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Thema / Archiv | Beitrag vom 24.04.2014

FilmgeschichteGoebbels Biene?

Filmwissenschaftler über die braune Vergangenheit der "Biene Maja"

Rolf Giesen im Gespräch mit Ulrike Timm

Eine 3-D-Computeranimation der Biene Maja (picture alliance / dpa / Studio 100 Media)
Eine 3-D-Computeranimation der Biene Maja (picture alliance / dpa / Studio 100 Media)

Einfach nur niedlich? Von wegen: Die Zeichentrickserie "Biene Maja" ist bloß die bereinigte Version einer problematischen Urfassung, sagt der Filmwissenschaftler Rolf Giesen. Sie stehe für eine Kontinuität der goebbelsschen Trickfilmdramaturgie.

Ulrike Timm: Tja, und was hat das freche kleine Vieh nicht alles schon erlebt, die Biene Maja: Hornissen in die Flucht geschlagen, den fetten Mistkäfer gerettet, Freunde gefunden. Die meisten kennen die Biene Maja als Trick- oder als Animationsfilm. Das Buch ist darüber fast verloren gegangen, ein Bestseller aus dem Jahre 1912. Und mit der durchaus zwiespältigen Karriere von Autor Waldemar Bonsels und seinem Brummer hat sich der Filmwissenschaftler Rolf Giesen beschäftigt. Er findet vieles an der Biene gar nicht so süß. Herr Giesen, ich grüße Sie hier bei uns im Studio!

Rolf Giesen: Ja, schönen guten Tag!

Timm: Sie sprechen doch oder Sie haben vorab mit mir gesprochen von den vulgärdarwinistischen Zügen der Geschichte. Ups! Das ist ein großes Wort. Ist es wirklich so schlimm?

Giesen: Ja, im Insektenreich hatte man natürlich bewundert, vor allem die Bienenvölker und die Ameise, das Soldatische an den Ameisen. Und diese straffe Organisation, die hat den deutschen Leser zur Zeit des Ersten Weltkrieges bis hin in den Zweiten Weltkrieg doch sehr begeistert. Das heißt, schon um 1917 hatte die Biene Maja und ihre Abenteuer, hatten, glaube ich, 50 Auflagen schon erreicht, 1917.

Timm: Die Soldaten haben sie mit in den Krieg genommen. Und, ja, fand sie sich in den Tornistern? War die Schlacht um den Bienenstock das Beispiel für den kühnen Heldentod? Da sind ja auch viele Bienen bei umgekommen.

Ein ein straff organisiertes Bienenreich war das Endziel

Giesen: Ja, das ist sicher richtig, aber es geht hier um eine Reinkultur. Das heißt, man brauchte auch, man musste auch einen Sinn fürs Kämpfen haben, man musste einen Sinn auch für den Kampf um ein neues Deutschland haben, und ein straff organisiertes Bienenreich, in dem es ganz clean und sauber zugeht, das war sozusagen das Endziel. Und so ging es nahtlos über in die Periode des Dritten Reiches mit der Biene Maja.

Timm: Es steckt ja in der Originalgeschichte zumindest wirklich jede Menge Mord und Totschlag. Also, ich hab heute Morgen noch mal nachgelesen: "Was das Schicksal trennt, soll man nicht zusammenfügen", meint Kurt, der Mistkäfer, nachdem er den Regenwurm in zwei Teile gebissen hat. Und Majas Bienen, die ziehen ja richtig in die ultimative Schlacht gegen die Hornissen. War das das, was den Nazis so gut ins Bild passte?

Giesen: Für den Bereich des Animationsfilms, um den es mir hier ging, natürlich etwas weniger. Der Animationsfilm zur Zeit des Dritten Reiches war absolut sauber, und er war absolut banal. Natürlich gab es auch propagandistische Bestrebungen, und es gab Trainingsfilme für die Reichswehr. Aber weitgehend wollte man Disney Konkurrenz machen. Man wollte zeigen, wir Deutschen sind genauso gut. Also hatte man eine gereinigte Version der Biene Maja für den größten deutschen Animationsspielfilm der frühen 40er-Jahre vorgesehen. Es wurde in Berlin eine riesige Firma gegründet, die Deutsche Zeichenfilm GbH. 150 Zeichner wurden rekrutiert, man begann mit Kurzfilmen, aber das Endziel war eine spielfilmlange Version der Biene Maja. Und man fand die beste Autorin der UFA, nämlich Thea von Harbou, die 1941 das Drehbuch schrieb. Von ihr stammen die Drehbücher zu den "Nibelungen", "Metropolis" und "M".

