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Studio 9 | Beitrag vom 05.08.2015

Filmregisseur Michael CiminoVom Wunderkind zum Enfant terrible

Von Jörg Taszman

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Der amerikanische Regisseur Michael Cimino nimmt am 22.02.1979 auf einer Pressekonferenz in Berlin Stellung zu den Gerüchten über einen angeblichen sowjetischen Protest gegen seinen Film "Deer Hunter " ("Die durch die Hölle gehen"). Der in Vietnam spielende Antikriegsfilm lief außerhalb des Wettbewerbs und stieß auf heftige Kritik bei den teilnehmenden sozialistischen Länder, die ihre Filme zurückzogen und deren Delegierte vorzeitig abreisten. Auch Regisseur Cimino verließ aus Protest über die aus seiner Sicht mangelnde Unterstützung seitens der Festivalleitung frühzeitig das Filmfest.  (picture alliance / dpa / Chris Hoffmann)
Der amerikanische Regisseur Michael Cimino im Jahr 1979 (picture alliance / dpa / Chris Hoffmann)

Beim Filmfestival in Locarno wird mit Michael Cimino einer der umstrittensten Regisseure geehrt. Er gewann mit "Die durch die Hölle gehen" 1979 zwar fünf Oscars, sorgte aber auch für wütende und leidenschaftliche Kontroversen.

Der Italo-Amerikaner Michael Cimino arbeitete sich in seinen bekanntesten drei Filmen "Die durch die Hölle gehen", "Heavens Gate" und "Im Jahr des Drachen" am amerikanischen Einwanderer-Mythos ab. Überidentifikation mit der neuen Heimat ist eins seiner Lieblingsthemen. In seinem erfolgreichsten Werk "Die durch die Hölle gehen" sind die Protagonisten Kinder russischer Einwanderer, die in den Vietnamkrieg ziehen. Der Film mit Robert de Niro, Christopher Walken und Meryl Streep gewann fünf Oscars. Auf der bei Studio Canal erschienenen Blue Ray geht der Regisseur Michael Cimino im Audiokommentar auf die Entstehungsgeschichte des Films ein.

Michael Cimino: "'The Deer Hunter' wurde ja an der Schwelle zur Reagan Ära in die Kinos gebracht. Man dachte damals in Amerika, für diesen Film gäbe es kein Publikum. Und nur der britische Chef von EMI Bernie Delfont glaubte an meine verbale Präsentation des Films. Ich hatte noch nicht einmal ein Drehbuch und erzählte ihm meinen Film in 90 Minuten. Bernie gab dann grünes Licht."

"The Deer Hunter", wie "Die durch die Hölle gehen" im Original heißt, wurde ein Riesenkinoerfolg, sorgte bei der Berlinale 1979 allerdings auch für einen handfesten Politskandal. Weil sich Vietnam durch den Film – nicht ganz zu Unrecht - verunglimpft fühlte, zogen alle osteuropäischen Staaten ihre Filme aus dem Festival zurück. Michael Cimino blieb dann auch in der Folge ein Regisseur der polarisierte und immer gut war für Skandale .

Als Cimino 1980 vom US Studio United Artists eine Carte Blanche für seinen Western "Heavens Gate" erhielt, schuf er einen epischen und tragischen Film zur Rolle von osteuropäischen Einwanderern in den USA. Das ursprüngliche Budget von 20 Millionen Dollar betrug am Ende über 40 Millionen Dollar. Und diesmal liefen die Kritiker in den USA Sturm gegen das einstige Wunderkind.

Heute ist der Film rehabilitiert

Der Film kam in seiner Langfassung nie richtig in die Kinos, wurde verstümmelt und galt als größter Flop aller Zeiten. Bis heute hält sich hartnäckig das falsche Gerücht, dieser Misserfolg habe United Artists in den Ruin getrieben. Dabei wurde das Studio nur weiter verkauft und Produzenten und Studiobosse rächten sich an den bis dahin sehr mächtigen Regisseuren. Heute gilt "Heavens Gate" zu Recht als ein rehabilitiertes Meisterwerk. Neben Kris Kristofferson in seiner wohl besten Rolle, Jeff Bridges, John Hurt und Mickey Rourke, spielte auch die damals 25-jährige Isabelle Huppert mit. Bis heute liebt sie den Film.

Isabelle Huppert: "Es ist ein großartiger Film und "Heavens Gate" ist sehr ungerecht behandelt worden. Es war ein Misserfolg. Jeder weiß das. Dennoch wurde der Film langsam Kult. Für mich ist er das Symbol eines gewissen goldenen Zeitalters, das mit diesem Film unterging. Das war zu Beginn der 80er-Jahre So weit konnte ein Regisseur mit einem so teuren Film gehen, wenn er etwas sehr Persönliches zu sagen hatte."

Michael Cimino drehte nach dem Trauma mit "Heavens Gate" noch weitere vier Filme. Bedeutend ist davon höchstens noch "Im Jahr des Drachen" von 1985 mit Mickey Rourke als polnischstämmigem Polizisten, der in Chinatown der chinesischen Mafia den Krieg erklärt. Ansonsten hat der Regisseur seit über 16 Jahren keinen Film mehr gedreht. Auch das ist ein nicht untypisches Hollywoodschicksal. Vom Wunderkind zum Enfant Terrible. Die Ehrung für sein Lebenswerk beim Filmfestival in Locarno ist jedoch mehr als verdient.

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