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Weltzeit | Beitrag vom 04.11.2019

Finnland führt beim UN-WeltglücksreportDas glücklichste Land der Welt

Von Michael Frantzen

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Ein Mann sitzt auf einem Steinhügel am Finnischen Meerbusen und blickt in die Ferne, hinter ihm steht ein kleines Zelt. (Eyeem / Happyphotons)
Finnen sind nicht unbedingt breit grinsend glücklich, aber zufrieden, sagt die Comic-Zeichnerin Karolina Korhonen. (Eyeem / Happyphotons)

In keinem Land der Erde sind die Menschen so glücklich wie in Finnland - und das laut "World Happiness Report" der UN schon das zweite Jahr in Folge. Sauna, Wald, saubere Luft. Macht das die Finnen so glücklich? Was kann man von ihnen lernen?

Ein Juwel ist es tatsächlich, ein verstecktes: Valissari, die Insel in der Bucht von Helsinki, der finnischen Hauptstadt. Bis vor fünf Jahren war hier militärisches Sperrgebiet. Die Soldaten sind weg, Backstein-Kasernen und kleine Bullerbü-Holzhäuser geblieben.  

Auch auf dem ehemaligen Marinestützpunkt stehen die berühmten Mökki, die bunten, finnischen Sommerhäuser. Es ist Samstag, kurz nach zwölf. Und eigentlich hätte Robin Falck frei - doch vor ein paar Tagen kam der Anruf von der Stadt Helsinki: Ob er Zeit habe, am Wochenende ein paar Multiplikatoren seine "Nolla-Hütte" zu zeigen. Der 29-jährige Designer musste nicht lange überlegen. Klar hat er Zeit. Schließlich ist Nolla sein neuestes Projekt. Nolla heißt Null auf Finnisch. Null wie null Stress.

"Ich habe meine erste Mini-Hütte mit 19 gebaut", erzählt er. "Auf dem Grundstück unseres Sommerhauses. Es wurde mir mit meinen Eltern einfach zu eng. Ich wollte meine Ruhe.  Die Hütte war mit das erste, was ich überhaupt designt habe. Ich habe sie eigentlich nur für den Eigenbedarf gebaut, aber dann meinten Freunde: 'Sieht cool aus. Und dann auch noch nachhaltig. Das ist doch bestimmt was für die Presse und Blogger. Schick denen doch was!' So ist daraus ein Selbstläufer geworden."

Kein Leitungswasser und Sonnenkollektoren auf dem Dach

Letztens ist Robin von seiner Wohnung im Osten Helsinkis nach Valissari gepaddelt, im Kajak. Eine Stunde dauert das. Er mache das häufiger, erzählt der Mann mit dem Seitenscheitel, während er sich seinen Weg durchs Gestrüpp bahnt.

Sportlich ist Robin schon immer gewesen. Sportlich und naturverbunden. Deshalb war für den Jung-Designer auch klar, dass seine Hütte einen möglichst geringen ökologischen Fußabdruck hinterlassen soll. Also, möglichst nur natürliche Baumaterialien: Finnisches Birkenholz. Sonnenkollektoren auf dem Dach. Kein Leitungswasser.

"Kein Leitungswasser. Nein. Aus mehreren Gründen", erklärt Robin Falck. "Die Hütte ist bewegbar, da würden Leitungen nur stören. In unserem Mökki hatten wir früher auch kein fließendes Wasser. Ich weiß noch: Wir haben das Wasser immer von der Quelle in Kanistern nach Hause geschleppt. Das ist typisch Finnisch. Dieses Minimale. Am Anfang denkst du vielleicht: Moment mal, wo ist denn der Wasserhahn? Doch das legt sich. Es hat sich zumindest noch kein Gast beschwert. Du kannst meine Hütte ja mieten. Es ist eher umgekehrt: Wenn du dich aufs Wesentliche beschränkst, kannst du alles viel mehr genießen."

Robin Falck steht neben der von ihm entworfenen "Nolla-Hütte". (Michael Frantzen)Inmitten von Bäumen auf der Insel Valissari: Robin Falck vor der von ihm entworfenen "Nolla-Hütte". (Michael Frantzen)

Idyllisch ist sie gelegen, Robins Mökki, inmitten von Birken und Kiefern, auf einem Fels. Kein Handyempfang, kein Nachbar, stattdessen: Natur soweit das Auge reicht. Robin hat sich auf die kleine Terrasse seiner Mini-Hütte gesetzt. Stundenlang sitzt er hier manchmal,  abends beim Sonnenuntergang – und kann sein Glück kaum fassen.  

