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Zeitreisen / Archiv | Beitrag vom 18.04.2007

Festung, Seebad, Labor

Helgolands Entwicklung nach dem großen Knall

Von Regina Kusch und Andreas Beckmann

Eine riesige Rauchwolke steigt am 18. April 1947 von der verwüsteten Insel Helgoland auf, nachdem die englischen Besatzer mit 6.800 Tonnen Sprengstoff die militärischen Anlagen und Bunkersysteme auf der Hochseeinsel dem Erdboden gleichmachten. (AP)
Eine riesige Rauchwolke steigt am 18. April 1947 von der verwüsteten Insel Helgoland auf, nachdem die englischen Besatzer mit 6.800 Tonnen Sprengstoff die militärischen Anlagen und Bunkersysteme auf der Hochseeinsel dem Erdboden gleichmachten. (AP)

Vor 60 Jahren sprengte die britische Besatzungsmacht die unterirdischen Bunkeranlagen auf Helgoland in die Luft. Danach wurde es als Bombenabwurfplatz missbraucht. Erst 1952 durften die Bewohner zurückkehren. Nichts erinnert heute mehr an die militaristische Vergangenheit. Helgoland ist Seeheilbad geworden und lockt in der Hochsaison tausende von Tagestouristen an.

"(Detonation) In mächtigen Rauchpilzen schießt der Qualm empor zum Himmel. (Detonation) Die Sprengung ist erfolgt. Ein mächtiger Druck (Detonationen), mächtige Detonationen hintereinander erleben wir jetzt den großen Augenblick. Wir wissen, diese mächtige Detonation ist erfolgt, die 6-7.000 Tonnen Sprengstoff dort drüben auf der Insel sind in die Luft gegangen. Weit geht der Schall hinüber bis zur Küste, bis zum Festland hinaus."

18. April 1947. Punkt 12 Uhr Greenwich Mean Time, deutsche Zeit ein Uhr mittags. Die Royal Navy löst die größte nicht atomare Explosion in der Geschichte der Menschheit aus. Ein unterirdisches Bunkersystem mit Tunneln von einer Gesamtlänge von 14 Kilometern wird gesprengt. Es ist der letzte Schlag gegen Hitlers Festung Helgoland. Auf den Tag genau zwei Jahre zuvor hatten die Briten in einem Großangriff mit etwa 1000 Bombern bereits die Flak- und Seegeschütze auf der Insel zerstört. Bei diesem Fliegerangriff war kein einziges Haus stehen geblieben. Die Bevölkerung war am nächsten Tag aufs Festland evakuiert worden.

Nach dem Krieg leben die etwa 2.500 Helgoländer verstreut in 150 Orten in Norddeutschland. Ein "Mitteilungsblatt Helgoland", herausgegeben von dem später weltberühmt gewordenen Schriftsteller James Krüss, hält die Menschen zusammen. Fast alle wollen so bald wie möglich wieder zurückzukehren. Aber jetzt, am Tag der Sprengung, fragt sich nicht nur der Radioreporter an Bord des Hochseeschleppers "Danzig", ob von der Insel noch etwas übrig bleiben wird. Die Helgoländer bangen um ihre Heimat. Auch Olaf Ohlsen.

"In Cuxhaven hatte man mit einem unheimlichen Knall gerechnet. Wir mussten sogar sämtliche Fenster und Türen öffnen. Und wir Kinder lagen um 13 Uhr auf dem Deich und haben auf diesen großen Knall gewartet. Es war kein großer Knall, es war nur ein Grollen. Och, haben wir als Kinder gedacht, das ist vielleicht nur eine Vorsprengung. Nein, das war schon die Hauptsprengung, denn anschließend stieg der große Rauch ja drei- bis viertausend Meter in die Luft und wir wussten, Helgoland ist gesprengt."

Abends, als der Rauch sich verzogen hat, warten die Menschen in Cuxhaven auf die einlaufenden Schiffe. Von den Besatzungen wollen sie wissen, ob von Deutschlands einziger Hochseeinsel noch etwas zu sehen ist.

