Seit 02:05 Uhr Tonart
Sonntag, 16.05.2021
 
Seit 02:05 Uhr Tonart

Fazit / Archiv | Beitrag vom 03.04.2019

Film der Woche "Birds of Passage"Geschichte des Drogenhandels als dunkles Märchen

Von Hartwig Tegeler

Mehrere Männer und eine Frau stehen nebeneinander mit Waffen in der Hand. Im Hindergrund zwei Autos. (© 2018 Ciudad Lunar, Blond Indian, Mateo Contreras  )
Der Clan der Wayuu verdient am Drogengeschäft. (© 2018 Ciudad Lunar, Blond Indian, Mateo Contreras  )

Der kolumbianische Regisseur Ciro Guerra und Co-Regisseurin Cristiana Gallego erzählen in "Birds of Passage" von einem indigenen kolumbianischen Familienclan, der den Drogenhandel in Kolumbien begründet, für den das Land dann berühmt wie berüchtigt wurde.

Rapayet, ein indigener Wayuu aus dem Norden Kolumbiens, möchte Zaida zur Frau haben, aber er kann den Brautpreis, bestehend aus 30 Ziegen, 20 Kühen, zwei Maultieren und den Halsketten, nicht bezahlen. Dann begegnen ihm in diesem Jahr 1968 junge US-Amerikaner, die gegen den Kommunismus kämpfen, aber vor allem scharf sind auf Marihuana. So ist Rapayets Geschäftsidee geboren, seine Eheschließung mit Zaida gesichert und die Grundlage eines Drogenimperiums gelegt, das die Clans der Wayuu zu Macht und Reichtum kommen lässt.

Doch, wie es die Logik des Geschäfts, vielleicht die des Menschen, in jedem Fall aber die des Kinos will, tritt grenzenlose Gier hinzu, und damit entsteht der Zwist in der indigenen Gemeinschaft.

Das Drama vom Abstieg ins Chaos beginnt. Das traditionelle Leben der Wayuu ist so dem Untergang geweiht und Rapayet und seine Familie fallen unwiederbringlich in den Abgrund.

Besondere Farbdramaturgie

Magische Bilder, getränkt in pittoresken Farben, am Anfang. Dann, mit der Höllenfahrt, immer fahler, lebloser, wie ausgeblichen – das ist die Farbdramaturgie von "Birds of Passage".

Wunderbar, wie sich hier die Geschichte einer Familie mit der ethnografischen Erzählung über eine Kultur verbindet. Die wiederum verwoben mit einem Mafiafilm. Natürlich liegt die Erinnerung an Coppolas "Paten"-Epos nahe, dieser anderen großen Familienoper.

Ein Mann mit nakten Oberkörper und eine Frau mit roten, langen Kopftuch stehen sich in der Wüste gegenüber. (© 2018 Ciudad Lunar, Blond Indian, Mateo Contreras  )Rapayet (José Acosta) und seine Zaida (Natalia Reyes), die er unbedingt heiraten möchte. (© 2018 Ciudad Lunar, Blond Indian, Mateo Contreras) (© 2018 Ciudad Lunar, Blond Indian, Mateo Contreras  )

Doch der Unterschied liegt darin, dass Ciro Guerra und Cristina Gallego von einer matriarchalisch geprägten Kultur erzählen, in der die Männer am Ende zwar das Schmutzige erledigen, das Morden, die Schießereien. Doch Ursula, die Chefin des Clans, hat von Anfang an dem Drogenhandel ihren Segen gegeben. Und der Versuch, die Familie am Ende zusammenzuhalten, ist nur noch leeres Ritual, das wie ein Relikt aus alten Zeiten wirkt.

Das Fazit

Großartig, wie "Birds of Passage" gelingt, diese Elemente in dieser Story über den unseligen Zusammenprall von Tradition und Moderne zusammenzufügen. Und all die Pablo-Escobar-Filme und "Narcos"-Serien, die man mit ihren ganzen Drogenthriller-Klischees nicht mehr anschauen mag, können diesem Film nicht das Wasser reichen, der die Urgeschichte des Drogenhandels als surreales dunkles Märchen erzählt.

Birds of Passage
Kolumbien, Dänemark, Mexiko, 2018
Regie: Ciro Guerra, Cristina Gallego
Darsteller: Carmiña Martínez, Natalia Reyes, José Acosta, Jhon Narváez u.a.
Länge: 125 Min.
FSK: 12

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsDie Katastrophe kommt erst noch
Brennender Planet Erde aus dem All betrachtet. (imago-images / Action Pictures)

Die "NZZ" kann der Hoffnung auf eine Zeit des Feierns nach der Pandemie nichts abgewinnen. Man feiere schon längst Exzesse, "als ob es kein Morgen gäbe" und die Erfahrung einer Katastrophe stehe unseren hedonistischen Gesellschaften noch bevor.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 34Auf der Bühne mit Behinderung: Theater und Inklusion
Lucy Wilke & Paweł Duduś in dem Stück „Scores that shaped our friendship”. (Theresa Scheitzenhammer)

Die Nominierung der Schauspielerin Lucy Wilke zum diesjährigen Theatertreffen macht die Fragen nach der Vereinbarkeit von Theaterarbeit und Behinderung wieder aktuell: Was fehlt zur ganzheitlichen Barrierefreiheit? Mit Lucy Wilke suchen wir nach konkreten Handlungsansätzen.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur