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Fazit / Archiv | Beitrag vom 11.12.2006

Festtag für Holocaust-Leugner

Umstrittene Konferenz in Teheran

Von Martin Ebbing

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Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad  (AP)
Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad (AP)

In der iranischen Hauptstadt Teheran hat eine weltweit umstrittene Holocaust-Konferenz begonnen. Irans Außenminister Manuschehr Mottaki sagte, es handele sich um ein wissenschaftliches Forum, das Antworten auf die Fragen von Präsident Mahmud Ahmadinedschad über den Holocaust finden solle. Ahmadinedschad hatte wiederholt die Ermordung von Millionen Juden während des 2. Weltkrieges in Zweifel gezogen.

Für die Holocaust-Leugner dieser Welt, die obskuren selbst ernannten Wissenschaftler vom äußersten rechten politischen Rand war es ein Festtag. Beispielsweise für den Amerikaner David Duke, ehemaliges Mitglied des Ku Klux Klan, und eine prominente Figur unter den weißen Rassisten der USA.

""Es ist ein Skandal, dass es darüber keine freie Diskussion in Europa gibt und Menschen deshalb ins Gefängnis geworfen können. Ich denke, der Holocaust wird politisch benutzt.”"

In Teheran dürfen sie heute all das sagen, was beispielsweise in Deutschland verboten ist: nämlich, dass der Holocaust nicht oder die Vernichtung der Juden nicht in diesem Umfang stattgefunden habe.

Die iranische Regierung bietet ihnen dazu den allerfeinsten Rahmen. Die 67 internationalen Experten aus mehr als 30 Ländern, so die Angaben der Veranstalter, werden im Gästehaus des Außenministeriums untergebracht. Diskutiert wird über Fragen wie "Gaskammern - Leugnung oder Bestätigung?" unter Kronleuchtern im Forschungszentrum des Ministeriums.

Präsident Ahmadinedschad lässt grüßen und Außenminister Manuchehr Mottaki hält höchst persönlich die Eröffnungsrede.

Der Westen, so Mottaki, nehme wie in der Politik auch die Dominanz in der Interpretation der Geschichte für sich in Anspruch. Diesen Alleinvertretungsanspruch wolle man brechen und zwei Fragen, die schon Ahmadinedschad gestellt hat, beantworten: erstens ob der Holocaust überhaupt stattgefunden habe, und zweitens wenn ja, warum dürfen Wissenschaftler dazu keine Fragen stellen?

Als kompetente Experten wurden Leute wie beispielsweise Frederick Töben eingeladen. Der Deutschstämmige, der in Australien wohnt und auch schon mal wegen Volksverhetzung in Mannheim neun Monate Haft abgesessen hat, reist mit einem Modell der Gaskammern in Auschwitz durch die Welt, um zu zeigen, dass die Massentötung technisch gar nicht möglich war.

Aus dem Bundesstaat New York ist der orthodoxe Rabbi Dovid Feldman angereist, der zu der Organisation "Juden vereinigt gegen den Zionismus" gehört. Auf seiner Visitenkarte steht: "Predigt für die friedliche Auflösung des Staates Israel." Er sagt, auch Mitglieder seiner Familie seien im Holocaust ums Leben gekommen, und dennoch hat er Sympathien für Ahamdinedschad.

""Wir denken, dass das, was der iranische Präsident vor einigen Monaten gesagt, Palästina sollte nicht für die Leiden der Juden im Holocaust bezahlen müssen, ist absolut korrekt.”"

Von ähnlichem Kaliber sind die anderen "Experten". Keiner von ihnen ist ein ausgewiesener Historiker.

Das Ganze ist ein rein politisches Unternehmen, das Ahmadinejad auch gegen den Widerstand im eigenen Land durchsetzen musste. Vielen Diplomaten im Außenministerium ist es hochpeinlich, sich für solch ein dubioses Vorhaben hergeben zu müssen. Sie haben versucht, Ahmadinedschad den Plan mit dem Hinweis auszureden, dass die Konferenz dem Iran nur schaden könne, aber der Präsident hat darauf bestanden.

Ihm geht es um die schlichte Provokation. Er hat Gefallen daran gefunden, mit der Leugnung des Holocaust international einen Aufschrei auszulösen und damit im Mittelpunkt zu stehen. Viel Feind, viel Ehr. Das schweißt nach innen zusammen und bringt ihm Pluspunkte bei den radikalen Islamisten, die den Holocaust für nichts anderes als eine Erfindung Israels halten, um von den eigenen Verbrechen abzulenken.

Der überwiegenden Mehrheit der Iraner dürfte die Veranstaltung herzlich egal sein. Sie sind das Dauerfeuer mit anti-israelischen Parolen leid und haben wichtigere Sorgen. Die Kenntnisse über die Judenverfolgung und –ermordung sind in der Regel sehr gering. In der Schule wird es nicht unterrichtet, und im staatlichen Fernsehen wird der Holocaust nur erwähnt, um ihn in Zweifel zu ziehen. Die Sympathien für das Schicksal der Palästinenser sind groß, aber deshalb sind die Iraner nicht unbedingt Antisemiten.

Als im Sommer eine Ausstellung mit Karikaturen zum Holocaust mit ähnlichem Tenor gezeigt wurde, ließ sich kaum ein Besucher blicken.

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