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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.03.2006

Finstere Sittenbilder

David Peace: „1977“

Rezensiert von Ursula März

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David Peace schreibt Geschichten ohne Hoffnungsschimmer, ohne positive Figur. (Stock.XCHNG / Peter Saddington)
David Peace schreibt Geschichten ohne Hoffnungsschimmer, ohne positive Figur. (Stock.XCHNG / Peter Saddington)

Gesetzlosigkeit herrscht in den Kriminalromanen des englischen Schriftstellers David Peace. Auch in seinem neuen Roman "1977" sind nicht nur die Verbrecher, sondern ebenso Polizisten wie Polizeireporter aktiv in Schuld und Kriminalität verwickelt.

Zu Beginn des Romans "1974" von David Peace fährt ein Polizeireporter in der nordenglischen Provinz zur Beerdigung seines Vaters. Es ist der 12. Dezember 1974, kurz vor Weihnachten. Der Reporter hat wenig Zeit. Er ist hinter einer Story her, die über seine Position in der Zeitungsredaktion entscheidet. Ein Mädchen wird vermisst, die Vermutung, dass es einem Mord zum Opfer fiel, verdichtet sich, ebenso die Vermutung, dass dieser Mord in eine Reihe anderer Taten, anderer Mädchenmorde in der Gegen gehört.

Immer wieder schaut der Reporter auf seine Armbanduhr. Es ist die Uhr seines verstorbenen Vaters. In diesem Motiv konzentriert sich der Stoff, aus dem die schonungslos schwarzen Kriminalromane des englischen Autors David Peace bestehen: Der Vaterverlust ist ein Symbol der Gesetzlosigkeit, die bei David Peace keineswegs nur die Verbrecher, sondern die ganze Gesellschaft betrifft, Polizisten ebenso wie Polizeireporter, alle sind aktiv in Schuld und Kriminalität verwickelt. Die Uhr indes, die Zeit und der Zeittakt, den sie anzeigt, ist ein Symbol der Unentrinnbarkeit des Serienverbrechens.

Auch in "1977", dem zweiten Roman von David Peace ist ein Serienkiller am Werk. Er foltert, verunstaltet und tötet Prostituierte in der englischen Grafschaft Yorkshire. Wie in "1974" setzt die Handlung unmittelbar vor Weihnachten ein, wieder stehen sich bei der Suche nach dem Mörder ein Reporter und ein Polizist als Kontrahenten gegenüber, die zugleich heimliche Verbündete und Sünder sind. Denn beide sind just jenem Rotlichtmilieu verfallen, in dem der Prostituiertenmörder wütet.

Die Kriminalromane des englischen Schriftstellers David Peace sind finstere, pessimistische Sittenbilder der englischen Gesellschaft; Geschichten ohne Hoffnungsschimmer, ohne positive Figur, geschrieben in einer gleichsam klaustrophobischen Erzählform. Ohne Kommentar, ohne Erläuterung und Erklärung des Autors befindet sich der Leser in jedem Moment mitten im Geschehen, mitten im Herz der Finsternis. Die beiden Romane "1974" und "1977" sind die ersten Teile einer Tetralogie, an der David Peace arbeitet.

David Peace: 1977
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Verlag Liebeskind, München 2006, 396 Seiten

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