Timm: Sie haben gesagt, eine bereinigte Fassung, eine saubere Fassung – was heißt das? Was hat man weggelassen?

Goebbels Zielpublikum: die eigene Kinderschar zu Hause

Giesen: Das ist etwa das, was wir heute sehen. Das ist, was mich beunruhigt. Ich habe lange im deutschen Animationsspielfilm als Autor gearbeitet, das heißt, ich habe einige dieser Dinge sicher auch verbrochen, und ich habe hinter den Kulissen probiert, etwas Widerstand zu leisten. Alles sollte brav und bieder sein, banal, es sollte keinen Tiefgang haben, keinen Antagonismus. Es sollte eine absolut heile Welt wiederspiegeln, die es überhaupt nicht gibt. Und jedes Kind weiß, es gibt sie nicht. Aber genau das war das Ziel von Goebbels, der es seinen Kindern vorführen wollte. Das heißt, das Zielpublikum von Joseph Goebbels war die eigene Kinderschar zu Hause. Er hat ja Waldemar Bonsels noch überschwänglich zu seinem 60. Geburtstag gratuliert. Und nun haben wir eine Periode, dass die Leute, die die Nazi-Biene-Maja machen sollten, dass die in den westdeutschen Trickfilm auswanderten. Die haben gemacht HB-Männchen und andere Geschichten. Und plötzlich landet beim ZDF um 1975 auf einmal wieder die gereinigte Biene Maja und wird zu einer Fernsehserie.

Timm: Aber ist die Biene wirklich an allem schuld, also ihr Schöpfer Waldemar Bonsels? Das war zwar sein größter Erfolg, aber die anderen Bücher von ihm sind von den Nazis verbrannt worden wie viele andere Bücher auch. Er muss eine ziemlich zwiespältige Figur gewesen sein. Er war hoch geschätzt und gleichzeitig hat man eben auch bei ihm Bücher verbrannt …

Giesen: Sehr, sehr christlich orientiert, er war wirklich streng christlich erzogen, aber die straffe disziplinäre, die disziplinierte und militärische Organisation der Nazis gefiel ihm. Und er hat Exemplare der Biene Maja mit immerhin, mit "Heil Hitler" gelegentlich signiert. Und natürlich wurden einige Bücher von ihm verbrannt, das waren die mit erotischen Inhalten. Aber die Biene Maja hatte dafür super Auflagen, fantastische Auflagen in der Zeit des Dritten Reiches. Er lebte am Starenberger See ohne Sorgen, Waldemar Bonsels. Er hatte verlangt 15.000 Reichsmark für die Filmrechte der Biene Maja. Gezahlt hat man ihm auf die Option erst mal 5.000 Reichsmark.

Eine angebräunte Biene

Timm: Na, immerhin. Ihr Fazit? Ist die Biene Maja seit der Nazizeit eine angebräunte Biene?

Giesen: Sie ist sicher angebräunt, und man merkt es ja heute gar nicht. Wenn ich heute mit Filmverleihern, mit Fernsehredakteuren oder auch mit Eltern spreche – die sagen, das ist doch alles ganz lieb und nett. Das ZDF besorgt mittlerweile eine Plastikbiene Maja in Computeranimation, die im letzten Jahr auf Sendung gegangen ist, und im Herbst  wird ein großer Kinofilm in die deutschen Lichtspieltheater kommen. Das ist also … diese gereinigte, banale Version ist für mich eher die Kontinuität der Trickfilmdramaturgie, der goebbelsschen Trickfilmdramaturgie, eher als, würde ich sagen, diese ursprünglich Gewaltszenen in Bonsels Buch. Ich habe große Angst vor dieser alles in Watte getauchten, ultracleanen, heilen Welt, die da suggeriert wird und aus der der deutsche Animationsspielfilm heute weitgehend besteht. Ich will keine Titel nennen, aber Eltern werden es mir nachempfinden können.

