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Fazit | Beitrag vom 22.06.2019

Filmfestival in ShanghaiZwischen Film und Zensur

Anke Leweke im Gespräch mit Eckhard Roelcke

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Die Skyline von Shanghai bei Nacht. (imago / imagebroker / Norbert Eisele-Hein )
Shanghai feiert derzeit seine Filmbranche. Viele Filmschaffende sind allerdings aufgrund der neuen Zensurbestimmungen verunsichert. (imago / imagebroker / Norbert Eisele-Hein )

In China findet das 22. Internationale Filmfestival Shanghai statt. 15 Filme konkurrieren um den Goldenen Kelch. Gleichzeitig hat China die Zensur gegen Filmschaffende verschärft. "Es ist ein ziemlich angespanntes Jahr", sagt Filmkritikerin Anke Leweke.

Schon seit längerer Zeit ist China auch ein Global Player in Sachen Film. Das merkt man unter anderem daran, dass vermehrt die Namen chinesischer Produktionsfirmen in den Abspännen von Hollywoodfilmen findet und dass auf den Filmmärkten in aller Welt die Chinesen emsige Einkäufer sind.

Das große Filmfestival im eigenen Land ist, wie Cannes, Venedig oder Berlin, ein sogenanntes A-Festival mit einem internationalen Wettbewerb und mit Welt- und internationalen Premieren. Doch der eigentlich geplante Eröffnungsfilm "Achthundert" durfte nicht gezeigt werden.

"Zum Hintergrund: Man steht kurz vor den Feierlichkeiten zum 70. Geburtstag der Volksrepublik China, es ist der 30. Jahrestag zu den Geschehnissen am Platz des Himmlischen Friedens und da achtet man von offizieller Seite schon darauf, ob etwas ins Bild passt oder nicht", erklärt Filmkritikerin Anke Leweke. Der Film "Achthundert", der eine wahre Begebenheit während des Kriegs 1937 mit Japan erzählt, passe da nicht ins Bild.

"Man möchte jetzt keinen Film sehen, in dem die Nationalisten die Helden sind, die sich für ihr Land geopfert haben. Deswegen geht man davon aus, dass es Probleme mit der Zensur gab", so Leweke. Es ist unklar, ob der Film überhaupt in die chinesischen Kinos kommt.

Nur Filme mit offiziellen Logo dürfen gezeigt werden

"Es ist ein ziemlich angespanntes Jahr, das merkt man hier auch an der Stimmung", berichtet Anke Leweke aus Shanghai. Man spüre eine große Verunsicherung. "Im März 2017 wurden die Verordnungen der Zensurbehörde zum Gesetz erklärt. Das heißt zum Beispiel, wenn man seinen Film ohne das offizielle Logo, den Drachen, auf einem ausländischen Festival zeigt, macht man sich strafbar."

Doch welche Strafe bekommen die Filmschaffenden dann? Nur eine Geldstrafe oder Berufsverbot? Das sei bisher unklar, so Leweke. "Deswegen fühlen sich die Regisseure in die Ecke gedrängt, manche überlegen sogar ihre Firmen zu verkaufen, auch wenn sie durchaus einen internationalen Namen haben. Andere erklären einem wiederum, dass das auch alles viel Geld kostet: Man muss immer mit dem fertigen Film zur Zensurbehörde, dann muss man eine Szene rausnehmen, dann muss wieder alles neu gemischt werden."

Galgenhumor unter Filmschaffenden

Aktuell gebe es auf dem Festival eine Art Galgenhumor, berichtet unsere Kritikerin: "Es werden hier Anstecknadeln mit dem offiziellen Logo verteilt und wenn man die sich ansteckt, dann ist man eben eine offizielle Person."

Auch auf die Filmbranche in Hongkong sei der Einfluss vom Festland China mittlerweile groß. "Es ist  so, dass alle großen Hongkong-Produktionen mit Geld vom Festland gedreht werden", sagt Leweke. So sei es schon vorgekommen, dass Schauspieler aus Hongkong, die sich politisch positioniert hätten, plötzlich von der Leinwand verschwunden waren.

Chinas Kino boomt

China ist ein großer Filmmarkt. Das Kino boomt und gehört zu den Hauptfreizeitvergnügen der Chinesen. "Es gibt nach wie vor eine Quote, das heißt es dürfen jährlich nur 30-40 ausländische Filme im Kino gezeigt werden", erklärt Leweke. Dennoch versuche man sich ein Standbein in Länder zu verschaffen, in denen die Filmbranche nicht so gut laufe:

"Während des Festivals gab es ein Produktionsabkommen zwischen China und Iran. Da kann man gespannt sein", sagt Leweke. Denn die Frage bleibt: "Wie passt die kommunistische Ideologie mit der islamischen Republik zusammen?"

(nho)

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