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Thema / Archiv | Beitrag vom 18.04.2012

Filme aus Studios, die "parallel zum Staat irgendwie verrotten"

Wiesbadener Festival widmet sich der Geschichte alter sowjetischer Filmproduktion

Barbara Wurm im Gespräch mit Susanne Führer

Das Filmfestival läuft vom 18. bis zum 24. April in Wiesbaden. (Stock.XCHNG - Janusz Gawron)
Das Filmfestival läuft vom 18. bis zum 24. April in Wiesbaden. (Stock.XCHNG - Janusz Gawron)

"GoEast" lautet der Titel der mittel- und osteuropäischen Filmtage in Wiesbaden mit rund 140 Filmen aus 26 Ländern. Barbara Wurm, Kuratorin des Festivals, weist hier auf eine ganz einmalige Reihe mit historischen russischen Filmen hin: Den Werken der Lenfilm Studios.

Susanne Führer: Heute beginnt in Wiesbaden GoEast, das Festival des mittel- und osteuropäischen Films, Deutschlandradio Kultur ist Medienpartner. Und da gibt es natürlich, auf diesem Festival, jede Menge Filme zu sehen, dazu Diskussionen und ein Symposium, das sich in diesem Jahr keinem aktuellen Trend, sondern einer Historie widmet: Lenfilm. Das ist das älteste sowjetisch-russische Filmstudio in Sankt Petersburg, vorher Leningrad, und deswegen heißt es Lenfilm. Barbara Wurm leitet und kuratiert dieses Symposium, schön, dass Sie da sind, Frau Wurm, guten Tag!

Es gibt nun nicht nur historische, sondern auch aktuelle Gründe, sich mit Lenfilm zu beschäftigen, nämlich die Pläne, dieses Studio zu privatisieren. Dagegen haben die Regisseure Alexander Sokurov und Alexej German vehement protestiert, es gab auch ein Treffen mit Putin. Wie ist denn jetzt der Stand der Dinge?

Barbara Wurm: Ja, die Situation ist relativ schlecht und das schon seit längerer Zeit. Die Hoffnung ist ein bisschen aufgekeimt im letzten Jahr, Ende letzten Jahres, als es tatsächlich eine Reaktion gab von Putin auf den öffentlichen Brief, den German und Sokurov verfasst hatten. Das sind die zwei großen Autoren, die in diesem Studio letztlich auch groß geworden sind. Putin hat reagiert, hat versprochen, er wird diesen Prozess der Privatisierung stoppen, seither ist nichts passiert. Man wurde immer wieder auf die Wahlen vertröstet, es hat geheißen, nach den Wahlen werden auch die Personalien ausgetauscht. Das Kulturministerium ist wahrscheinlich betroffen, vielleicht auch ein Ministerium für Staatseigentum, all die Stellen, die eigentlich dafür zuständig sind. Lenfilm ist zu 100 Prozent eine Aktiengesellschaft, die dem Staat gehört, das heißt, es ist der Staat, der eigentlich sich um dieses Studio kümmern sollte. Er tut es seit circa 20 Jahren nicht mehr und seither ist auch die große Zeit, wenn man so möchte, dieses Studios passé.

Führer: Was ist denn Lenfilm heute? Also, ich habe in einem Artikel gefunden, das sei ein unkommerzielles Independet-Studio. Das klingt irgendwie nett, aber werden da überhaupt noch viele Filme produziert?

Wurm: Es werden sehr wenig Filme produziert und auch die meisten völlig jenseits der öffentlichen Wahrnehmung. Die großen Regisseure wandern meistens ab, beispielsweise Sokurov selbst. Aber er ist mit seinem vorletzten Film bei Lenfilm wieder beteiligt. Er hat auch seinen Film über den japanischen Kaiser, "Solntse - Die Sonne", direkt im Pavillon des Studios noch gedreht - auch so ein kleines bisschen als Zeichen: 'Wir brauchen Euch noch und ihr seid auch für uns noch gut!' Aber wenn man dieses Gelände, das mitten in der Stadt liegt, betritt und sich anschaut, dann kriegt man einerseits mit, dass das Territorium für alle aktiven Filmschaffenden in dieser Stadt ist. Also auch die privaten, kleineren, sehr erfolgreichen Studios wie STW von Selianow oder eben Sokurovs eigenes Studio haben ihre Studioabteilungen auf diesem Territorium, also geografisch und vom Persönlichen her, vom Kontakt her ist es absolut vital. Aber die eigenen Pavillons, die Lenfilm-Pavillons, das sind einfach Stätten, die parallel zum Staat irgendwie verrotten!

