Film "The Trouble with Being Born"

    Eine Anti-Pinocchio-Erzählung über unsere KI-Sehnsüchte

    13:10 Minuten
    Filmstill aus "The Trouble with Being Born", Berlinale 2020. Regie: Sandra Wollner.
    Lena Watson in "The Trouble with Being Born" © Panama Film
    Sandra Wollner im Gespräch mit Patrick Wellinski · 03.07.2021
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    Sandra Wollner zitiert Pinocchio als Vorbild für das künstliche Mädchen Lena in ihrem Film "The Trouble with Being Born". Zum anderen verweist sie auf Nabokovs "Lolita". Es geht ihr um den Menschen "in einer Welt, in der alle Bedürfnisse ermöglicht sind".
    Patrick Wellinski: Was hat Sie am Thema Mensch-Maschinen-Beziehung interessiert?
    Sandra Wollner: Mich hat daran interessiert, eine andere Perspektive zu finden, eine Perspektive, die nicht diesem üblichen Narrativ entspricht. Wir kennen ja dieses Genre-Narrativ: Entweder ist es die Geschichte einer Maschine, die Mensch werden möchte, oder es ist die Geschichte einer Maschine, die die Menschheit übernehmen möchte. Und das, was mich speziell daran interessiert hat, war tatsächlich eine Art Anti-Pinocchio Erzählung, also eine Geschichte des unbeseelten Stückchen Holz, das erst mal gar nichts möchte, außer dem, was man ihm einprogrammiert.
    Patrick Wellinski: Es gibt ja schon sehr ausgefallene Mensch-Maschine-Beziehung in der Gegenwart wie sah ihre Recherche aus? Die Maschinen sind ja schon längst unter uns.

    Eine Art Anti-Pinocchio

    Sandra Wollner: Naja, einerseits haben mir sozusagen einen Sci-Fi-Aspekt in diesem Film. Und wenn man sich dieses Modell, mit dem wir arbeiten, ansieht, ist es tatsächlich eher so, dass die Bewegungen und die wahnsinnige Natürlichkeit dieser Bewegung unseres Androiden, den wir uns da ausgedacht haben, in der Form noch nicht zu finden sind. Letztlich ist es aber so, dass die Idee für die KI, die hinter diesem Androiden steckt, etwas ist, bei dem ich das Gefühl habe, das umgibt uns allgegenwärtig. Das ist sozusagen Siri oder andere KIs, die uns umgeben, die uns ständig zuhören. Und insofern habe ich das Gefühl, dass es gar nicht so ein weiterer Blick in eine Zukunft ist, was wir da aufzeigen.
    Patrick Wellinski: Es ist interessant - und ich glaube, das ist auch zentral -, dass es sich in der körperlichen Form von Elli um einen kindlichen Androiden handelt. Wieso gerade ein Kind als Objekt der Begierde?
    Sandra Wollner: Einerseits denke ich, das ist sehr zutreffend. Wenn wir über einen Stand von KIs heute nachdenken, ist dieser kindliche Blick eine gute Metapher für das, wo wir uns technologisch heute befinden. Andererseits ermöglicht dieser kindliche Blick einen Blick der Neugier, ermöglicht ein Unbefangensein, ein neuer Blick auf die Welt wird möglich. Auch auf den Menschen. Das war für mich das passende Bild.

    Lolita in einer Welt der befriedigten Bedürfnisse

    Patrick Wellinski: Also, das haben Sie im ersten Teil des Films ja irgendwie schon angesetzt. Es ist nicht nur ein Objekt der Wunscherfüllung. Diese Elli ist auch ein Objekt der Trauma-Konfrontation. Wir sehen diesen Androiden zunächst mit einem älteren Mann zusammen, in einem verlassenen Haus wohnen. Das ist eine sehr irritierende Beziehung.
    Filmstill aus "The Trouble with Being Born", Berlinale 2020. Regie: Sandra Wollner.
    Lena Watson in "The Trouble with Being Born"© Panama Film
    Sandra Wollner: Ja, das ist eine absolut irritierende, erschreckende Beziehung. Die Idee dahinter war so ein bisschen: Was wäre sozusagen heute eine Lolita 2.0? Lolita in einer Welt, in der alle Bedürfnisse ermöglicht sind, in der wir sagen: Wir haben einen Mann, dessen Dynamik, dessen Bedürfnis, eine unaushaltbare sexuelle Dynamik zu diesem kindlichen Androiden ist. Und das, was mich interessiert hat, war die Frage: Was, wenn wir in dieser Abgeschiedenheit ständig unsere Bedürfnisse ausleben könnten? Was macht das mit einem Menschen? Oder was macht das mit uns, wenn wir ständige Bedürfniserfüllung ermöglicht bekommen?
    Es ist natürlich ein sehr überhöhtes Bild - eines, das auch wehtut -, diesen Mann mit diesem sehr kindlichen Androiden zuzusehen. Aber ich hielt es wirklich für notwendig, um das, was mich interessiert hat, zu zeigen. Eben diese Abgründe aufzumachen und uns darauf zurückzubringen, dass es letztlich diesem Androiden, diesem Wesen, es völlig egal ist, wofür es verwendet wird. Das beleidigt uns als Publikum auf eine Weise. Es erschreckt uns. Aber das fand ich sozusagen das Spannende. Es ist ein Spiegel für unser Menschsein. Ich glaube, dass KI und Technologie letztlich ein Spiegel von uns selbst sind und nicht zwangsläufig eine Dystopie oder eine utopische Idee hervorbringen.