Olaf Ohlsen: "Mein Vater ist damals hingeradelt, um zu fragen, ob Helgoland noch steht. ... Und ich weiß noch wie heute, als er damals zurückkam vom Hafen und sagte: Helgoland steht! Helgoland steht! In Anführungsstrichen "nur die Südspitze ist kaputt". Er hatte gedacht, die ganze Insel wär platt."

War sie nicht. Nur im Süden war ein Stück abgebrochen. Der Rest des roten Felsens ragte immer noch aus der Nordsee hervor. Der weiche Sandstein hatte die Druckwellen der Explosion größtenteils geschluckt.

In Deutschland verbreitet sich schnell die Legende, die Briten hätten Helgoland im Meer versenken wollen, seien aber gescheitert. In Wirklichkeit hatte die Royal Navy nie vor, die Insel zu vernichten. Das belegen ihre Akten, die allerdings bis in die 80er Jahre geheim gehalten wurden.

Protokoll einer Sitzung im Marinehauptquartier am 3. Oktober 1946
Das Ziel ist nicht "die Insel in die Luft zu jagen", sondern sämtliche Munition zu vernichten und alle militärischen Tunnel von einer Gesamtlänge von 14 Meilen zu zerstören. Dies wird unweigerlich zu erheblichen Zerstörungen auch an der Oberfläche führen. Folgende Schäden sind zu erwarten: a) Große Krater von bis zu 40 Fuß Tiefe im Nordwesten der Insel, b) ein Bruch quer durch die Insel am südöstlichen Ende.


Die Royal Navy hatte also ziemlich genau voraus berechnet, welche Wirkung ihre Sprengladung haben würde. Und ihre Techniker haben so präzise gearbeitet, dass sämtliche militärischen Anlagen zerstört wurden, der Zivilschutzbunker aber erhalten blieb.

Olaf Ohlsen: (Bunkertür, Quietschen, Schritte)"Ja meine Damen und Herren, Sie sind jetzt im Treppenhaus zum Schulbunker. Schulbunker deswegen, ein kleines Stück höher rauf war unsere Schule und vom Schulkeller ging ein Gang hier rüber zum Schulbunker. ... Bei Alarm mussten die Helgoländer Kinder in den Schulkeller und den Gang hier rüber laufen in den Schulbunker."

Wenn Olaf Ohlsen heute Besucher in die Schutzräume hinabführt, dann erzählt er ihnen, wie er dort den Fliegerangriff kurz vor Kriegsende erlebt hat.

Olaf Ohlsen: "Kalk rieselte, das Licht ging aus, die Belüftung fiel aus, die Bänke sind gehüpft, der unheimliche Lärm. Und jeder weiß noch, dass damals diese jungen verletzten Marinesoldaten hier durch getragen wurden. Da, wo Sie jetzt sitzen, auf dieser Seite hier, da waren die Bänke. Und weil es so schmal war, mussten sich alle Helgoländer Kinder auf die Bänke stellen mit dem Gesicht zur Wand. Aber geschielt haben wir doch noch. Erst kamen sie hier durch auf Tragen und nachher sogar auf Türen."

400 Meter weit führt Olaf Ohlsen die Besucher unter der Erde. An manchen Stellen sind die Bunkergänge nicht mal anderthalb Meter breit. An den Wänden hängen Fotos, die die Insel als ein einziges Trümmerfeld zeigen.

Ein Schaubild dokumentiert die Vorgeschichte der Zerstörung. Mit dem Projekt "Hummerschere" wollte Hitler Helgoland zum größten eisfreien Kriegshafen der Welt ausbauen. Vielen Insulanern soll diese Idee gefallen haben, behauptet jedenfalls eine Reportage des nationalsozialistischen Rundfunks.

"Hakenkreuzfahnen, die Fahnen des Reiches und die Fahnen Helgolands wehen durch alle Straßen des Unter- und Oberlandes. Helgoland ist der Schauplatz eines Bekenntnisses geworden. Die Hoffnung des alten Nationalrevolutionärs Ludolf Wienbarg ist erfüllt. Könnte die ehemals heilige Insel nicht aufs neue der Mittelpunkt eines frommen Dienstes werden? Welch ein Altar ist dieses Eiland, um der ewigen Jugend ewige Treue zu schwören und gelegentlich die Bundbrüchigen, die Lauen und Flauen vom Fels des Capitols herabzustürzen."