"Unsere Naturverbundenheit spielt eine große Rolle"

Ziemlich glücklich sind auch Robins Landsleute. Der Designer lacht. Natürlich hat auch er davon gehört, dass Finnland laut "UN-Glücksindex" das glücklichste Land der Welt ist. Schon das zweite Jahr in Folge.

"Es ist ganz lustig", sagt er. "Wenn du uns Finnen kennenlernst, denkst du vielleicht: Sind die still. Und schüchtern! Und die sollen so glücklich sein?! Aber es stimmt: Wir sind glücklich. Es mag sich vielleicht nach einem Klischee anhören, aber unsere Naturverbundenheit spielt eine große Rolle. Egal, was du machst, egal, wo du lebst: Innerhalb kürzester Zeit bist du draußen. In der Natur. Kannst abschalten."

"Es hat heute Morgen geregnet", sagt Katja Tiainen. !Also habe ich meine Regenklamotten angezogen und bin raus, in den Park. Es war super nett."

Gut 20 Minuten sind es mit dem Boot von Valissari bis zum alten Hafen von Helsinki. Katja Tiainen kommt hier häufiger vorbei, meist mit Eeva, ihrem Collie. Die Yogalehrerin mag das Gewusel, dass am Pier Markfrauen mit sonnengegerbten Gesichtern lauthals ihre eingelegten Gurken und Pulla, Zimtschnecken, anpreisen.

Auch Katja hat von der Sache mit dem Glücksindex gehört. Natürlich! Sie ist ja nicht umsonst "Glücksbotschafterin." Eine von acht, die im Auftrag der finnischen Tourismusbehörde den Sommer über ausländischen Gästen auf die Sprünge geholfen hat: in Punkto Glück. Ende Juni hatte die 27-Jährige Besuch von Madeline, einer jungen Kölnerin. War prima, der Besuch, sprudelt es aus der Frau im weißen Fransen-Pulli heraus. Als erstes habe sie Madeline mitgenommen in den Wald. Zum Meditieren.

"Es ist eher ein inneres Glück"

"Der Wald hat etwas Beruhigendes", sagt Katja Tiainen. "Im Grunde genommen sind wir Menschen nicht viel anders als Bäume und Pflanzen. Wenn wir die richtigen Zutaten haben und ein gutes Umfeld, blühen wir auf. Jedes Mal, wenn ich in den Wald gehe, bin ich total geflasht, wie sich alles verändert, je nach Jahreszeit. Es ist wie bei uns Menschen. Wir gehen ja auch durch verschiedene Phasen."

Eine neue Phase möchte auch Katja einläuten. Nur Yoga unterrichten: Das ist ihr auf Dauer zu einseitig. Deshalb will sie sich zur Sozialarbeiterin ausbilden lassen. Das Soziale, meint sie, während die Möwen über ihrem Kopf kreisen, das Soziale sei ihr wichtig. Dazu muss man wissen: Auch in Finnland gab es in den letzten Jahrzehnten neoliberale Reformen, wurden soziale Standards gekappt. Doch längst nicht so radikal wie in vielen anderen Ländern.

"Vielleicht merken die Leute gar nicht, wieviel Glück sie haben", sagt Katja Tiainen. "Du wirst in Finnland kaum jemanden sehen, der mit einem strahlenden Gesicht durch die Straße läuft und flötet: 'Meine Güte, bin ich glücklich.' Es ist eher ein inneres Glück. Wir behalten es für uns. Vielleicht liegt es daran, dass wir anderen damit nicht auf den Wecker gehen wollen. Wenn ich einem deprimierten Typen sage: Was bin ich happy: Dann würde der sich ja nur noch schlechter fühlen."

Selfies im Wald oder am See

Dem Glück auf der Spur ist auch Jennifer de Paola, berufsbedingt: "Es ist bewiesen, dass die Natur therapeutische Wirkung hat. Deshalb wundert es mich nicht, dass die Finnen ganz oben stehen auf dem Glücksindex. Ich habe mir als Sozialpsychologin angeschaut, was Finnen unter dem Hashtag 'Onnellinen' auf Instagram posten. Onnellinen bedeutet: Glücklich sein. Oft sind es Naturaufnahmen. Oder die Leute machen Selfies von sich im Wald oder am See."

Jennifer ist spät dran. Eigentlich müsste die 32-jährige Italienerin schon längst an der Uni von Helsinki sein. Doch ihre Mutter ist gerade aus Italien zu Besuch und heute Morgen in ihrem Schlepptau, deshalb hat es etwas länger gedauert. Die Doktorandin ist in letzter Zeit eine gefragte Frau. Spätestens seitdem Finnland schon das zweite Mal in Folge beim Weltglücksreport auf Position eins landete – unter 156 Ländern. Und alle wissen wollen, wie sie denn aussieht, die finnische Glücksformel.

