FKK und Schamgefühl

    "Wir sind nackter als früher"

    07:56 Minuten
    Ein Mann sonnt sich nackt. Über seinem Kopf und seinem Intimbereich liegt jeweils ein Sombrero.
    Nicht ganz nackt: Den Blick von Fremden auf manche Körperteile wollen immer weniger Deutsche erlauben. © imago / imageBROKER / our-planet.berlin
    Carla Pohlink im Gespräch mit Nicole Dittmer · 06.08.2021
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    Nur eine Minderheit der Deutschen fühlt sich ohne Bekleidung am Strand oder in der Sauna wohl. Die Sexualtherapeutin Carla Pohlink weist auf den Siegeszug der Intimrasur hin – damit seien vor allem Frauen ungeschützter vor Blicken.
    Eine aktuelle Yougov-Umfrage in Kooperation mit dem Portal Statista ergab, dass sich Erwachsene in Deutschland an Orten, an denen man nackt ist, etwa am FKK-Strand oder in der Sauna, eher unwohl fühlen (36 Prozent) als wohl (28 Prozent). Der Rest meidet solche Orte grundsätzlich oder machte keine Angabe.
    Vor allem Frauen fühlen sich unwohl (39 Prozent), bei Männern sind es 34 Prozent. Klischeegemäß geben Ostdeutsche (36 Prozent) häufiger als Westdeutsche (26 Prozent) an, sich an Orten wie einem Nacktstrand wohlzufühlen.

    Eine "Veränderung der Intimkultur"

    Warum ist öffentliches Nacktsein nicht mehr so angesagt? Die Inszenierung von Nacktsein, Schönsein und Optimiertsein in den Medien sei ein Grund dafür, sagt Carla Pohlink, Fachärztin für Innere Medizin und Sexualtherapeutin. Sie spricht aber auch von einer "Veränderung der Intimkultur" durch bestimmte Körperideale, konkret im Intimbereich:
    "Wir sind häufig nackter als früher. Es wird in den allermeisten Fällen doch rasiert. Das heißt also, wir haben einen Blick, den wir früher nicht hatten, der noch mal sehr viel freier ist."
    Es gebe Daten, dass sich insbesondere Frauen damit unsicherer fühlten. Pohlink befürwortet daher "ein bisschen Behaarung, weil man sich ja damit ein kleines bisschen bedeckter fühlt". Am FKK-Strand oder in der Sauna entledige man sich des letzten Feigenblatts – "dann ist der Blick auf die Intimzonen freigelegt". Durch den stark vermehrten Konsum von Pornos hätten sich neue Schönheitsideale für die Genitalien entwickelt, zum Beispiel, wie eine Vagina auszusehen habe.
    "Wir haben als Frauen haben nie den Blick auf die Genitalien anderer Frauen, jedenfalls meistens nicht", sagt Pohlink. "Männer sind da anders sozialisiert, die sehen ihren eigenen Penis oder eher mal den Penis eines anderen Mannes." Die Genitalien seien heutzutage einerseits ein Schönheitsideal, andererseits mit Funktionalität belegt.

    Die eigene Körperlichkeit annehmen

    Ein gesundes Schamgefühl wäre nach Ansicht der Sexualtherapeutin, "vorsichtig mit sich und seiner Persönlichkeit und seiner Verletzlichkeit zu sein". Wir sollten uns nicht für unsere Körperlichkeit schämen; es sei wichtig, sich anzunehmen und sich nicht mit einem Extradruck zu belegen.
    Das Bedürfnis, nackt zu sein, sei etwas Natürliches und im Menschen angelegt, sagt Pohlink: "Man kann sich frei bewegen, spürt sich anders, man spürt die Umgebung anders, es ist ein schönes, angenehmes Gefühl." Man solle den nackten Körper daher nicht nur als im Raum ausgestellt sehen, rät die Therapeutin. Das Allerschönste sei ja, nackte Haut an nackter Haut zu spüren und sich vom Partner oder Partnerin so angenommen fühlen, wie man ist.
    (cre)
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