Seit 1936 lebten auf Helgoland mehr Marineangehörige als Einheimische. Ein verbunkerter U-Boothafen entstand. Oben auf dem Felsen wurden Geschütze errichtet, die Flugzeuge und Schiffe in der Deutschen Bucht treffen konnten.

Von all dem war nichts mehr übrig seit der Sprengung. Dennoch hörte die britische Luftwaffe auch danach nicht auf, Helgoland zu bombardieren. Der Felsen diente ihr als Übungsziel. Daran änderte sich nichts, als die Helgoländer 1948 dagegen beim Papst und bei der UNO protestierten. Die Bombardements hörten auch nicht auf, als 1949 die mit dem Segen der Westalliierten gegründete Bonner Republik die Rückgabe Helgolands verlangte.

Eine Wende kommt erst kurz vor Weihnachten 1950. Aber sie geht nicht von den Helgoländern aus, sondern von Studenten aus Heidelberg. Auf ihrem Campus haben sie diskutiert, wie man ein Zeichen setzen könnte gegen eine Wiederbewaffnung Deutschlands und für ein friedliches Zusammenleben in Europa.

Zwei dieser Studenten wollen nicht nur reden, sondern auch handeln. Sie beschließen, den einzigen Ort in Deutschland zu besetzen, an dem auch fünf Jahre nach Kriegsende noch Bomben fallen: Helgoland. Einer dieser beiden Studenten ist der damals 22-jährige René Leudesdorff.

"Als wir ankamen, war das britische Küstenkontrollboot schon da und wir waren der festen Überzeugung, die wissen Bescheid, die holen uns ab. Aber die wussten nichts. Es war eine ... Royal Air Force Kontrolle und wir haben denen erzählt, wir wären Journalisten ... und wollten die Insel sehen. Das können Sie machen, sagten die auf englisch, aber fahren sie lieber nachts wieder zurück, es könnte bombardiert werden. Schönes Gefühl. Dann fuhren die ab und wir hatten die Insel für uns."

Die Briten setzen ihre Bombenflüge aus. Aber die Zerstörungen, die René Leudesdorff und sein Freund vorfinden, sind auch so schon gewaltig.

René Leudesdorff: "Das kann man eigentlich gar nicht beschreiben. Wir haben gesagt, es sieht so aus wie Verdun und Stalingrad zusammen. Es sieht so aus, wie die Welt aussehen wird am Jüngsten Tag. Nur Trümmer, nur Trichter, einer im anderen, nur Gestänge, Betonklötze, es war ein einziges Konglomerat von Felsen und Trümmern, die man gar nicht mehr unterscheiden konnte. Furchtbar. Und dann fanden wir nach langem Suchen endlich auch ein Rohr, sechs Meter lang etwa, und an dem Rohr haben wir dann die Flaggen fest gemacht, die Bundesflagge und die Europaflagge, denn wir wollten ja Helgoland nicht nur für die Bundesrepublik, sondern für ein friedlich vereintes Europa wiedergewinnen."

Zwei Journalisten begleiten die beiden Studenten am ersten Tag. Ihre Fotos werden von Zeitungen rund um den Globus gedruckt. Die Forderung nach einer Rückgabe Helgolands genießt plötzlich weltweit Sympathien.

Die beiden Studenten werden nach zwei Wochen von der Insel geholt und nach Cuxhaven gebracht. Von den evakuierten Helgoländern werden sie dort wie Helden gefeiert. Was sie von der Insel berichten, zeigt, dass ein Wiederaufbau Helgolands noch möglich sein könnte.


René Leudesdorff: "Was sie nicht gesprengt haben, waren die Hafenanlagen, wie das noch nach dem Ersten Weltkrieg, nach Versailles geschehen ist. Was sie nicht gesprengt haben, ist die Westmauer, die die Insel vor dem von Westen anstürmenden Meer schützt. Sie haben wirklich nur die Absicht gehabt, die militärischen Anlagen zu sprengen. Das haben wir aber nicht geglaubt damals."

