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Fazit / Archiv | Beitrag vom 11.06.2016

"Figaros Hochzeit" in den Münchner KammerspielenDavid Martons komplizierter Mozart in München

Von Michael Laages

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Die Münchner Kammerspiele in der Maximilianstraße. (imago/ecomedia/robert fishman)
Die Münchner Kammerspiele in der Maximilianstraße (imago/ecomedia/robert fishman)

Eine Aufführung mit maximaler Distanz zur Oper selbst, das ist Musiktheater à la David Marton. In den Münchner Kammerspielen widmet er sich der Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte von Mozarts "Figaro".

Wer "seinen" Mozart oder "ihren" Figaro gut kennt, darf sich nur für Momente heimisch fühlen – immerhin. Dem ungarischen Regisseur David Marton geht es aber erklärtermaßen eher nie um die Oper selber, nicht bei Mozart, nicht bei Wagner, nicht bei Alban Berg.

Werken von ihnen allen hat er sich schon gewidmet seit dem Beginn der Karriere vor gut zehn Jahren. Musiktheater à la Marton hat zwei Ziele – zum einen forscht der Regisseur im Hintergrund und am Horizont eine Oper, in der Entstehungs- und/oder Rezeptionsgeschichte, zum anderen geht er diese Aufgabe stets mit Schauspielerinnen und Schauspielern an. Wenn die akzeptabel oder sogar sehr gut singen: umso besser. Bedingung aber ist es nicht.

Fabelhafte Jazz-Sängerin Jelena Kuljic

Ein paar musikalische Handwerker von hoher Qualität gibt's allerdings in jeder Marton-Produktion. Hier wird einmal die fabelhafte Jazz-Sängerin Jelena Kuljic zum Anker von "Figaros Hochzeit": als Susanna. Der isländische Gast Thorbjörn Björnsson darf hingegen erst recht spät beweisen, was für ein prächtig singender Figaro er ist. Da fällt sogar Graf Almaviva aus Knie und greint nach Mehr. An Marie Goyette und Annette Paulmann wird sehr schön Martons erweitertes Bemühen spürbar – was macht die Musik mit darstellerischen Profilen, deren Kern-Kompetenz eben nicht die Musik ist?

Im Gruppenbild der Hochzeitsgesellschaft beginnt Martons Mozart, das Ensemble wiedeholt beharrlich Takt-Bezeichnungen aus der Partitur. Die Party-Stimmung bleibt halbwegs erhalten, Marzelline beschäftigt sich im Hause Almaviva vor allem mit dem Sekt-Nachschub – auch für sich selber. Hinter dem Vorhang steht eine Haus-Fassade in halber Höhe, auf Gerüsten. Ein Kreis aus Rindenmulch zieht sich um die Szenerie. Vorne das Klavier, Gartenstühle und eine Badewanne – gleich wird aber auch ein großes, schweres Paket gebracht. Darin ist eine vorsintflutliche Walzendruckmaschine, eine Handpresse zur Herstellung von Flugblättern.

Frau Marzelline wandelt sich zur Früh-Feministin

Womit wir beim Thema hinter Mozart sind – weil die Vorlage zum ewigen Klassiker, "Der tolle Tag" von Beaumarchais, gemeinhin als halbwegs vor-revolutionär gilt, öffnet Martins dramaturgisches Team den Bücherschrank der Revolutionsgeschichte. Frau Marzelline wandelt sich zur Früh-Feministin und erklärt den Aufstand der Frauen, der Lette Gundars Abolins ruft in der Rolle vom Arzt Bartolo die russische Revolution aus. Figaros Band trifft sich zuweilen in der Badewanne und führt Debatten wie in der Kommune – allererste Forderung: Aufhören mit der Kunst! Auch Pierre Boulez ist nicht weit – auch Opernhäuser gehören gesprengt.

Das ist recht bald ein wenig zu durchschaubar. Und immer mehr Interesse kommt Franz Rogowski als Cherubino zu – der steuert zunächst immer nur klagend-lustvolle Töne bei, keinen Text; er wandert als personifiziertes Lust-Prinzip durchs Spiel. Erst ganz am Ende singt auch er.

Dies ist einer der komplizierteren Marton-Abende. Und wirklich hilfreich im Programmheft wäre weniger Kammerspiele-Eigenlob als vielmehr ein Liste der verwendeten Materialien, der Zutaten fürs revolutionäre Figaro-Gebräu.

Bereichernd ist Martons aber wie eh und je. Deutlicher wird über die Jahre, wie grundsätzlich die Distanz ist, die der Regisseur zwischen sich selber und den Opern geschaffen hat. Mit ihnen und um sie herum kreiert er Montagen, die den Freund und die Kennerin auch verschrecken und verärgern können – in München war das nicht anders.

Die Lust aufs Abenteuer bleibt. Und ohne sie geht gar nichts.

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