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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 20.12.2019

Filmstart: "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl"Aus der Perspektive des kleinen Mädchens

Von Heide Soltau

Filmstill aus dem neuen Film: "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl", die Hauptdarstellerin Riva Krymalowski liegt mit einem Stoffhasen im Arm im Bett. (Warner Bros./Frédéric Batier)
Dank einer hervorragenden Besetzung ist Caroline Link ein sehenswerter Film gelungen. (Warner Bros./Frédéric Batier)

„Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ erzählt aus Sicht eines neunjährigen Mädchens von der Flucht vor den Nationalsozialisten. Es ist gewissermaßen die Biografie der Autorin Judith Kerr. Caroline Link hat diese nun in ruhigen Bildern verfilmt.

Man könnte den Film auch als Kommentar zum Zeitgeschehen interpretieren, das geprägt ist von einer Zunahme antisemitischer Übergriffe. Aber das Drehbuch sei bereits vor zwei Jahren entstanden, erzählt Caroline Link.

"Umso erschreckender, wenn ich in der letzten Zeit immer wieder von jüdischen Freunden höre, dass sie sich in Berlin nicht mehr trauen, mit einer Kippa auf die Straße zu gehen. Das ist tatsächlich etwas, was diesen Prozess des Filmemachens auf einmal überschattet und womit wir am Anfang gar nicht so gerechnet haben."

Lieber den Geist erhalten

Judith Kerr, die erst im vergangenen Mai, knapp 96-jährig, gestorben ist, habe sich selbst mehrfach um eine Verfilmung bemüht, weiß Caroline Link. Sie hat mit Kerr lediglich telefoniert, ihr aber niemals persönlich gegenüber gestanden. Es sei nicht leicht gewesen, aus diesem Buch einen Kinofilm zu machen.

"Ich wollte nicht so gern den Film künstlich dramatisieren. Es gab natürlich Ideen, wie man die Geschichte natürlich noch ein bisschen zuspitzen könnte. Ich wollte den Geist der Erzählung von Judith Kerr beibehalten."

Denn diese erzählt die Geschichte der Flucht aus Nazideutschland trotz aller Schrecken in ruhigen Bildern. Im Mittenpunkt steht die neunjährige Anna, die mit ihrem älteren Bruder Max privilegiert in einer schönen Villa in Berlin aufwächst. Umsorgt von Eltern und einer Haushälterin, die sie liebt wie eine zweite Mutter.

"Es war ja noch kein Krieg, die Familie Kerr ist ja sehr früh gegangen, 1933, aber was der Film oder auch das Buch von Judith Kerr erzählt, ist dieses Gefühl von immer wieder irgendwo fremd sein. Und wenn sich die kleine Anna immer wieder neu von Orten, die ihr gerade anfangen ans Herz zu wachsen, verabschieden muss, dann ist es natürlich diese Wehmut, die den Tiefgang von der Geschichte ausmacht, die leise ist, aber trotzdem nicht weniger intensiv."

Rohe Gewalt wurde schon zu oft gezeigt 

- Jetzt warten wir die Wahl ab. Wenn Hitler gewinnt, dann fahren wir zu Papa nach Prag. Und wenn er verliert, kommt Papa wieder heim.

- Ich will hier nicht weg.

- Das will ich auch nicht. Aber hört gut zu. Niemand, absolut niemand darf wissen, dass Papa Deutschland verlassen hart. Das ist ganz wichtig. Ihr dürft es keinem Menschen verraten. Keinem.

Regisseurin Caroline Link unterläuft die Erwartungshaltung des Publikums. So wie Judith Kerr verzichtet auch sie auf die Darstellung roher Gewalt. Es gibt keine Szenen von aufmarschierenden Schlägertrupps in braunen Uniformen, keine randalierenden SA-Leute und keine verängstigten Menschen, die sich in dunklen Verliesen verstecken müssen. Das hätten die meisten Zuschauerinnen und Zuschauer schon oft gesehen, meint Link.

"Ich fand diese Perspektive des kleinen Mädchens auf die Zeit im Exil, auf die Heimat interessant und ich fand auch die Tonlage interessant. Dass Judith Kerr sich traut, so ein harmloses Buch zu schreiben über diese grausame Zeit. Man kann ihr das ja auch vorwerfen Das wird ihr ja auch vorgeworfen! Aber sie sagt: Sie hat diese Zeit als geborgen empfunden durch die Nähe zu ihren Eltern und zu ihrer Familie."

Daran knüpft Caroline Link mit ihrem Film an. Anna hat panische Angst, genau diese Nähe zu verlieren. Das zeigt besonders jene Szene, als die Eltern nach Paris fahren. Sie hoffen, dort Arbeit und eine Wohnung zu finden, und lassen ihre Kinder für einige Wochen allein in der Schweiz zurück.

- Mama, kommt ihr sicher wieder?

- Aber natürlich!

- Vergesst uns nicht zu holen.

- Aber Anna, bist du verrückt, ich vergesse doch meine Kinder nicht.

Die Geschichte Geflüchteter ist immer noch aktuell

"Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" ist ein anrührender Familienfilm. Er erzählt aus der Perspektive Annas, was es bedeutet, wenn eine Familie von heute auf morgen zur Flucht gezwungen wird und bis auf wenige Habseligkeiten alles zurücklassen muss.

- Letzten Dienstag sind sie mit einem LKW gekommen und haben eure Sachen abgeholt.

- Was? Etwa auch den Flügel?

- Auch den großen braunen Koffer?

- Aber ja, sie haben alles mitgenommen und in ein Lager gebracht. Angeblich bis ihr wiederkommt.

- Könntest du nicht in dieses Lager gehen und den braunen Koffer holen? Da sind Spielsachen drin, die brauchen wir unbedingt. In dem Koffer war mein Kaninchen.

"Das ist die Geschichte von Flüchtlingen und das ist das, was den Stoff heute vielleicht auch aktuell macht."

Caroline Link hat die Geschichte von Judith Kerr nicht nur gerafft, Personen und Nebenhandlungen gestrichen, man kennt das aus Verfilmungen von Romanen. Sie hat auch Szenen ergänzt. Dazu gehört zum Beispiel jene, die die Familie beim Besuch einer Synagoge zeigt.

Caroline Link: "Die Tochter von Judith Kerr, die den Film neulich gesehen hat, hat mich auch gefragt, warum habt ihr das gemacht? Wieso war das jetzt für Euch wichtig? Und dann habe ich ihr gesagt, was sie nicht wusste, weil sie kein Deutsch liest, dass ich aus der Biografie über Alfred Kerr gelernt habe, dass Alfred Kerr erst im Exil sich intensiv mit der jüdischen Identität beschäftigt hat und viel darüber nachgedacht hat, was das für ihn als nicht-religiöser Mensch bedeutet. Dass ich deswegen diesen Aspekt seiner Persönlichkeit, die sich sehr verändert hat im Exil, andeuten wollte."

Dank einer hervorragenden Besetzung ist Caroline Link ein sehenswerter Film gelungen, mit Carla Juri und Oliver Masucci als Eltern und einer hinreißenden Riva Krymalowski als Anna. Die Neunjährige hatte noch nie vor einer Kamera gestanden, aber sie kannte das Buch Als Hitler das rosa Kaninchen stahl und spielt die Rolle mit einer ergreifenden Intensität.

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