Gruppen mit Namen wie "Die Dritte Front" oder "Der Deutsche Block" versuchen, die Aktion der Studenten für ihre Zwecke zu nutzen. Mit einer Kampagne zur Befreiung Helgolands heizen sie nationalistische Stimmungen an. Sie hoffen auf Resonanz auch in gemäßigten Kreisen. Schließlich hat erst kürzlich der damalige Bundesinnenminister Gustav Heinemann in einer Rede vor dem Bundestag die fortgesetzte Bombardierung Helgolands als völkerrechtswidrig gebrandmarkt. Der Streit um Helgoland droht zu einer Belastung der deutsch-britischen Beziehungen zu werden.

Sir I. Kirkpatrick
Hoher Kommissar in Deutschland
Telegramm Nummer 20 vom 6. Januar 1951
An das Foreign Office
Vertraulich
Die öffentliche Meinung in Deutschland ist leicht zu erregen, und wenn bekannt wird, dass wir weiter bombardieren, müssen wir mit neuen Besetzungen der Insel rechnen. Strafandrohungen werden diese fanatisierten Martyrer kaum abschrecken. Es droht eine Lage wie damals in Palästina, nur in kleinerem Maßstab.


Schon bald begannen die Gespräche über eine Rückgabe an die Bundesrepublik. Am 1. März 1952 wurden auf der Insel wieder die Europa- und die Bundesflagge gehisst, und außerdem die grün-rot-weiße Fahne der Helgoländer. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Wilhelm Lübke verkündete feierlich die Wiedereingliederung Helgolands in den Landkreis Pinneberg.

"Es ist ein denkwürdiger Augenblick, den wir alle mit Bewegung und innerster Teilnahme erleben. Einen Augenblick, der zugleich einen neuen Zeitabschnitt in der wechselvollen Geschichte Helgolands einleitet. Was dieser Felseninsel in mitten der Nordsee die Liebe der Deutschen eingetragen hat, sind ... ihre Schönheit, die Freude an diesem einmaligen Naturdenkmal und die Heimatliebe seiner Bevölkerung."

Die Menschen konnten freilich nicht gleich wieder auf ihre Insel zurückkehren. Zunächst durfte Helgoland nur mit einer Sondergenehmigung betreten werden, weil noch überall Blindgänger herumlagen. Vier Meter tief musste der Boden abgetragen werden, um sämtlich Munitionsreste zu beseitigen.

Mitte der 50erJahre lief der Wiederaufbau auf Hochtouren. Fast alle Exil-Helgoländer kehrten heim auf ihre 2 Quadratkilometer große Insel. In den beiden Siedlungen auf dem Unter- und dem Oberland bekam jede Familie, deren Haus zerstört worden war, ein neues Eigenheim.

Kaum standen die ersten Bauten, kam auch schon wieder das erste Urlauberschiff. So schnell wie möglich wollten die Helgoländer an ihre Tradition als Seebad anknüpfen, die 1826 begonnen hatte.

Jedem wird Genesung
In der See zuteil
Jedem Rang und Stande
Bringt das Seebad Heil.

Wer auf festem Lande
Nirgends Heilung fand
Wird sie wahrlich finden
Dort in Helgoland.


Heinrich Hoffmann von Fallersleben hatte die Insel mehrfach besucht und 1841 hier auch den Text für die deutsche Nationalhymne geschrieben. So wie er kamen damals viele Dichter und Denker und später auch immer mehr gut situierte Bürger.

Auf solche zahlungskräftige Besucher hoffte man auch jetzt wieder. Die neuen Unterkünfte waren zwar nicht wieder so mondän wie damals die Jugendstilbauten, die vor dem Krieg die Uferpromenade des Unterlands geschmückt hatten. Aber das gesunde milde Klima der Insel ist natürlich geblieben. Und das ist für den heutigen Kurdirektor Christian Lackner immer noch der wichtigste Grund, nach Helgoland zu kommen.

"Wir haben die sauberste Luft Deutschlands, wir haben das sauberste Wasser um uns herum. ... Und das sind natürlich alles Faktoren, die auf jeden Organismus gesund wirken. Gerade für Heuschnupfen Geplagte ist die Luft natürlich ideal hier auf Helgoland. ... Die Luft ist hier fast pollenfrei. ... Und selbst die Zugspitze kann beim Staubanteil auch nicht mithalten."

