Film

Europäisches Kino oder eingeschränkte Wahrnehmung

2013 mit der Goldenen Palme ausgezeichnet: der französische Regisseur Abdellatif Kechiche
2013 mit der Goldenen Palme ausgezeichnet: der französische Regisseur Abdellatif Kechiche © picture alliance / dpa / Abdellatif Kechiche
Von Hartwig Tegeler · 09.05.2014
Der polnische Film "Ida" über polnische, jüdische und deutsche Geschichte startete in Deutschland mit 26 Kopien. US-Blockbuster wie "Spiderman" bringen es teilweise auf 700. Folge: Wir bekommen kaum etwas mit von der Vielfalt des europäischen Kinos. Oder gibt es die gar nicht mehr?
Viele Linien kreuzen sich in Pawel Pawlikowski Film "Ida", seit April diesen Jahres im Kino. Der Filmemacher wurde in Warschau geboren. Mit 14 verließ er Polen, lebte in Deutschland und Italien, jetzt in Großbritannien. Was für ein Geschichtenreservoir bei diesen Lebenslinien.
"Ida", sein jüngster Film, erzählt von einer Nonne im Jahr 1962, die erfährt, dass sie Jüdin ist, dass ihre Eltern von Polen während der Nazizeit versteckt, dann ermordet wurden, aus Angst vor den Deutschen, vielleicht auch aus schlichter Habgier.
Polnische Geschichte, jüdische Geschichte, deutsche Geschichte, die von einem europäischen Filmemacher in einem betörenden, melancholischen Schwarzweiß erzählt wird - zur Musik von Coltrane, Bach und Mozart.
"Ida" startete in Deutschland mit 26 Kopien. Ein US-Blockbuster aus Hollywood - "Spiderman" oder "X-Men" - bringt es auf 500, mitunter 700. Die Kopienzahl und das, was wir mitbekommen von einem Film, hängen zusammen.
Ist Europa auch im Film zermatscht zum Einheitsbrei?
Was aber bekommen wir noch mit von unseren europäischen Nachbarn in unserem Kino? Nein, nicht später auf der DVD. Gemeint sind die Bilder auf der großen Leinwand, die über Besprechungen in den Feuilletons, im Radio, im Fernsehen zum Teil einer öffentlichen, einer kulturellen Wahrnehmung werden und uns so anlocken. Vor zwei Jahren, im Jahre 2012 waren unter den 25 meistgesehenen Filmen in 27 EU-Ländern nur vier europäische Produktionen. Der Rest ... na ja ... klar.
Die Dominanz des "Koloss von Hollywood" hat die Film-Geschichten der europäischen Nachbarn inzwischen weitgehend verdrängt. Vielleicht weiß der Däne Lars von Trier ja genau, dass sich der politisch-ästhetische Skandal, den er regelmäßig inszeniert, gut macht zum Schinden von Aufmerksamkeit.
Was aber ist nun mit den anderen Filmerzählungen unserer Nachbarn? Aus Portugal, Rumänien, Dänemark, Spanien oder Polen oder Frankreich?
Klar, die Skandinavier sind mit ihren blutigen Krimis massenweise vertreten im deutschen Kino wie Fernsehen. Und die ausgefuchste, selbstbewusste Filmnation der Franzosen ebenso - mit ihrem Blockbuster-Kino à la "Ziemlich beste Freunde" oder "Willkommen bei den Sch'tis". Nur ist das die Regel von der Ausnahme. Die subtileren französischen Geschichten, auch sie wird man im deutschen Kino vergebens suchen. Der europäische Film ist dort generell unterbelichtet.
Aber Moment! Findet die kulturelle Vielfalt im europäischen Film deswegen nicht statt, weil es sie möglicherweise gar nicht mehr gibt? Weil eine Differenz der nationalen Bilder längst verschwunden ist - angesichts all der gleichen Fast-Food-Imbisse, der gleichen Jeans-Marken, der gleichen Architekturen? Ist Europa auch im Film kulturell schon zermatscht zum Einheitsbrei?
Vielfalt ins Home-Entertainment abgedrängt
Natürlich nicht! "Ida" von Pawel Pawlikowski macht das klar. Ebenso - ein anderes Beispiel - der baskisch-spanische Filmemacher Álex de la Iglesia. Dessen grandioser Film "Mad Circus - Eine Ballade von Liebe und Tod" erzählt von den traumatischen Nachwirkungen des spanischen Bürgerkrieges und der Franco-Zeit in einem Bilderreigen, angesiedelt zwischen Genie und Wahnsinn.
Da kann der geneigte Zuschauer immerhin eine genuin europäische Geschichte sehen – allerdings auf DVD, wenn er oder sie will. Denn neben dem Angebot gibt es natürlich die Nachfrage zu beachten, was bedeutet: Hollywood hat im Kino obsiegt, vollkommen klar. Die Vielfalt ist ins Home-Entertainment abgedrängt. Auch daran gibt es nichts zu deuteln. DVDs oder Downloads sind allerdings auch fernab des Arthousekinos von jedermann nutzbar.
Mithin, es gibt die Möglichkeit, europäische Filme, also die Geschichten unserer Nachbarn, jenseits der großen Festivals zu entdecken. Ein kleine Chance bei kleinem oder auch kleiner werdendem Angebot, zugegeben, aber der Kopf ist ja rund, damit er auch in diesem Fall die Blick-Richtung wechseln kann.
Hartwig Tegeler geboren 1956 in Nordenham-Hoffe an der Unterweser, begann nach einem Studium der Germanistik und Politologie in Hamburg seine journalistische Arbeit bei einem Privatsender und arbeitet seit 1990 als Freier Hörfunk-Autor und -Regisseur in der ARD, schreibt Filmkritiken, Features und Reportagen.
Hartwig Tegeler
Hartwig Tegeler © privat
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