    Welche Expertise zählt für die Einordnung

    Patrick Wellinski: Also auch die Frage wo sind unsere Grenzen? Wo sind die Tabus? Das konnten Sie letztendlich auch als Regisseurin direkt miterleben, als ihr Film zunächst auf ein australisches Festival eingeladen worden ist, dann aber ausgeladen wurde mit dem Vorwurf, dass der Film Pädophilie zeige. Und es geht genau um diesen ersten Teil des Films. Wie haben Sie diese Reaktion wahrgenommen? Als Regisseurin? Irgendwie bestätigt Sie das ja auf eine gewisse Art und Weise. Und dennoch ist es irgendwie falsch, dass die Menschen den Film nicht sehen, weil er so eine Triggerwarnung vorweg gesetzt bekommt.
    Sandra Wollner: Ja, also, das war tatsächlich sehr absurd. Da waren natürlich auch andere Variablen vorhanden. Wir müssen auch bedenken: Das war ein Jahr, das uns alle vor neue Herausforderungen gestellt hat. Festivals, die plötzlich online gehen mussten. Also das sind auch Faktoren, die damit hineingespielt haben. Es war aber tatsächlich so: Ich hatte ein Interview mit einer großen Zeitung und zwei forensische Psychologinnen wurden dann aufgefordert, diesen Film zu sehen. Beide haben den Film nicht gesehen - eine nur so halb – und die beiden haben sich aber explizit dagegen ausgesprochen. Sie meinten, der Film würde sozusagen TäterInnern und auch Opfer triggern.
    Auf eine Weise finde ich den Diskurs tatsächlich interessant und finde es auch selbstverständlich, dass eine Expertin, die auf diesem Gebiet eine Expertise hat, diese Meinung dazu äußern kann. Dazu ist es ja auch gut. Und es ist auch gut, darüber dann diesen Diskurs zu führen. Aber dass sich letztlich eine kulturelle Organisation, ein Kunst-Festival, sich dann auf die Meinung dieser Expertinnen verlässt, das finde ich tatsächlich ein bisschen schwierig. Und das ist etwas, wo ich das Gefühl habe, dass eine Form von Zensur stattfindet, die so eigentlich nicht notwendig wäre. Man hätte den Diskurs führen können, man hätte eine Kuration schaffen können, um diesen Film zu zeigen.
    70. Berlinale, Preisverleihung: Regisseurin Sandra Wollner spricht auf der Pressekonferenz, nachdem sie in der Kategorie "Encounters – Spezialpreis der Jury" ausgezeichnet wurde.
    Regisseurin Sandra Wollner bei der Preisverleihung der 70. Berlinale© picture alliance / dpa / Gregor Fischer
    Patrick Wellinski: Vor allem, weil der Film auch noch aus einem zweiten Teil besteht, wo Elli dann weitergereicht wird. Letztendlich, wenn man das so formulieren möchte, zu einer älteren Frau und neben dem offensichtlich trauma-psychologischen Effekt, den diese Frau durch diesen Androiden erlebt, hat sie auch nach einer gewissen Zeit einfach Angst. Und das fand ich spannend. Angst vor Elli. Eine sehr menschliche Reaktion. Zunächst ist Elli quasi Kinderersatz. Irgendwie kennt man das dann auch als Topos. Aber dann ist diese Angst da. Wie steht es denn mit der Angst, dem Unheimlichen in dieser Beziehung?
    Sandra Wollner: Es ist so, dass diese Frau von ihrem Sohn dieses Gerät vorgesetzt bekommt. Und die Idee dahinter war, dass die Handlung so lapidar ist, als würde jemand ein neues Handy mitbringen, und man muss jetzt mit dieser Technik umgehen. Und sehr schnell wird dieses Gerät für diese Frau tatsächlich eine Stütze, wird wieder zu ihrem Bruder. Und dadurch, dass sie es natürlich vermenschlicht, dadurch, dass sie ihre eigene Projektion darin sieht, bekommt sie natürlich auch Angst davor, weil es für sie wie eine Art Eigenleben bekommt, weil diese Programmierungen letztlich noch nicht ganz überschrieben worden sind, weil Dinge aus einem Vorleben, sozusagen sich in die Programmierung dieses Roboters hinein vermengen. Und das war auch ein Aspekt, der mich sehr interessiert hat, nämlich dort, wo diese Fehler entstehen, dort, wo eine Narration nicht mehr ganz schlüssig ist. Dort, wo sich Dinge und Erinnerungen überlappen. Dort beginnen wir ja eine Art Bewusstsein zu vermuten, dort, wo Fehler auftauchen, dort, wo es sozusagen menschlicher wird, weil es nicht mehr komplett perfekt ist. Und das ist auf eine Weise auch das Unheimliche daran, was mich da interessiert hat.

