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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 30.05.2010

Fischdemenz

Von Udo Pollmer

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Fische im Korallenriff vor den Florida Keys. (NOAA)
Fische im Korallenriff vor den Florida Keys. (NOAA)

Spitzenmeldung in "Science-online" war eine Entdeckung in der Ostsee: Forscher haben im Fisch eine Substanz aufgespürt, die in der Lage ist, gesundheitliche Phänomene zu erklären, die bisher rätselhaft waren.

Wie schnell eine neue Erkenntnis bisherige Vorstellungen auf den Kopf stellen kann, zeigt eine Untersuchung eines schwedisch-tschechischen Teams: Sie haben in der Ostsee Fische analysiert und dabei haben sie ein Gift entdeckt, das bisher nur aus Flughunden bekannt war. Noch dazu von Flughunden, die auf einer pazifischen Insel herumsegeln. Diese Tiere fressen gerne die Früchte der Cycaspalme. In deren Wurzeln wiederum arbeiten stickstoff-fixierende Algen, genauer gesagt Cyanobakterien, und die erzeugen ganz nebenbeo auch das fragliche Gift. Von den Wurzeln gelangt es zu den Früchten, die fressen dann die Flughunde – und prompt reichert sich das Gift um das 10.000-fache an.

Und wo liegt nun das Problem? Die Menschen auf dieser Insel, auf Guam, die braten sich gern mal einen Flughund. Und das führt dann zu einer ebenso geheimnisvollen wie tödlichen Nervenkrankeit, einer Art Demenz, die der Parkinsonschen Krankheit ähnelt. Der verantwortliche Stoff wird BMAA abgekürzt. Ausgeschrieben heißt er ß-Methylamino-L-alanin, es ist eine giftige Aminosäure.

Diese Krankheit gibt es in ähnlicher Form nicht nur auf Guam sondern auch andernorts, wo sich die Bevölkerung vorwiegend von Fisch ernährt, so auf der Kii-Halbinsel in Japan oder auf Neuguinea. Verabreicht man diese giftige Aminosäure an Affen, so erkranken sie an Demenz. BMAA reichert sich im Nervengewebe an und entfaltet seine Wirkung nach Jahrzehnten. Dabei verstärkt sie Schäden, die durch andere Nervengifte ausgelöst wurden. Bei Alzheimer-Patienten wurden bereits hohe Gehalte an BMAA im Gehirn gefunden.

Und wie kommt dieses Gift aus den Flughunden nun in die Fische der Ostsee? Auf dem gleichen Wege wie in die Flughunde. Auch hier sind Cyanobakterien, also Blaualgen die Urproduzenten. Über die Nahrungskette gelangt das Gift in unsere Speisefische. Zwar liegen die Gehalte deutlich niedriger als in den Flughunden aus Guam – aber es gibt auch bei uns Meeresbewohner mit erhöhten Gehalten: Das sind die Fische, die sich am Meeresboden durchfuttern und vor allem Muscheln. Die Muscheln filtern die Blaualgen direkt aus dem Meerwasser. Heringsfilets hingegen sind praktisch frei davon – denn auch beim Fisch reichert sich der Stoff zuallerst im Gehirn an.

Damit erscheinen viele Forschungsarbeiten zum Thema Fisch als Nervennahrung in neuem Licht. Wurde doch jahrelang vermutet, daß die nachteiligen Folgen eines reichlichen Fischverzehrs aufs Nervensystem vor allem dem Quecksilber geschuldet wären. Das giftige BMAA ist da ein viel besserer Kandidat. Außerdem dürfte es da neben Miesmuscheln und Plattfischen noch andere Pfade geben. Wenn das Vieh beispielsweise mit Fischmehl gefüttert wird, dann dürfen wir auch da mit Spuren rechnen.

Nicht zu vergessen die Hülsenfrüchtler, denn die leben mit Knöllchenbakterien in Symbiose. Dazu können auch schon mal Cyanobakterien gehören. Wie wär’s wenn die Kollegen mal die Sojabohne überprüfen würden – schließlich gibt es irritierende Studien, bei denen der Tofuverzehr mit Hirnschäden und Demenz im Alter korrelierte.

Cyanobakterien gibt es überall auf dieser Erde – zu Lande und zu Wasser, vom Südpol bis zum Nordpol – und das Spektrum ihrer Gifte ist erstaunlich breit. Dennoch sollten wir nicht vergessen, daß sie in der Natur eine ganz wichtige Rolle spielen: Sie fixieren nicht nur Stickstoff aus der Luft und ermöglichen damit den Pflanzen die Bildung von Eiweiß. Die Cyanobakterien im Meer sorgen auch für frische Luft. Rein rechnerisch produzieren sie 50 Prozent des Sauerstoffs auf dieser Erde. Mahlzeit!

Literatur:
Jonasson S et al: Transfer of a cyanobacterial neurotoxin within a temperate aquatic ecosystem suggests pathways for human exposure. PNAS 2010; early edition
Aráoz R et al: Neurotoxic cyanobacterial toxins. Toxicon 2010; in press
Peuthert A et al: Uptake of microcystins-LR and –LF (cyanobacterial toxins) in seedlings of several important agricultural plant species and the correlation with cellular damage (lipid peroxidation). Environmental Toxicology 2007; 22: 436-442
Sytnikov DM et al: Physiological reaction of legume plants to inoculation with algal-rhizobial associations. Acta Agronomica Hungarica 2009; 57: 239-244
White LR et al: Brain aging and midlife tofu consumption. Journal of the American College of Nutrition 2000; 19: 242-255
Hogervorst E et al: High tofu intake is associated with worse memory in elderly Indonesian men and women. Dementia and Geriatric Cognitive Disorders 2008; 26: 50-57
Schulz N: Photosynthetic viruses keep world’s oxygen levels up. New Scientist 30.8.2009: 12

Mahlzeit

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