Touristen betrachten den Buntsandsteinfelsen "Lange Anna" (AP)Touristen betrachten den Buntsandsteinfelsen "Lange Anna", das Wahrzeichen der einzigen deutschen Hochseeinsel Helgoland (AP)1962 wurde Helgoland sogar offiziell zum "Seeheilbad" ernannt und damit als Kurort staatlich anerkannt. Zwei Drittel der Besucher waren allerdings nicht Kur-, sondern Tagesgäste. In den 70er Jahren kamen fast eine Million pro Jahr, inzwischen hat sich die Zahl halbiert. Die meisten Tagesgäste laufen einmal den Klippenrandweg entlang, um einen Blick auf das Wahrzeichen von Helgoland zu werfen, die Lange Anna, den berühmten Felsen vor der Nordspitze.

Ein paar Meter weiter können sie im Sommer den Lummen beim Fliegenlernen zuschauen. Die Jungtiere, die in den Felswänden großgeworden sind, werden von ihren Eltern durch lautes Rufen ins Meer gelockt. Also stoßen sie sich von der Felswand ab, breiten ihre Flügel aus und segeln ins Wasser.

Bevor die Tagesgäste wieder aufs Festland zurückkehren, decken sich viele noch mit Spirituosen und Zigaretten ein, denn auf Helgoland kann man immer noch zoll- und sogar mehrwertsteuerfrei einkaufen. Mit diesem Privileg hat die Insel in den Boomjahren so lange geworben, bis ihr das Image eines "Fuselfelsens" anhaftete.

Nachdem aber die Besucherzahlen drastisch eingebrochen waren, hat Helgoland sein Tourismuskonzept gründlich überarbeitet. Heute gilt die Devise "Klasse statt Masse", betont Kurdirektor Christian Lackner.

"Früher war es ja so, dass man im Winter oben in seinem Haus wohnte, im Sommer in den Keller zog, damit man oben vermieten konnte. Das ist heutzutage nicht mehr üblich und so wurden Bettenkapazitäten abgebaut. Das andere ist, dass wir hier damals in den 50er Jahren klein klein gebaut hatten, kleine Zimmer hatten mit Dusche und WC auf dem Gang, das sind ja alles Sachen, die es gar nicht mehr gibt."

Helgoland wirbt heute verstärkt um Besucher, die ein paar Tage länger bleiben und das Naturerlebnis suchen, so wie vor über 170 Jahren Heinrich Heine.

Die See riecht nach Kuchen, und die Wolkenmönche sahen vorige Nacht so traurig aus, so betrübt. Ich wandelte einsam am Strand in der Abenddämmerung. Ringsum herrschte feierliche Stille. Der hochgewölbte Himmel glich der Kuppel einer gotischen Kirche. Wie unzählige Lampen hingen darin die Sterne; aber sie brannten düster und zitternd. Wie eine Wasserorgel rauschten die Meereswellen; stürmische Choräle, schmerzlich verzweiflungsvoll, jedoch mitunter auch triumphierend."

Für die meisten Besucher gehört zum Helgoland-Urlaub auch heute noch das Ausbooten. Weil der Binnenhafen zu klein ist, werfen viele Ausflugsdampfer vor der Inseln den Anker.

Erich Nummel Krüss: "Und dann kommen unsere Helgoländer Börteboote und booten die Leute aus und fahren die Leute an Land. Und dieses zu organisieren, das war meine Aufgabe. ... Ich hatte bis zu 20, 22 Boote im Einsatz, auf jedem Boot waren vier Leute, also wir hatten 100 Mitarbeiter."

Erich Nummel Krüss hatte schon mehr als 20 Jahre Berufserfahrung als Hummerfischer und als Kapitän auf großer Fahrt, als er 1969 das Kommando über die Börteboote übernahm.

"Und in der Zeit war das noch eine echte Herausforderung, weil wir bis zu 8000, 9000 Menschen hatten täglich in den Hochzeiten, im Juli, August. Das ist hier ... mit schlechtem Wetter immer so 'ne Sache. Nicht jedes Wetter ist zum Ausbooten schlecht, auch wenn das Wetter schlecht ist. Weil wir liegen ja im Schutz der Insel. Nur manchmal, wenn der Wind nicht die richtige Richtung hatte oder das Wasser zu hoch war, dann wird es noch mal schwierig."

