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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 02.01.2015

Finanznot von KünstlernGebt den Künstlern endlich Aufträge!

Von Sebastian Hennig

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Farbtöpfe und Pinsel stehen in einem Atelier. (picture alliance / Horst Ossinger - Horst Ossinger)
Die Kunst muss raus aus ihrer Nische, auch durch gezielte Aufträge, sagt Sebastian Henning. (picture alliance / Horst Ossinger - Horst Ossinger)

Das kreative Fußvolk ringt in Deutschland mit prekären Lebensverhältnissen - ganz besonders die bildenden Künstler. Um etwas gegen diese Misere zu tun, sollten Mäzene gezielt Kunst in Auftrag geben, fordert der Maler Sebastian Henning.

Wirtschaftsmagazine veröffentlichen gelegentlich Listen mit den Schwerverdienern unter den Künstlern. Stets finden sich Malerfürsten auf den ersten Plätzen. Doch mit der beruflichen Realität freischaffender bildender Künstler hat das Ranking wenig zu tun. Das kreative Fußvolk ringt nämlich mit prekären Lebensverhältnissen.

Der russische Komponist Nikolai Rimski-Korsakow meinte, wer sein Leben der Kunst widmen dürfe, habe kein Recht sich zu beklagen. Freilich, die Kunst belohnt sich selbst. Sie vergoldet noch das kläglichste Dasein mit dem Widerschein des Ruhmes. So wird der Künstler zum ehrenamtlichen Repräsentanten seiner selbst.

Bislang keine gesetzliche Gebührenordnung

An einer Vernissage verdienen allenfalls Musiker, Rahmentischler, Weinhändler und ein Laudator. Dem Maler aber bleibt die Hoffnung, dass vielleicht eins der ausgestellten Bilder verkauft wird, was aber eher unwahrscheinlich ist.

Darum drängen bildende Künstler auf eine gesetzliche Gebührenordnung. Vor zwanzig Jahren schrieben sie ein erstes Positionspapier, vor zehn Jahren erarbeitete die SPD-Fraktion einen Gesetzentwurf, der im Bundestag nicht weiter verfolgt wurde und unlängst legte der Bundesverband Bildender Künstler Leitlinien nach.

Vorgesehen ist, dass Maler und Bildhauer schon dafür eine Vergütung erhalten, dass sie ihre Werke zu Verfügung stellen, auch für alle Leistungen, mit denen sie helfen, eine Ausstellung zu organisieren, also für Konzeption, Transport, Aufbau und Führungen.

Künstler ist kein Dekorateur

Einer meiner Künstlerfreunde lässt bereits seine Bilder für sich arbeiten. Gegen Entgelt hängt er sie in Geschäftsräumen auf. Konsequent nennt er es "Gestaltung", auf diese Art einem Raum zweckgebunden ein anderes Ambiente zu verschaffen. Als Kurator in eigener Sache sieht er sich dabei gerade nicht. Denn eine Ausstellung stellt allein das Schaffen in den Mittelpunkt.

Nun ist der Künstler nicht in erster Linie Dekorateur mit privatem Fundus, sondern ein Produzent von Artefakten. Für diese schöpferische Arbeit sollte er eigentlich bezahlt werden. Ein Honorar für Leistungen rund um eine Ausstellung ist wohl durchdacht, kann jedoch den Verkauf von Bildern nicht ersetzen.

Mehr Aufträge nötig

Kunst käme aus ihrer Nische heraus und hinein in das gesellschaftliche Leben, würden mehr Leute mit Geld - Mäzene oder Institutionen - künstlerische Arbeiten ankaufen, ja gezielt in Auftrag geben, um manch öffentlichen Raum lebendiger und lebenswerter zu machen. Wohlgemerkt, es ginge nicht darum, in prestigeträchtige Stücke zu investieren, den Kunsthandel florieren zu lassen, sondern bildenden Künstlern direkt und persönlich Arbeit und Brot zu geben.

Das war übrigens bis zuletzt der Anspruch des Auftragswesens in der DDR. Herausgekommen sind dabei keineswegs nur systemkonforme Nichtigkeiten. Ein gut bezahlter Auftrag hat übrigens noch kein Genie korrumpieren können.

Kaum zu glauben, dass genau dies Paul Cézanne forderte, jener eigenwillige französische Maler, der zu Lebenszeiten viel Spott des Kunstbetriebes ausgesetzt war. Im Gespräch mit dem jungen provenzalischen Dichter Joachim Gasquet wünschte er sich, dass mal jemand käme und ihm eine Kirchenmauer, die Saalwand eines Krankenhauses oder eines Rathauses anböte – mit dem Auftrag: "Malen Sie uns eine Eheschließung, eine Genesung, eine schöne Ernte."

(Hans Ludwig Böhme)Autor Sebastian Hennig (Hans Ludwig Böhme)Sebastian Hennig, 1972 in Leipzig geboren, studierte Malerei und Grafik an der Hochschule für Bildende Künste Dresden. Neben der freiberuflichen Tätigkeit als Bildender Künstler publiziert er in Zeitungen und Zeitschriften, vorzugsweise in "Tumult – Vierteljahreszeitschrift für Konsensstörung", ist in der Förderung des künstlerischen Nachwuchses aktiv und betreibt einen bibliophilen Kleinverlag.

 

 

 

 

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