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Fazit / Archiv | Beitrag vom 10.04.2010

Figuren am Rande der Persönlichkeit

Die Konferenz und Ausstellung Pictoplasma widmet sich dem Character Design

Von Christine Watty

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Allgegenwärtig: Eine Reisebus mit einem Bild von Hello Kitty fährt durch die Straßen von Tokio. (AP)
Allgegenwärtig: Eine Reisebus mit einem Bild von Hello Kitty fährt durch die Straßen von Tokio. (AP)

Characters sind vereinfachte, aufs Wesentliche reduzierte Figurendarstellungen. Solche Characters finden sich überall - in der Kunst, im urbanen Street-Art-Kontext, im Internet. Ihrem Design ist seit 2004 das Festival "Pictoplasma" in Berlin gewidmet.

"Die Figuren, die für uns wichtig sind, die sind aus einer sehr weit gefächerten aber dann doch sehr speziellen Szene von Leuten, die diese Figuren kreieren und einen künstlerischen Aspekt dahinter sehen. Es gibt so ein klassisches Beispiel, das jeder sofort versteht - das ist Hello Kitty. Was an Hello Kitty sehr interessant ist, ist, dass sie auf den Punkt bringt, was uns daran interessiert, dass es nichts Narratives hat, es ist also genau das Gegenteil von Mickey Maus."

Peter Thaler ist in Fahrt - seine Leidenschaft für das Thema Character Design ist unverkennbar. Er sitzt mitten in der aktuellen Pictoplasma-Austellung auf einer umgedrehten Bierkiste, während er begeistert fortfährt zu erklären, wie das ist mit Hello Kitty und der Character-Design-Welt.

"Hello Kitty hat gar keinen Mund, Hello Kitty hat eigentlich auch gar keine Emotionen, die sie transportiert, wir wissen überhaupt nichts über dieses Bild dieser Katze, die wir da gerade noch so erkennen, obwohl es aussieht wie eine Steckdose mit zwei Punkten und das war es, aber was daran auch eine gewisse Höflichkeitsgeste ist, ist, dass es uns eben gar nichts diktiert und wir alles reininterpretieren können und die Belebung von Hello Kitty, oder wie wir sie empfinden, das passiert alles in unserem Kopf."

Hello Kitty als praktisches Beispiel für die reduzierte Figürlichkeit - das Thema der Pictoplasma. Über 500 Besucher aus aller Welt sind in diesem Jahr nach Berlin gereist - sie schauen sich die Ausstellung an, hören den Vorträgen zu oder versammeln sich im großen Kinosaal zu den Screenings.

Bis zu 20 experimentelle Kurzfilme stehen auf dem Programm, die die Characters zum Leben erwecken. Die Figuren auf der Leinwand bewegen sich durch reale oder virtuelle Umgebungen, sie sind die Protagonisten von Traumwelt-artigen Musikvideoclips, agieren befremdlich distanziert, verändern sich und gleichen Gestalten einer psychedelischen Zeitreise.

Seit zehn Jahren faszinieren Peter Thaler die Characters, die vor allem der Internetboom hervorgebracht hat. 2004 ruft der ehemalige Animator mit dem Kulturwissenschaftler Lars Denicke das Pictoplasma-Festival ins Leben.

"Ich fand das damals wahnsinnig spannend, was da für eine Bildsprache entsteht, so eben auch um die Jahrtausend-Wende dieser plötzliche Bedarf mit Figuren zu kommunizieren."

Im Rahmen des Festivals soll ebenfalls kommuniziert werden - neben Künstlern und Fans reisen auch Mitarbeiter diverser Agenturen sowie der großen Animationsfilmstudios wie Disney oder Pixar an und suchen nach Inspiration. Auf dem Vortragspodium treffen die unterschiedlichsten Mitglieder der Character-Szene aufeinander. Peter de Sève hat Scrat, die wohl bekannteste Figur aus dem Film "Ice Age", erfunden und ist zum ersten Mal in Berlin dabei. Würden wir das Character Design nur den großen Studios überlassen, liefen wir Gefahr immer gleich zu bleiben, so de Seve - und er fügt an, gerade die Kurzfilme und persönlichen Arbeiten, die die Pictoplasma präsentiert, seien mutiger, als es das traditionelle Anmiationsfilmgeschäft überhaupt sein kann.

Bildende Künstler neben Animatoren und Illustratoren, experimentierfreudiger Underground Seite an Seite mit den Blockbuster-Machern der Szene - die Pictoplasma zeigt sich als ziemlich lebendige und offene Versammlung. Die Anwesenden haben ja auch viele gemeinsame Freunde: Ihre Characters - und ihnen nach zwei vollen Tagen auf Wiedersehen zu sagen, dürfte mit der schwerste Abschied sein.

"Ich habe zwei Strategien. Das eine ist, ich habe eine Art Exil zuhause, da bin ich absolut Character-frei, nach dem neusten Stand des Zen-Buddhismus ist alles leer - und es ist eine Hassliebe, das ganze Projekt, das muss man ja auch mal sagen, wir wollen nicht, dass überall Characters draufgeknallt werden, wir wollen auch nicht die ganze Zeit angeschrien werden, wir wollen das nur untersuchen."

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