Früher sind die Skipper schon mal mit 70 Passagieren in einem der kleinen, offenen Boote zum Unterland geschaukelt. Heute dürfen nach den Bestimmungen höchstens noch 49 Passagiere an Bord genommen werden.

"Ich kann sagen, ich hab das 25 Jahre lang gemacht und ... wir haben in dieser Zeit, in diesen 25 Jahren keinen größeren Unfall gehabt."

Trotzdem will der zuständige Landrat in Pinneberg das Ausbooten langfristig abschaffen. Dazu müsste der Hafen erweitert werden, damit bis zu sieben große Schiffe gleichzeitig anlegen könnten. Auf der Insel regt sich Widerstand. Zu viele Helgoländer Familien leben vom Ausbooten.

Der Tourismus ist nach wie vor der wichtigste Wirtschaftszweig, aber im Zeitalter von Fernreisen und Billigfliegerei wird Helgoland als Reiseziel nie wieder die Bedeutung von einst erlangen. Als Forschungsstandort ist es dagegen wichtiger denn je. Das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung betreibt hier die Biologische Anstalt. 1892 gegründet, wurde sie 1959 wieder eröffnet.

Jeden Tag fährt ihr kleines Forschungsschiff "Aade" auf die Nordsee hinaus und sammelt Wasserproben. Gemessen werden unter anderem Temperatur und Salzgehalt sowie das Vorkommen verschiedener Mikroalgen.

Die Datenreihen, die sich zum Teil über mehr als 100 Jahre erstrecken, sind für die moderne Klimaforschung von unschätzbarem Wert. Täglich gehen Anfragen von Forschern aus der ganzen Welt ein.

Wie überall in Deutschland war die Erderwärmung auch auf Helgoland in diesem Winter besonders deutlich zu spüren, erzählt Karen Wiltshire, Direktorin der Biologischen Anstalt.

"Wir haben in den 60er Jahren hier oft im Mittel für Februar -1 gehabt und dass haben wir ganz, ganz lange nicht gehabt. Also das letzte Mal, wo wir im Winter einen Mittelwert von -2 hatten so im Februar/März war 1963. Also es ist schon sehr offensichtlich, dass das Wasser sich sehr erwärmt hat."

Angestammte Tiere und Pflanzen ziehen weg und werden von Arten aus südlicheren Gefilden ersetzt. Viele Helgoländer, besonders die Fischer, rätseln, warum der Hummer so selten geworden ist. Ob dafür der Klimawandel verantwortlich ist, weiß aber niemand genau, nicht einmal Stefan Leusmann, der das große Lehr- und Schauaquarium der Biologischen Anstalt leitet.

"Vor dem Zweiten Weltkrieg hat man ja 50.000 bis 80.000 Tiere im Jahr gefangen und dann in den 70er Jahren nur noch unter 1000 und seit den 90er Jahren wenige 100. Ein Grund dafür soll die Habitat-Zerstörung während des Zweiten Weltkriegs gewesen sein, ... so ging Lebensraum verloren vom Hummer. Dann hat man festgestellt, dass der Hummer sehr empfindlich auf Ölbestandteile im Wasser reagiert, so dass er seine Beute nicht mehr richtig orten kann und auch den innerartlichen Sexuallockstoff nicht mehr orten kann und als drittes kann auch die Klimaerwärmung eine Rolle spielen. ... Sind viele Gründe, die dazu geführt haben."

Um diese Gründe genauer zu erforschen und um vielleicht irgendwann die Bestände vor Helgoland wieder zu erhöhen, hat die Biologische Anstalt ein eigenes Hummerzuchtprogramm gestartet. Etwa 2000 Tiere konnten bis zur Geschlechtsreife großgezogen und dann ausgesetzt werden. Alle sind markiert. Wenn die Helgoländer Fischer eines von ihnen in ihren Hummerkörben finden, bringen sie es nicht auf den Markt, sondern liefern es bei der Biologischen Anstalt ab. Eier-tragende Weibchen kommen dann wieder ins Aquarium, bis ihre Larven geschlüpft sind. Von den Männchen erhalten die Fischer einige zurück, die sie dann verkaufen dürfen.