Timm: Andererseits kann man natürlich sich mit jedem Kinderbuch, wenn man will, und auch mit diesem kleinen Brummer seine Weltanschauung zusammenbasteln. Also, wenn es heißt ein "abbes Bein kann nicht krabbeln", dann kann man das als Spruch nehmen oder man kann eine Riesenphilosophie dahinter zimmern. Womöglich hat auch jede Generation aufs Neue sich ihre Biene Maja geschaffen?

Giesen: Das ist richtig, nur diese Diskussion ist leider vorher nicht geführt worden. Es wurde sogar als wertlos erachtet, über den deutschen Animationsspielfilm der Nazizeit zu richten und irgendwelche Zusammenhänge, Parallelen zur heutigen Zeit zu ziehen. Was ich möchte, ist nur – man findet nun eine populäre Figur, die diese Kontinuität hat, und man kann das Thema daran beispielhaft, exemplarisch hoffentlich neu aufrollen.

Timm: Trotzdem hat sich ja zumindest der Freundeskreis der Biene Maja noch mal sehr verändert, hat mit dem Original gar nicht viel zu tun. Also der faule Freund Willi, so als antiautoritäres kleines Extratier, das wäre im Original von Bonsels wohl gar nicht denkbar gewesen, oder?

Einen Faulpelz wie Willi hätte es bei Bonsels nicht gegeben

Giesen: Völlig richtig. Das hätte Bonsels sich niemals wünschen und träumen mögen. Er war eher für die Stummfilmversion der Biene Maja. Es wurde ja schon 1924/25 mit echten Bienen ein abendfüllender Stummfilm gedreht.

Timm: Echt? Haben die sich an ihre Rollen gehalten?

Giesen: Das musste alles durch Schnitt und Zwischentitel behoben werden, was die Bienen da nicht mitmachten. Also er war ein Realist. Und stand dem Trickfilm etwas skeptisch gegenüber. Aber da wiederum hatte er in Goebbels die richtige Figur gefunden. Goebbels war ein absoluter Trickfilmnarr, und es war eines seiner größten Ziele, die deutsche Animationsfilmindustrie aufzubauen. Und die Biene Maja hat es also geschafft, sich hinüberzuretten in die Nachkriegszeit, ungebrochen und unbelastet.

Timm: Also sie hat eine Menge braune Flecken aus ihrer Sicht auf ihrem kleinen Bienenpelz, ja, kann man, glaube ich sagen – das sind eher Hummeln – aber auf ihren Bienenflügeln. Wenn ich aber nun schaue: Es gab den Trickfilm, es gibt heute so computeranimierte, böses Wort, aber Plastikpropellerbienen, daran denke ich, wenn ich diese kleinen, hässlichen Tierchen sehe, die nix Niedliches mehr haben. Kann man da nicht auch sagen, jede Generation kriegt die Maja, die sie verdient?

Giesen: Ja leider. Ich habe zur selben Zeit in Frankreich wunderbare computergenerierte Insektenfilme, sehr witzig, gesehen, sehr erfolgreich, und vergleiche die Ästhetik der neuen 3-D-Biene Maja. Meiner Meinung nach kann man eine simplifizierte 2-D-Figur aus der limitierten Animation – das war die Biene Maja aus den 70er-Jahren: wenig Animation, viel Dialog – die kann man nicht rund machen, die kann man nicht dreidimensional gestalten. Das sieht wirklich aus wie irgendeine Plastikpuppe, die man dann von der Biene Maja natürlich im Spielwarengeschäft erwerben kann.

Timm: Die Biene Maja, geschichtlich und filmwissenschaftlich betrachtet von Rolf Giesen. Ich danke Ihnen für den Besuch!

Giesen: Danke auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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