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Im Gespräch | Beitrag vom 16.11.2020

Filmemacher Lars Kraume"Warum machen wir diesen Film heute?"

Moderation: Britta Bürger

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Lars Kraume blickt ernst in die Kamera (Foto: privat)
Der Filmregisseur Lars Kraume (Foto: privat)

Lars Kraume dreht "Tatorte" und Fernsehserien, verfilmt aber immer wieder auch historische Stoffe, wie etwa "Der Staat gegen Fritz Bauer". Die neueste Arbeit des Regisseurs zum Thema Sterbehilfe ist durch das jüngste Gerichtsurteil hochaktuell.

"New-Hollywood-Kino, also amerikanische Filme der 60er-, 70er-Jahre" – damit ist der Regisseur und Drehbuchautor Lars Kraume aufgewachsen: "Die kannte ich rauf und runter."

Bei einer Bewerbung an der renommierten Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) allerdings wird natürlich auch das Wissen der hiesigen Filmlandschaft abgefragt, und da, so erklärt Lars Kaume, habe er "eine richtige Lücke" gehabt.

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Nachdem er dann zwei Jahre als Fotograf gearbeitet hatte, ging Lars Kraume ins Filmmuseum seiner Heimatstadt Frankfurt, sichtete reihenweise VHS-Kassetten, schloss seine Wissenslücken und drehte einen ersten Kurzfilm. Das Ergebnis seiner Arbeit: Er wird an der DFFB angenommen.

"Du bist aber nicht Steven Spielberg!"

Die DFFB sei ein Türöffner gewesen. Mit vielen Weggefährten von damals arbeitet er bis heute zusammen. Drehbücher zu schreiben erscheint dem Filmstudenten zunächst fern, eine Karriere als Kameramann scheint naheliegender. "Ich kam eben vom Bild und nicht vom Wort." Aber auch diese Lücke schließt er. Heute ist Lars Kraume als Regisseur und Drehbuchautor gleichermaßen bekannt.

Auch für seinen Film "Der Staat gegen Fritz Bauer" über den Frankfurter Generalstaatsanwalt, der in den 50er-Jahren den NS-Kriegsverbrecher Adolf Eichmann in Argentinien aufspüren lässt, hat er das Drehbuch geschrieben.

"Das war kein Selbstläufer. Am Anfang gab es viel Gegenwind", sagt der 47-Jährige. Fritz Bauer – den kenne doch niemand, sei eine übliche Reaktion gewesen. "Wenn ich dann gesagt habe, den Oskar Schindler kannte auch keiner, bis Steven Spielberg sein Leben verfilmt hat, dann haben immer alle gesagt: Ja, ja, aber du bist nicht Steven Spielberg!"

Am Ende wurde der Film mit sechs Deutschen Filmpreisen ausgezeichnet.

"Das Finden einer universellen Wahrheit"

Lars Kraume hat fast ein Dutzend Tatorte und andere Krimis gedreht. Vor allem aber historische Stoffe beschäftigen ihn immer wieder, wie etwa die sechsteilige Serie "Die Neue Zeit" über die Gründerjahre des Weimarer Bauhaus‘ oder "Das schweigende Klassenzimmer" über die Reaktion einer Abiturklasse in der DDR auf den Ungarischen Volksaufstand 1956.

Es gehe dabei nicht darum, historische Fakten aneinanderzureihen, sondern "um das Finden einer universellen Wahrheit oder einer persönlichen, einer speziellen in diesem Ereignis."

Wenn man einen Film über ein historisches Ereignis drehe, müsse man sich immer fragen: "Warum machen wir den heute? Und was ist der Bezug zur Gegenwart?"

Die Verantwortung der Kamera

Sein jüngster Film "Gott" über Sterbehilfe – nach "Terror" Kraumes zweite Verfilmung eines Theaterstücks von Ferdinand von Schirach – hat auf eigene Weise hochaktuellen Bezug zur Gegenwart: Im Februar 2020 hat das Bundesverfassungsgericht neu über das Verbot "geschäftsmäßiger Sterbehilfe" entschieden.

In Lars Kraumes Film diskutieren in einer fiktiven Ethikratsitzung die Teilnehmenden über den Fall eines gesunden Mannes, der Sterbehilfe in Anspruch nehmen will. Wie bei "Terror" kann auch hier am Ende das Fernsehpublikum selbst abstimmen, wie es den Fall beurteilt. Das bedeutet für Lars Kraume auch eine zusätzliche filmische Verantwortung.

"Die Kameraarbeit bei diesem Film ist tatsächlich extrem unmanipulativ. Sie ist sozusagen ganz symmetrisch, ganz gerade, ganz gleichmäßig, extrem demokratisch. Es gibt genauso viele Nahaufnahmen für jede Figur. Es gibt immer ein ausgewogenes, sozusagen ein ausbalanciertes filmisches Vokabular, mit dem wir versuchen, Neutralität herzustellen."

(era)

Zu sehen ist "Gott" am 23. November 2020 um 20:15 Uhr im Ersten.

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