Nur durch diese Zusammenarbeit von Forschern und Fischern kann das Aufzuchtprogramm zum Erfolg führen. Die Helgoländer Fischer hoffen, dass ihr Einsatz ihnen eines Tages wieder größere Mengen Hummer bescheren könnte. Derzeit holen sie vor allem Taschenkrebse, so genannte Knieper aus dem Wasser. Solange die Neugier der Besucher in den Inselgaststätten auf diese Helgoländer Spezialität anhält, können die Fischer einigermaßen gut leben.

Anderthalb Kilometer östlich des roten Felsens liegt die Helgoländer Düne. Auf ihr befindet sich eine von drei Robbenkolonien vor der deutschen Nordseeküste. Wenn sie nicht im Wasser jagen oder spielen, liegen die Tiere stundenlang am Strand herum, um zu verdauen.

Täglich bekommen sie Besuch - von Touristen, die sich mit ihnen fotografieren lassen wollen, und von Rolf Blädel. Er war früher Chef der Wasserschutzpolizei und ist heute Robbenjäger. Obwohl er die Tiere gar nicht jagt, sondern nur genau anschaut, um zu sehen, ob sie gesund sind und um an ihrer Marke festzustellen, woher sie stammen.

"Zeig mal her deine Marke. Welche Nummer hast du denn? (leise) (Antwort Fauchen) Schimpf mich nicht aus! (Heulen) Beißen kann ich auch, aber nicht so doll wie du. Zeig doch mal her, deine Marke. (Heulen) Nein? Willst du nicht? Muss doch bloß mal deine Schwanzflosse sehen. Andere Seite!"

31 kleinen Kegelrobben, die in diesem Winter geboren wurden, hat Rolf Blädel in den letzten Wochen die grüne Helgoländer Marke angeheftet. Bald werden sie die Düne verlassen. Aber Rolf Blädel hofft, zumindest einige von ihnen in den nächsten Jahren wiederzusehen.

"Wenn die Weibchen geboren sind, nach drei bis maximal sechs Wochen sind sie abgesäugt, meistens so nach vier Wochen hier bei uns, dann haben sie genug Muttermilch bekommen, ... die hat 60 Prozent Fettgehalt, dann kann man sich ja vorstellen, ... nach vier Wochen wiegen die bald 50 Kilo, die lütten Dinger. Und wenn sie das weiße Lanuga-Fell verloren haben, dieses Embryonal-Fell, dann lässt die Alte sie alleine, dann sind sie abgesäugt. Dann müssen sie sehen, wie sei alleine klar kommen. Dann gehen sie meistens in die See, vagabundieren durch die Nordsee, so fünf, sechs Jahre, bis sie geschlechtsreif sind, und dann kommen sie an den Ort zurück, um ihre Jungen zu kriegen, an dem sie selbst geboren sind."

Noch regelmäßiger als die Robben kehren die Zugvögel nach Helgoland zurück. Sie rasten hier auf ihrem Zug von und zu den Winterquartieren. 12.000 von ihnen werden jährlich von den Mitarbeitern der Helgoländer Vogelwarte beringt.

Dabei ist den Wissenschaftlern auch hier aufgefallen, dass die Tiere seit dem Anstieg der Temperaturen immer später gen Süden aufbrechen und immer früher von dort zurückkehren, dass sie sich also länger als früher in ihren Brutgebieten in Nord- und Westeuropa aufhalten. Welche Konsequenzen das haben wird, vermag noch niemand zu sagen. Der Klimawandel wird noch Anstoß zu vielen Forschungsprojekten auf der Insel geben.

Früher oder später wird sich auch die Frage stellen, wie Helgoland selbst die Erderwärmung übersteht. Wenn der Meeresspiegel steigt, ist der rote Felsen mit seiner Höhe von mehr als 50 Metern sicher nicht gefährdet. Wohl aber die flache Düne an seiner Ostseite.

Irgendwo ins grüne Meer
Hat ein Gott mit leichtem Pinsel
Lächelnd, wie von ungefähr
Einen Fleck getupft: Die Insel.


James Krüss, der berühmteste Sohn der Insel, ist nach dem großen Knall nicht wieder zurückgekehrt. Er zog eine andere Insel vor, Gran Canaria. Ab diesem Sommer will ihm das Inselmuseum eine kleine Dauerausstellung widmen.