"Die nordischen Länder bekommen es ziemlich gut hin, die Stressfaktoren zu reduzieren, die Leute unglücklich machen", sagt Jennifer de Paola. "Wenn wir Finnland nehmen: Das Bruttoinlandsprodukt ist solide. Die durchschnittliche Lebenserwartung hoch. Es existiert eine Art Grundvertrauen. Die Finnen vertrauen sich und dem Staat. Das ist nicht zu unterschätzen. Dann darfst du nicht vergessen: Es gibt in Finnland viel flachere Hierarchien als in anderen Ländern. Mehr Gleichheit. Weniger Gehaltsunterschiede. Finnland ist kein Paradies auf Erden, aber es funktioniert hier vieles besser als anderswo. Das alles sind Faktoren, die dich vielleicht persönlich nicht unbedingt glücklicher machen, aber dafür sorgen, dass du weniger gestresst bist und weniger unglücklich."

Genervt vom Gerede über ihr glückliches Land

600 Posts hat die Frau mit den schwarzen Locken, die seit über acht Jahren in Finnland lebt, für ihre Glückstudie untersucht. Sie holt ihr Handy hervor. Ein paar Klicks: Und schon taucht der erste Post unter dem Hashtag #Onnellinen auf: strahlende Gesichter in der Natur. Jennifer lacht. Typisch finnisch. Genau wie Sisu.

"Du kannst Sisu nicht wirklich übersetzen", sagt sie. "Sisu ist, wenn du widerstandsfähig bist. Beharrlich. Ich glaube, das hat damit zu tun, dass das Leben in Finnland noch bis in die 50er-Jahre verdammt hart war. Diese endlosen Winter,die Armut, das hat die Finnen geprägt. Sie haben dieses Talent zu sagen: Augen zu und durch. Sie meistern harte Zeiten. Und sind danach stärker als zuvor."

Felix Finlandia: Einigen Finnen geht das Gerede über ihr ach so glückliches Land auf die Nerven. Das muss man Jennifer nicht zweimal sagen. Sie kennt die Kritik. Dass wirtschaftliche Faktoren wie das Bruttosozialprodukt oder geringe Korruption im UN-Glücksreport solch eine große Rolle spielen. Die hohe Zahl Depressiver und Alkoholiker in Finnland dagegen außen vor bleibt.

"Das ist ein interessantes Paradox", sagt Jennifer de Paola. "Einerseits Platz eins auf dem Weltglücksindex. Und dann hast du diese hohe Zahl depressiver Menschen und Alkoholiker. Aber das ist nur vordergründig widersprüchlich. Es ist Definitionssache. Wenn ich sage, Glück: Das bedeutet, du bist nicht depressiv, hast keine psychischen Probleme, bist kein Alkoholiker. Dann wäre Finnland nie und nimmer auf Platz eins vom Glücksindex. Wenn ich aber Glück eher als Zufriedenheit definiere: Dann sieht die Sache schon anders aus. Dann kannst du mit Fug und Recht behaupten, Finnland ist im Moment das glücklichste Land der Welt."

Drei Millionen Saunen für 5,5 Millionen Einwohner

Dass sich die Finnen ziemlich glücklich schätzen können, hat auch schon Jennifers Mutter Manuela bemerkt. Die pensionierte Schneiderin, die länger in der Schweiz gelebt hat, ist zum achten Mal zu Besuch in Finnland, bei der Tochter und den finnischen Glückspilzen. 

"Ich war überhaupt nicht überrascht", sagt sie über den Spitzenplatz der Finnen beim Glücksindex. "Weil ich vergleiche es natürlich mit Italien, wo ich wohne. Und denke, man könnte viel dazu tun, damit es uns besser ginge, in Italien. Zum Beispiel: Vorausschauen. Vorausschauen können die Italiener sehr schlecht. Sie leben eher den Moment. Und der geht ja schnell vorbei."

Kimmo Helistö neben den beiden "Sauna-Hunden" Axu und Leo (Michael Frantzen)Saunabetreiber Kimmo Helistö und die beiden "Sauna-Hunde" Axu und Leo (Michael Frantzen)

Drei Millionen Saunen bei 5,5 Millionen Einwohnern. Macht im Schnitt für jeden zweiten Finnen eine Sauna, hat Saunabetreiber Kimmo Helistö ausgerechnet: "Die Sauna ist unsere Privatkirche. Wir gehen rein und sind still. Du lässt deinen Gedanken freien Lauf. Sauna ist für uns Finnen etwas Heiliges. Jeder echte Finne war mit spätestens drei Monaten das erste Mal in der Sauna. Für uns ist das wie Frühstücken oder Mittagessen. Wir machen uns da ehrlich gesagt keine großen Gedanken drum."

