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Zeitfragen | Beitrag vom 29.10.2019

Finanzstandort FrankfurtBoom dank Brexit

Von Victor Gojdka

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Blick auf die Skyline von Frankfurt am Main (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)
Nach dem Brexit könnte Frankfurt dem Finanzstandort London Konkurrenz machen. (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)

Frankfurt hofft, vom Brexit-Drama zu profitieren. Das Ausscheiden könnte den deutschen Finanzplatz stärken. Die Mieten explodieren jedenfalls schon jetzt. Am Englischen Theater in Frankfurt blickt man mittlerweile mit Galgenhumor auf das Brexit-Chaos.

Die Lobby eines der verglasten Hochhäuser im Frankfurter Bankenviertel: Mitten zwischen Bankern und Börsianern liegt das Englische Theater. Schauspieler William Arundell muss sich gerade auf die nächste Probe vorbereiten. Aber der Brexit, sagt er, drängt sich immer wieder in seine Gedanken: "Wir hatten Sorge, weil unsere Vorpremiere am 31. Oktober ist. Der Tag, an dem wir eigentlich die EU verlassen sollten." Und die Company habe nicht gewusst, ob sie ausgerechnet zur Eröffnungsnacht schließen muss.

Höhere Kosten für Kulturschaffende

Dass die Bühne dunkel bleibt? Diese Gefahr ist gebannt. Aber wie es nach einem harten Brexit mit der Krankenversicherung aussieht oder mit der Steuer? Solche Fragen machen ihm Sorgen, sagt Theaterintendant Daniel Nicolai, etwa beim Blick auf die Steuer. Denn er vermutet, dass die Schauspieler ausländersteuerpflichtig werden. "Und das sind dann pauschal 25 Prozent", sagt Nicolai. Für seine Mitarbeiter ein echtes Problem, aber auch für den Intendanten: "Für uns wird das alles teurer und ich nehme an, dass wir bald viel höhere Kosten haben."

Der Intendant des Englischen Theaters, Daniel Nicolai, steht im Zuschauerraum des Theaters. (picture alliance / dpa / Arne Dedert)Gute Mine zum bösen Spiel: Der Intendant des Englischen Theaters, Daniel Nicolai, sieht im Brexit-Chaos jede Menge Theaterstoff. (picture alliance / dpa / Arne Dedert) 
Notfallpläne für einen harten Brexit zu schreiben, habe er irgendwann aufgegeben. In Westminster ändere sich ja doch jeden Tag wieder alles. Vorbereiten könne er sich aktuell nur auf die Premiere am Theater – so wie das auch William Arundell macht. "Ich muss mich aufwärmen, weil es in dem Stück viele Wörter in ganz kurzer Zeit gibt", erzählt der Schauspieler. Für seine Sprachübungen hat er sich den Namen einer britischen Theaterikone ausgesucht: Judi Dench.

Finanzplatz Frankfurt hofft auf zusätzlichen Profit

Abseits von den Brettern der Theaterbühne spielen sich auf dem Parkett an der Frankfurter Börse ebenfalls täglich Komödien und Tragödien ab; und am Tag nach dem Brexit-Referendum ein echtes Drama. Der deutsche Leitindex Dax kracht unter die Marke von zehntausend Punkten. Der Brexit ist Gift fürs Geld. Doch schon bald dämmert Finanzexperten, dass er vielleicht auch positive Seiten hat. Für den Finanzplatz Frankfurt zum Beispiel und Investoren. "Gerade viele Banken, die bislang mit England das Tor zur EU gehabt haben, die werden jetzt aus London abziehen und sich neue Plätze suchen müssen", so Börsenhändler Oliver Roth von der Bank Oddo-Seydler. Nach der Entscheidung der Briten die EU zu verlassen, sagte er, der Finanzplatz am Main profitiere vom Brexit.