Betrieben wird das Museum ausschließlich von ehrenamtlichen Mitarbeitern. Zu ihnen gehört Jörg Andres, ein agiler Mittfünfziger, vor einigen Jahren aus Hamburg zugezogen, aber längst begeisterter Helgoländer. In dem Museum will er nicht nur die strahlenden, sondern auch die düsteren Seiten der Geschichte aufarbeiten.

Dazu gehört zum Beispiel das Schicksal von Zwangsarbeitern, die während des Krieges in einem Lager auf der Insel zusammengepfercht waren. Sie kamen vermutlich aus den Niederlanden, Italien und Russland. Sie waren es, die die Stollen in den Felsen trieben für das Nazi-Projekt "Hummerschere".

Leider sind keinerlei Akten über den Arbeitseinsatz erhalten geblieben, bedauert Jörg Andres. Bis heute ist deshalb nicht einmal die Zahl der Zwangsarbeiter bekannt.

"Wir wissen von einigen Zeitzeugen, dass sie als Kinder dann Kontakt hatten mit Zwangsarbeitern, dass da sogar kleine Freundschaften zwischen den Kindern und den Gefangenen bestanden haben, dass die mal Schnitzarbeiten angefertigt haben und die Kinder haben dann dafür ein bisschen Brot mal von der Mutter bekommen und haben das dort hingeschmuggelt, weil die Erwachsenen durften überhaupt nicht in die Nähe des Lagers und bei Strafe war denen der Kontakt verboten mit den Zwangsarbeitern."

Die meisten von ihnen wurden 1941 abgezogen und für Projekte an der Ostfront eingesetzt. Einige müssen aber auf Helgoland geblieben sein - bis zum großen Angriff der Briten am 18. April 1945. Zwangsarbeitern war der Zutritt zum Bunker verwehrt. Keiner von ihnen überlebte.

Diesen Angriff übrigens hatte eine kleine Gruppe von Einheimischen und Marineangehörigen noch in letzter Minute zu verhindern versucht. Auch ihrer wurde jahrzehntelang kaum gedacht. Auch ihre Geschichte würden die Museumsmitarbeiter um Jörg Andres heute gern rekonstruieren.

"Eine Widerstandsgruppe, die versucht hat, noch kurz vor diesem großen Angriff am 18. April 1945 mit den Engländern in Kontakt zu treten und die Idee hatte, die militärische Besatzung hier sozusagen zu entwaffnen und einen Angriff auf Helgoland zu verhindern, die Insel friedlich zu übergeben. Das ist allerdings doch eher kläglich gescheitert, muss man dazu sagen. Sie haben versucht Funkkontakt aufzunehmen, das ist natürlich abgefangen worden, diese Rufe."

Die Verschwörer wurden verhaftet, nach Cuxhaven deportiert und dort am nächsten Tag hingerichtet. Dokumente über dieses Kriegsgerichtsverfahren sind keine erhalten. So wissen Jörg Andres und seine Mitstreiter nicht viel mehr als die Namen der sieben Männer. Ihr Anführer Erk Fink liegt heute auf der Insel begraben. Das Grab sollte schon eingeebnet werden. Die Leute vom Inselmuseum haben gesammelt, damit es erhalten blieb. Nach Möglichkeit wollen sie irgendwann kleine Gedenksteine anbringen an den Stellen, wo einst die Häuser der Widerständler standen.

60 Jahre nach dem großen Knall, dem "Big Bang", wie alle salopp sagen, wird heute auf Helgoland gefeiert. Im Mittelpunkt aller Rückblicke und Festschriften steht der Neuanfang, mit dem Helgoland endlich aufgehört hatte, Seefestung zu sein und statt dessen zum Symbol für ein neues, friedliches Deutschland wurde.

René Leudesdorff: "Diese Stimmung, die in ganz Deutschland erzeugt wurde damals, dass Helgoland wieder deutsch wurde und damit das erste Stück Land, das wir wieder zurück bekamen, das war die erste Wiedervereinigung, wenn auch nur von einer Insel mit dem Rest von Deutschland, aber das war damals eine große öffentliche Sache."

Darüber freut sich René Leudesdorff, der einst die Insel besetzt hatte, noch heute.

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