Führer: Aber wenn Sie nun sagen, der Staat ist Eigentümer und hat sich 20 Jahre nicht gekümmert, dann wäre doch eine Privatisierung vielleicht gar nicht so schlecht?

Wurm: Ja, das klingt vielleicht in unseren Ohren so, aber Privatisierung bedeutet auf Russisch nur eines, und gerade mit ehemaligen Produktionsstätten und Kinos bedeutet das nur eines, nämlich den Bau von Hotels, von Kasinos, von Dingen, die Geld bringen, und nicht von Dingen, die in irgendeiner Weise als Kulturstätten funktionieren.

Führer: Gut, also die Zukunft von Lenfilm ist weiter ungewiss, schließe ich daraus, Frau Wurm. Jetzt blicken wir mal auf die Geschichte: Man liest immer, seit 1918 wurden da 1500 Filme produziert, trotzdem gilt ja eigentlich Mosfilm, also aus Moskau, noch ein bisschen mehr als die Nummer eins. Wofür steht Lenfilm, was ist das Eigene, das Besondere an diesem Filmstudio?

Wurm: Lenfilm ist erstens das älteste Filmstudio der UdSSR. Wenn man zurück nach Russland geht, ins vorrevolutionäre Russland, kann man eigentlich auch sagen – und Lenfilm heute tut das natürlich–, dass es 1912 gegründet wurde, deswegen feiern wir auch so in gewisser Weise das 100-Jahre-Jubiläum. Lenfilm ist die Nummer zwei, das bedeutet: Es ist immer kleiner gewesen, überschaubarer. Man könnte fast sagen, wenn Mosfilm so eine Art Kolchose war, wo es einen Chef gab und eine gewisse starke Struktur, dann war Lenfilm eine Art Kollektiv, das in gewisser Weise auch freiwillige Verbünde gegründet hat. Es gibt starke Schulen, es gibt starke Figuren, die als Lehrer für wieder andere aufgetreten sind.

Führer: … aber starke Schulen, starke Lehrer, das spricht nicht für Experimentierfreude?

Wurm: Ja, das ist das Interessante, dass die großen Schulenbegründer einfach alle unglaublich experimentelle oder experimentell denkende und frei denkende Regisseure waren. Unser Steckenpferd ist Friedrich Ermler, Ermler war schon in den 20er Jahren auch der Gründer eines der experimentellen - nicht nur Studios, sondern - Kollektive. Seines hieß KEM, das andere berühmte hieß die FEX, die Fabrik des exzentrischen Schauspielers. Und da hört man schon raus, dass diese 20er-Jahre einfach unglaublich draufgängerisch und avantgardistisch waren, und dass es die gleichen Regisseure waren, die später auch eben bis in die 60er gearbeitet haben, das heißt, auch den ganzen Stalinismus mitgemacht haben, den Sozrealismus mitgemacht haben, das Tauwetter mitgemacht haben, dass es die waren, die sozusagen diesen experimentellen Funken letztlich auch, glaube ich, versucht haben, über die Jahre zu erhalten.

Führer: Deutschlandradio Kultur, ich spreche mit Barbara Wurm über das älteste sowjetisch-russische Filmstudio, über Lenfilm. So ganz das Besondere habe ich jetzt noch nicht verstanden, Frau Wurm, an Lenfilm?

Wurm: Es ist das Besondere, dass sich in der Geschichte eines solchen Studios, das einfach eine Nummer zwei ist, bestimmte Eigenschaften oder Tendenzen der Filmgeschichte sich stärker widerspiegeln. Für uns hat das bedeutet. beispielsweise, dass Autorenfilme so zentral sind, dass bestimmte Genres so zentral sind. Lenfilm war ein absolutes Genrestudio, der Musikfilm hat dort gelebt, die Literaturverfilmung hat da gelebt, es gab Ballettfilme, Opernfilme, Operettenfilme, Tenorfilme. Die Science-Fiction hat einen großen Aufschwung in den 60er-Jahren genommen, weil gleichzeitig mit dem Lenfilm-Studio auch das populärwissenschaftliche Kino eben einen großen Hype hatte in den 60er Jahren und der Kosmos. Und ein Film, den wir zeigen, der unter Wasser spielt! Das waren einfach Szenarien, die nicht nur große Ausfluchtsräume nach dem Tod von Stalin gegeben haben, sondern natürlich auch Publikumsmagneten waren. Der Film, den wir ausgewählt haben als Eröffnungsfilm der Retrospektive beispielsweise, "Chelovek Amfibiya", war der mit Abstand populärste Film seiner Zeit. Es wurde mal nachgerechnet: Statistisch hat jeder dritte Bürger der Sowjetunion ihn gesehen, das muss man sich auch mal vorstellen!

