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Studio 9 | Beitrag vom 13.09.2020

Filmfestspiele trotz CoronaVenedig belebt das Kino neu

Ein Kommentar von Patrick Wellinski

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Der Festivaldirektor Alberto Barbera und die Regisseurin Kaouther Ben Hania begrüßen sich per Ellbogen auf dem roten Teppich. Sie tragen Maske. (Getty Images / Pascal Le Segretain)
Ellenbogengruß und strenges Hygienekonzept: Das Filmfestival Venedig hat gezeigt wie Kino in Coronazeiten funktionieren kann. (Getty Images / Pascal Le Segretain)

Die Filmfestspiele in Venedig haben im Kino stattgefunden, nicht digital. Danke dafür, sagt Filmkritiker Patrick Wellinski. Es lohne sich, alles zu versuchen, die Festivals nicht ins Netz abwandern zu lassen – und das Kino zu feiern.

So viel Politik war selten auf den Leinwänden in Venedig. Und wie in den letzten Jahren bewies auch die diesjährige Jury der Filmfestspiele in Venedig ein gutes Händchen beim Hauptpreis. Die moderne Nomadengeschichte "Nomadland" von Chloé Zhao ist einer jener Filme, die noch lange nach dem Festival wirken werden. Seine Bilder werden noch viele Menschen berühren, bewegen und mitreißen.

Und natürlich wird das im Kino geschehen. Jenem dunklen Raum kollektiver Sehnsüchte und Träume, der durch das Coronavirus von den meisten schon für tot erklärt wurde. "Nomadsland" ist die Antithese zum Streaminghype und Serienwahnsinn.

Geduld und Disziplin der Besucherinnen

Doch der wahre Sieger – daran besteht kein Zweifel – waren das Festival und seine Besucher. Die Weltvertriebe, die Produzentinnen und Regisseure, die ihre Filme zeigten, die Betreuer und Publizistinnen, die sie vermarktet haben, und schließlich auch alle Fachbesucherinnen, die durch ihre Geduld und Disziplin in den letzten zehn Tagen unter Beweis gestellt haben, dass es möglich ist, dem Kino nach Lock- und Shutdown einen Rettungsring zu zu werfen. So formulierte es auch die mit dem Preis für die beste weibliche Darstellung ausgezeichnete Schauspielerin Vanessa Kirby.

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Aber keiner wird so froh und glücklich sein wie der Festivaldirektor Alberto Barbera, der vor Monaten noch für seine Pläne, auf jeden Fall das Festival dieses Jahr zu veranstalten, stark kritisiert worden war. Seine Entschlossenheit hat sich ausgezahlt. Mit einem sehr gut organisierten und wirksamen Hygienekonzept, mit Fiebermessungen, Maskenpflicht im und außerhalb des Kinos, mit einem erstaunlich effizienten Ticketsystem, wurden die Kontaktbeschränkungen so weit wie es nur möglich ist durchgehalten.

Grazie Venezia!

Natürlich war das keine Garantie für einen derart entspannten Verlauf dieser Großveranstaltung. Und es ist schwer vorstellbar, dass Festivals wie Berlin oder Cannes nächstes Jahr das gerade geglückte Venedig-Konzept eins zu eins übernehmen können. Zu unterschiedlich sind Infrastruktur und Festivalkultur, auch die Frage nach dem künftigen Infektionsgeschehen wird entscheidend sein.

Was aber die ganze Festivalbranche vom Lido mitnehmen kann, ist die hoffnungsfrohe Haltung: Es lohnt sich. Es lohnt sich alles zu versuchen, die Festivals nicht ins Netz abwandern zu lassen. Weniger Filme, weniger Publikum – das mag auf den ersten Blick vielleicht gegen die Intuition gehen. Aber derzeit scheint das der Weg zu sein, um das Kino weiterleben zu lassen, um es dann nach der Pandemie umso stärker wieder in unserem Alltag und unserer Wahrnehmung zu verankern. Dahingehend will ich der Biennale nur zurufen: Grazie Venezia!

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