"Wenn alle nackt sind, weißt Du nicht wer wer ist"

Seit knapp einem Jahr existiert Kimmos "Uusi Sauna", seine "neue Sauna". 474 Quadratmeter, drei Saunaräume: einer für Frauen, einer für Männer, ein gemischter. Dazu ein viereinhalb Tonnen schwerer Ofen und ein minimalistisch eingerichtetes Restaurant, mit veganen Burgern und Axu und Leo, den zwei "Sauna-Hunden."

"Wenn alle nackt sind, weißt du nicht wer wer ist", sagt Kimmo Helistö. "Ist das jetzt ein Professor, ein Arzt, ein Polizist? In meine Sauna kommen wirklich die unterschiedlichsten Leute. Junge. Alte. Du kannst arm sein, reich. Spielt alles keine Rolle. Ich mag das. Das ist schon sehr ungewöhnlich. Deshalb sollten wir Finnen stolz sein auf unsere Saunakultur."

Glücksfaktor Sauna: Kimmo kann stundenlang darüber philosophieren. Der 57-Jährige geht zu den Schwarz-Weiß-Fotos an der Restaurantwand: Alles Saunen. Die da, meint er, und zeigt nach links: War eine der ältesten Helsinkis. Der Glatzkopf bückt sich, unten steht es: Die Aufnahme ist von 1913. Die Uralt-Sauna hat längst zugemacht, wie die meisten anderen öffentlichen Badehäuser. Über hundert gab es Anfang des 20. Jahrhunderts allein in Helsinki, aktuell sind es nur noch sechs. Aber was heißt "nur". Der Mann, der einst auf dem Dach des legendären New Yorker "Hotel Gershwin" Sauna-Partys organisierte, verzieht das Gesicht. Vor fünf Jahren waren es ganze drei. Kimmos Landsleute, sie scheinen wieder zusammenzurücken, schwitzenderweise.

"Ich bin ja immer noch ein bisschen Anarchist – und alter Punk-Rocker", sagt Kimmo Helistö. "Also wenn du mich fragst, warum wir so glücklich sind: Wir kennen es einfach nicht besser. Nein, Spaß beiseite, das liegt natürlich an der Sauna. Sauna macht glücklich. Und unseren Wohlfahrtsstaat, den darfst du auch nicht vergessen. Er funktioniert immer noch ganz gut. Wir kümmern wir uns umeinander. So bleibt keiner auf der Strecke."

"Wir sind einfach introvertiert"

Auf der Strecke geblieben ist allerdings Kimmos Ehe. Er zündet sich im Patio der Sauna eine Zigarette an. Komplizierte Geschichte, meint er. Sie seien immer noch befreundet.

"Meine Ex-Frau kommt aus Spanien", erzählt er. "Ihr haben die langen Winter anfangs wirklich zu schaffen gemacht. Noch nicht einmal die Kälte, sondern die Dunkelheit. Und dann die Leute! Sie meinte nur: 'Scheiß-Finnen! Warum schaut ihr einem nie in die Augen?' Sie hat das persönlich genommen. Und mich gefragt: 'Habe ich etwas falsch gemacht?' Also wir Finnen, ich würde sagen, wir sind nicht unbedingt schlecht drauf. Wir sind einfach introvertiert. Nicht so offen wie die Spanier. Für uns ist es völlig OK, neben jemanden im Bus zu sitzen, ohne auch nur ein Wort zu wechseln. Wir sind glücklich und zufrieden, wenn jeder mucksmäuschenstill ist."

"Finnland ist ein tolles Land, um introvertiert zu sein", sagt Karolina Korhonen. "Wir fassen uns nicht an, wir lassen uns in Ruhe, wir respektieren die Privatsphäre. Vielleicht willst du einfach nicht, dass ich dir zu nahe komme und dich anspreche. Deshalb halte ich Distanz, aus Respekt."

Mit introvertierten Finnen kennt sich Karolina Korhonen bestens aus, introvertierten und extrovertierten. Der introvertierte Finne schaue beim Gespräch auf seine eigenen Füße, der Extrovertierte auf die seines Gegenübers: Den Witz erzählt die Comic-Zeichnerin aus Oulu, Finnlands fünfgrößter Stadt rund sechshundert Kilometer nördlich von Helsinki, ganz gerne.