Zu den Schulen vielleicht noch ein Wort: Wie gesagt, während Stalin lebt, geht man grundsätzlich davon aus, dass die 30er Jahre sozrealistisch geprägt sind, die 40er von den Kriegsjahren und die frühen 50er Jahre in der totalen Starre eines Nationalpathos aufgehen. Das stimmt zu einem Teil. Lenfilm hat dazu groß beigetragen, hat auch Ende der 40er, Anfang der 50er sehr, sehr wichtige Biopics gemacht über die großen Männer dieses Landes, über Pawlow, den Physiologen, über Popow, den Radiobegründer, der natürlich für die Sowjetunion überhaupt der Gründer des Radios war, hat zu diesem Nationalpathos beigetragen. Trotzdem aber gab es auch schon in den frühen 50er Jahren und dann verstärkt in den späten eine unglaublich subtile Art, quasi realistisch zu erzählen und trotzdem aber dieser neuen Realität, diesem Aufbruchsgefühl oder diesem Drang auch zu so einem freieren Dasein irgendwie Platz zu verschaffen.

Und da waren die wichtigsten Regisseure [Josif] Heifiz und … Das waren wiederum die Lehrer von Averbakh, der in den 70er Jahren eine durchaus moralische Größe war. Leningrad ist eine sehr, sehr bürgerliche, großbürgerliche, intellektuelle Stadt, und das Kino war der Ort auch für diese Menschen …

Führer: Das Symposium über Lenfilm, Sie sprechen nicht nur darüber, Sie zeigen natürlich auch viele Filme. Wie sind Sie denn überhaupt an die rangekommen?

Wurm: Eine ziemliche Odyssee. Das 20-Jahre-Verfallenlassen dieses Studios hat auch bedeutet, dass in diesen 20 Jahren sich diejenigen, die eigentlich dafür zuständig wären, es sozusagen aufrechtzuerhalten, einen großen Ausverkauf betrieben haben. Der betrifft unter anderem untertitelte Kopien. Das bedeutet, der Großteil der Kopien, die wir zeigen, stammt aus dem staatlichen Filmarchiv GosFilmoFond, das unser langjähriger Partner ist. Die Filme sind zum Großteil nicht untertitelt. Ich habe in den letzten Wochen gemeinsam mit Freunden und Bekannten, Übersetzern, Dolmetschern diese Arbeit auch noch gemacht. Wir werden die live untertiteln. Es war sehr schwierig, an die 'ranzukommen, manchmal auch aus ganz anderen Gründen, manchmal sind es historische Archivstücke, die beispielsweise erst vor einigen Jahren gefunden wurden. Wir sind ganz stolz, dass wir im Rahmen des Animationskurzfilmprogramms, das ein sehr experimentelles Programm ist, einen Film zeigen werden, der quasi seine Weltpremiere erlebt, weil der erst vor zwei Jahren im Prager Nationalstudio, im NFA, gefunden wurde. Das ist von Michael Tschechanowskij der Film "Gopak ", und eine Live-Animationsarbeit von Zechanowski, die eben, wie gesagt, in Prag gefunden wurde. Dort wusste gar keiner, dass es sich um einen russischen Avantgarde-Film handelt, und da kriegen wir eine neu gepresste Kopie aus Prag.

Führer: Barbara Wurm, sie leitet und kuratiert das Symposium zum Filmstudio Lenfilm auf dem Festival des mittel- und osteuropäischen Films GoEast, das heute in Wiesbaden beginnt, Deutschlandradio Kultur ist Medienpartner. Und ich danke Ihnen für Ihren Besuch im Studio, Frau Wurm!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Homepage des Filmfestivals goEast in Wiesbaden

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