaut wurde. Doch schon damals gab es einen Chor, der allerdings nur aus Männern bestand. Dennoch ist die Kluft zwischen orthodoxer Ausrichtung zu Beginn und liberaler Tradition heute nicht so groß, wie man meinen könnte, erklärt die Publizistin Esther Slevogt:

"Aber im Grunde ist der Gottesdienst, wie er heute hier praktiziert wird, immer noch viel näher an dem orthodoxen Gottesdienst, dem deutschen der Vorkriegszeit, als das, was heute in Berlin an orthodoxen Gottesdiensten in Berlin stattfindet, die alle sehr stark von den osteuropäischen Traditionen geprägt sind. Insofern ist es gar nicht so ein großer Bruch, wie viele denken. Und viele kommen ja auch immer her, deren Großeltern oder Eltern hier mal Mitglieder dieser Synagoge waren aus der ganzen Welt. Und die sind dann auch immer sehr überrascht, dass das fast so wie früher ist. Also die Ordnung der Gebete ist viel orthodoxer als vor dem Krieg."

Esther Slevogt weiß, wovon sie spricht: Sie hat für die Reihe "Jüdische Miniaturen" ein faktenreiches und lebendig erzähltes Büchlein über die Geschichte der Synagoge geschrieben. Ein großer Verdienst des Bandes ist, dass er auch die Vorkriegszeit beleuchtet – ein Kapitel, das bis dahin eher im Dunkeln lag. Dafür hat Slevogt systematisch hundert Jahre Gemeindezeitung nachgelesen, in Archiven geforscht und Biografien recherchiert. Zudem konnte sie auf eine ganz eigene Perspektive zurückgreifen:

"Ich bin hier auch Mitglied in dieser Synagoge und kenne da natürlich ganz viele von den Leuten, die auch noch mir diese Geschichten erzählen konnten von früher. Das ist natürlich auch ein Schatz, den man einfach heben musste. Da habe ich natürlich einen Standortvorteil."

Diesen "Standortvorteil" merkt man dem Buch an. Hier schreibt jemand mit Herzblut über die Geschichte der Synagoge. Von ihrer Anfangszeit als Gotteshaus der Gesetzestreuen, das auf private Initiative gebaut wurde. Darüber, wie die Synagoge dann Teil der Jüdischen Gemeinde wurde und von ihrem Männerchor, der in der Weimarer Republik Berühmtheit erlangte. Aber auch darüber, wie die Synagoge unter den Nationalsozialisten geschändet wurde, als Wäscherei und vielleicht gar als Pferdestall herhalten musste. Während der deutschen Teilung bekam das Gotteshaus schließlich jenen Ruf, den es heute noch hat:

"Zu Westberliner Zeiten war das sozusagen die führende deutsche Synagoge: Heinz Galinski gehörte zu den Betern dieser Synagoge. Nachama hat hier gesungen und mit seiner Stimme sozusagen für Aufsehen gesorgt. Und wann immer irgendwelche berühmten Vorkriegsrabbiner in Deutschland waren, war das immer klar, die würden hier auch einen Gottesdienst abhalten. Da waren wirklich von Leo Baeck ´53 alle großen Rabbiner hier gewesen."

Mittlerweile hat sich das jüdische Leben in Berlin verändert. Fast wirkt es, als sei die Synagoge in der Pestalozzistraße ein wenig an den Rand der Wahrnehmung gerückt – obwohl sie wie kaum eine andere die Geschichte des Berliner Judentums verdichtet. Dazu kommen Diskussionen um die Finanzierung des Chors. Umso mehr betont Joachim Jacobs vom Synagogenvorstand die Bedeutung des Hauses:

"Ich denke, die Synagoge Pestalozzistraße ist so quasi ein Flaggschiff für das klassisch-deutsch liberale Judentum und zwar so, wie es sich entwickelt hat bis 1933, so wie sich der Gottesdienst bis 1933 entwickelt hatte. Dieser Gottesdienst wurde dann hier nach 1945 weitergeführt. Und wir halten diese Tradition und wir hoffen, diese Tradition auch weiterhin erhalten zu können."

Wie lebendig diese Tradition auch heute noch ist, zeigt sich etwa bei der Buchvorstellung in der Synagoge. Alle Plätze sind gefüllt, als Esther Slevogt über ihren Band spricht – gefolgt von den ganz persönlichen Anekdoten einzelner Beter. Reihum erzählen sie - und verknüpfen die Geschichte des Hauses mit Lebenserinnerungen. Immer wieder fällt dabei natürlich auch der Name Estrongo Nachama: Der weltberühmte Kantor hat die Synagoge nach dem Krieg wie wohl kein Zweiter geprägt. An ihn erinnert sich etwa Farid Charrabe, seit 1946 Beter in der Synagoge:

"Wenn der Gottesdienst Freitag Abend oder Sonnabend vormittags war und es Sommer war, dann standen natürlich die Fenster offen und es kam sehr häufig vor, dass mehr Christen damals vor der Tür dem Gesang lauschten als Juden innen drin beteten. Von Nachama, diesem Kantor, konnte man eigentlich sagen: Er hat nicht mit den Worten gebetet, er hat mit dem Herz gebetet. Das heißt, seine Stimme, die Musik, die Worte, die Geste - das war alles eins."

Weitere Informationen:
Der Band "Die Synagoge Pestalozzistraße" ist in der Reihe "Jüdische Miniaturen" im Hentrich & Hentrich-Verlag erschienen. Er kostet inklusive einer MP3-CD mit liturgischer Musik 14,90 Euro.

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