    Die Frage nach dem freien Willen und nach seiner Prägung

    Patrick Wellinski: Was ich interessant finde, ist, dass wir, wenn es um die Konsequenzen geht, immer die menschliche Perspektive annehmen - beziehungsweise die Perspektive der menschlichen Figuren im Film. Was Sie aber Ihren Film machen ist folgendes: Wir erleben die Geburt einer neuen Perspektive. Die Perspektive von Elli. Wir hören zum Teil aus dem Off ein Gebrabbel, Sprachversuche. Sind das so Spurenelemente der Ich-Werdung dieser KI?
    Sandra Wollner: Ja, genau. Also danke, dass Sie das so beobachtet haben. Genauso habe ich mir das tatsächlich vorgestellt. Ein Ich, ein Es, ein Über-Ich, alles in einem. Wir sehen, wie sich das hier zusammensetzt und geboren wird. Geboren natürlich in Anführungsstrichen. Die KI ist plötzlich da und kämpft ja letztlich nicht mit der gleichen Suche nach Bedeutungen wie wir es machen. Aber ja, das war die Grundidee.
    Patrick Wellinski: Aber das ist dann auch die Geburt eines freien Willens. Und ich hatte immer das Gefühl, gerade wenn man sich amerikanische Filme ansieht, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen, dass die schon sehr stark auf die Frage setzen, wie sehr entwickelt die KI einen freien Willen. Ich habe immer das Gefühl, dass es an dieser Frage hängt, ob wir uns eine Mensch-Maschinen-Zukunft vorstellen können oder nicht?
    Sandra Wollner: Aber das ist ja sozusagen auch eine Frage, die wir sehr lange diskutieren könnten, weil es mich sehr interessiert. Inwiefern gleicht dieser freie Wille, unserem eigenen freien Willen, der ja auch durch Umgebung durch eine Außenwelt geprägt wird, durch unsere Sozialisierung, durch unsere Geburt? Und diese Frage haben wir letztlich ja nicht endgültig beantwortet. Es gibt viele Aspekte dabei, die intransparent sind, die für uns nicht nachvollziehbar sind. Warum handeln wir wie wir handeln? Das übrigens viel interessantere Frage als die Frage, ob jetzt eine Maschine ein Mensch werden kann. Es ja das höchste Gut dieser Erde, ein Ich und einen freien Willen zu entwickeln.

    Wie wird etwas zu einer Erinnerung

    Patrick Wellinski: Sie setzen dieser Philosophie ja auch die visuelle Textur des Films, der jetzt kein realistisch erzählter Film ist, entgegen. Sie finden mit ihrem Kameramann schon eine sehr spezielle Textur. Es ist sehr haptisch, viel Gegenlicht auch, aber auch fast schon filterhafte Farbwechsel in einigen Szenen. Was wollten Sie damit erreichen? Was war die visuelle Idee für den Film?
    Sandra Wollner: Das Wichtigste dabei war tatsächlich diese KI-Perspektive. Für mich war es wirklich die Vorstellung, aus der Perspektive dieses Androiden zu erzählen, ohne dass im klassischen Sinne auf die Narration nur auszulagern, und am Ende nur zu sagen: Alles hat sich nur auf dieser Festplatte abgespielt. Und da war die Kamera ein ganz wesentlicher Aspekt. Zum Beispiel das Zeigen dieses Anfangsschocks. Das war für mich schon der Versuch, alles zu fassen. Ich wollte sehen, wie sich ein POV, eine Perspektive, zusammensetzt. Wir hören Geräusche. Wir wandern in einem Garten, sehen das erste Mal sozusagen eine Bildwerdung, und sie sehen ein Ich, das dann aber selbst in dieses Bild hineinkommt.
    In meinem letzten Film ging es sehr stark um diese eigene Perspektive und um die Frage: Wie wird etwas zu einer Erinnerung? Und ich hatte das Gefühl, dieser Film fängt eigentlich da an, wo der letzte aufgehört hat, nämlich da, wo Innen- und Außenperspektive sich völlig überschneiden, wo es quasi für einen Androiden, für den alles virtuell ist - wir müssen für ihn Szenen programmieren; wir müssen seinen Tastsinn programmieren; wir müssen sozusagen alles bereitstellen – wo es für ihn letztlich vielleicht keinen Unterschied mehr macht, ob etwas bereits erlebt ist oder ob es eine Vorstellung ist. Das hat mich sehr interessiert.
    Aber das ist ein sehr eigener Fetisch, den ich, glaube ich, ohnehin habe. Also die Frage: Sind wir als Geist oder als Wesen ohnehin in einem kontinuierlichen virtuellen Raum unterwegs? Inwieweit bauen wir uns unsere Welten und sind sozusagen längst in einer Virtualität? Oder waren wir es schon immer? Und bekommen wir diese Virtualität jetzt eigentlich nur als Metapher vorgeführt?
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