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Frühkritik | Beitrag vom 18.06.2020

Film der Woche: "Wild Pear Tree"Türkisches Generationendrama mit Tiefgang

Von Patrick Wellinski

THE WILD PEAR TREE, Dogu Demirkol, 2018. © Cinema Guild /courtesy Everett Collection | Keine Weitergabe an Wiederverkäufer. (Cinema Guild / courtesy Everett Collection)
"Wild Pear Tree" war 2018 beim Filmfest in Cannes nominiert. (Cinema Guild / courtesy Everett Collection)

Nuri Bilge Ceylan ist einer der führenden Autorenfilmer Europas. In seinem neuen Werk lässt er einen Studenten in sein Heimatdorf zurückkehren. Ein hoch intelligenter und sehr anrührender Film, in dem universelle Themen und Gefühle verhandelt werden.

Worum geht es?

Das dreistündige Generationendrama "Wild Pear Tree" erzählt vom angehenden Lehrer Sinan, der kurz vor seiner Abschlussprüfung an der Universität aus der Stadt wieder zurück in sein Heimatdorf kommt. Dort wird er mit seiner Herkunft konfrontiert, die er in seinem unveröffentlichten autobiographischen Roman verarbeiten will: Die Spielsucht des mürrischen Vaters, die Verzweiflung der Mutter, das Fehlen der Geborgenheit, die er sich vielleicht gewünscht hätte.

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Je länger sein Aufenthalt dauert, umso mysteriöser benehmen sich die Menschen um Sinan herum. Wird er dieses Dorf je verlassen können oder wird es auf ewig ein Teil von ihm bleiben?

Was ist das Besondere?

Regisseur Nuri Bilge Ceylan ist einer der führenden europäischen Autorenfilmer und spätestens seit dem Gewinn der Goldenen Palme 2015 für "Winterschlaf" der wichtigste, derzeit arbeitende türkische Regisseur. Seine Filme sind geprägt von einer literarischen Tiefe und Melancholie, die ihm nicht von ungefähr den Ruf eines anatolischen Anton Tschechow einbrachten. Wie Tschechow interessiert sich Ceylan für die tief wabernden, existentialistischen menschlichen Bedürfnisse.

Sinans Reise in sein Dorf wird aber auch zu einer Konfrontation mit der heutigen Türkei, die wir kaum in den Nachrichtenschlagzeilen vermittelt bekommen. Sinans Freunde sind zum Teil im Dorf geblieben, zerrissen zwischen Tradition und den Verlockungen des modernen westlichen Lebens in der Stadt. Langsam wird der Film so auch zu einem treffenden Generationenporträt, das sich erstaunlich von den Wohlstandsflokseln des regierenden Präsidenten abhebt.

Bewertung

"Wild Pear Tree" ist mit seinen 188 Minuten sicherlich eine Herausforderung für den Zuschauer. Wer sich davon nicht abschrecken lässt, bekommt einen hoch intelligenten und sehr anrührenden Film zu sehen, in dem universelle Themen und Gefühle verhandelt werden. Der etwas träge Alltag der Dorfbewohner überträgt sich auf das Verhalten der Figuren, während sie über ihr Leben, die Kunst, die Liebe und das Wesen des Unglücks sprechen. Traumwandlerisch und sehnsuchtsvoll wird die staubige Welt von "Wild Pear Tree" zu einer Art Welttheater, in dem sich viel mehr spiegelt als Sinans Zukunftsängste.

Film der Woche: "Wild Pear Tree"
Regie: Nuri Bilge Ceylan
Türkei 2018
u.a. mit Dogu Demirkol, Murat Cemcir, Hazar Ergüclü, Bennu Yildirimlar
188 Minuten

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