"Finnische Alpträume" sind Karolinas Spezialgebiet, ihre Comics Verkaufsschlager: "Bei meinen 'Finnischen Alpträumen' geht es nicht darum, fies zu sein. Oder dich zum Fremdschämen zu animieren. Ich zeichne lustige Alltagsgeschichten. Wir Finnen sind nun mal kleine, introvertierte Seelen, die es schnell mit der Angst zu tun bekommen."

Finnen sind nicht unbedingt glücklich, aber zufrieden

Seit 2015 durchlebt Matti, Karolinas Comic-Alter-Ego, seine finnischen Alpträume. Matti im Bus, beim verzweifelten Versuch sich in Smalltalk zu üben, beim Date: Das ist typisch finnisch. Und in China ein Riesenerfolg.

"Es gibt sogar ein neues Wort im Chinesischen wegen meiner Comics", sagt Karolina Korhonen. "Jing-fen, das bedeutet: spiritueller Finne. Das ist natürlich ein Riesen-Kompliment. Ich bin fast vom Hocker gefallen, als ich davon gehört habe. Als ich im April in China war, haben mir die Leute erklärt, warum sie meine finnischen Alpträume so toll finden. Privatsphäre ist in China ein Luxus. Deinen eigenen Platz zu haben, ohne, dass dir jemand reinredet. Gerade die chinesische Jugend leidet sehr unter diesem Mangel an Privatsphäre. Sie würden am liebsten einfach in Ruhe gelassen werden, wie wir Finnen halt."

Karolina Korhonen sitzt auf einem Sofa (Michael Frantzen)Die "Finnischen Alpträume" von Karolina Korhonen sind in China ein Riesenerfolg. (Michael Frantzen)

Diese Unzufriedenheit spiegelt sich auch im UN-Weltglücksreport wider: Unter 156 Ländern landet das Reich der Mitte auf Platz 86. Karolina hat auch davon gehört. Doch auch sie hat so ihre Probleme mit der Aussagekraft des Berichts.

Finnen sind nicht unbedingt glücklich, aber zufrieden: Karolina sieht das ähnlich wie Jennifer, die Glücks-Forscherin.

"Das Wort Glück trifft es einfach nicht. Glücklich sein heißt auf Finnisch Illoinen oder Onnellinen. Also, wenn du denkst, Finnen laufen mit einem breiten Grinsen durch die Gegend. Und singen: Hei-Ti-Tei, mir geht es super gut, ich bin so glücklich. Wenn du das erwartest, bist du falsch gewickelt. So sind wir nicht. Aber wenn du Glück durch Zufriedenheit ersetzt, kommen wir der Sache schon näher. Irgendwie denken wir Finnen: Das Leben ist zwar nicht perfekt, aber wird schon. Du lebst in einem sicheren Land und kannst deiner Regierung vertrauen. Du hast diese Gewissheit: Was immer auch passiert: Jemand wird dir helfen. Du wirst höchstwahrscheinlich nicht Millionär oder der glücklichste Mensch der Welt, aber, du kommst über die Runden. Du bist in Sicherheit", sinniert die Alptraum-Frau, ehe sie anfängt, in ihrem neuen Bildband zu blättern: finnische Sprichwörter als Comic.

"Der plötzliche Erfolg hat mir Angst bereitet"

Jahrelang hat sie daran gefeilt, bis sie zufrieden war. Verkauft sich gut, der Band, obwohl Karolina nicht groß dafür wirbt: Keine TV-Auftritte, ganz wenige Interviews. Und erst recht keine Buchtour. Sich auf Podien setzen, Bücher signieren, für Karolina wäre das der reinste Horror.

"Als meine 'Finnischen Alpträume' so erfolgreich wurden, habe ich ernsthaft überlegt, meine ganze Facebook-Seite offline zu nehmen und mich zu verstecken", erinnert sich Karolina Korhonen. "Der plötzliche Erfolg hat mir Angst bereitet. Meine erste Reaktion war: Ich sterbe. Und ich will doch nicht sterben. Also verkrieche ich mich lieber. Mit der Zeit hat sich das gelegt, aber ab und zu überkommt es mich immer noch. Jedes Mal, wenn ich ein Foto von mir im Internet sehe oder etwas über mich in der Zeitung steht, denke ich: Oh Gott, jetzt werden mich bestimmt alle wieder anstarren. Obwohl sie das natürlich gar nicht tun."

Nächstes Jahr soll die nächste Folge von Karolinas "Finnischen Alpträumen" erscheinen. Es soll wieder um verlorene Seelen gehen. Und warum die Finnen glücklich und zufrieden sind.

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