Dieser Profit läuft unter anderem bei Markus Kullmann auf; mitten in einer der zugigen Schluchten im Frankfurter Bankenviertel, durch die der Wind an diesem Oktobertag nicht nur den Nieselregen peitscht, sondern auch den grollenden Baulärm. Kullmann ist Berater beim Immobilienvermittler JLL, in Frankfurt vermittelt er Büroflächen. Und bald dürfte es davon noch mehr geben, sagt er vor dem alten Deutsche-Bank-Areal. Hier entsteht derzeit das "Four": Vier Hochhäuser, zwei davon mit Büros, zwei zum Wohnen. "Plus zwei Hotels mit Riesen-Einzelhandel", so Kullmann.

Mieten steigen in astronomische Höhen

Nach der Brexit-Entscheidung hat der Immobilienmakler vielen Banken in Frankfurt Büros organisiert. Alle wollen in die beste Lage. Und die wollten nicht einfach nur ein schnödes Hochhaus, sondern etwas Besonderes, erzählt er. So etwas wie den Taunusturm: "Wir haben jetzt hier diese super-cleane, repräsentative Lobby. Kontrastprogramm ist nebenan das Café." Darin geht es turbulent zu: Das Café bietet Snacks an, mittags können sich Banker zum Businesslunch treffen und später auf einen Drink zum Feierabend. "Es brummt total", sagt Kullmann zufrieden.

Bars, Fitnessstudios oder Kitaplätze im eigenen Haus sollten die Brexit-Banker von der Themse an den Main locken. Und in der Tat: Seit dem Votum ist der Büro-Leerstand in Frankfurt gesunken. Die Büromieten: gestiegen. In Bestlage müssen Banken inzwischen knapp 40 Euro für den Quadratmeter zahlen. Aber steigende Preise bekämen auch die Normalbürger zu spüren: "Wenn da Zehntausende Londoner Investmentbanker nach Frankfurt kommen, dann ist das natürlich ein Problem." Denn denen sei es egal, ob das Brötchen beim Bäcker 50 Cent oder zwei Euro koste.

Großen Hoffnungen erfüllen sich nicht

An der Frankfurter Börse läutet die Eröffnungsglocke einen neuen Handelstag ein und das Börsenfrühstück, das jedes Quartal stattfindet. Das "Who is Who" der Finanzszene lässt sich am Parkett blicken. Die Banker diskutieren auch, wie sich der Finanzplatz Frankfurt seit dem Brexit-Votum entwickelt hat. Fakt ist: Die großen Hoffnungen der Finanzwirtschaft haben sich nicht erfüllt. Am Anfang hatten viele noch mit zehntausend Brexit-Bankern gerechnet. Jetzt sollen es bis 2021 insgesamt kaum 3500 sein. Nicht verwunderlich, findet Robert Halver von der Baader-Bank mit Blick auf Frankreich. Die Pariser Regierung etwa lockte mit Steuererleichterungen. "Da haben wir zu wenig getan", glaubt der Analyst. Man müsse den Eindruck haben, dass man in Berlin in punkto Banken "pfui" denke.

Das sieht Gertrud Traud anders. Die Chefvolkswirtin der Hessischen Landesbank gilt in Frankfurt als Grande Dame am Finanzplatz. Sie sagt: Auch wenn die Zahlen insgesamt kleiner ausfallen, habe die deutsche Finanzmetropole andere europäische Städte beim Brexit klar ausgestochen. "Und da ist Frankfurt mit seinen rund 30 Banken weit vor Paris, weit vor Amsterdam oder auch Dublin, was ja einen echten Sprachvorteil hat."

Eine Farce für die Theaterbühne?

Zurück am Frankfurter "English Theatre". Hier geht es in die heiße Phase für die Proben. Auch für Theaterintendant Daniel Nicolai, der inzwischen seine ganz eigene Perspektive auf den Brexit hat. Das Gezerre um den Ausstieg und die nicht enden wollenden Diskussionen im britischen Parlament sei "auf jeden Fall ganz viel Material für Theaterautoren". Vermutlich entstünden aus alle dem einige Musicals. Schließlich seien Brexit und die Folgen wie eine Farce, die sich seit drei Jahren hinziehe. "Ich glaube, die werden das in London gut verarbeiten."

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