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Fazit / Archiv | Beitrag vom 04.11.2015

Festivalleiter Richard Williams"Bei Jazz bewegt sich immer etwas nach vorne"

Moderation: Elena Gorgis

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Richard Williams, künstlerischer Leiter des Jazzfest Berlin 2015. (Berliner Festspiele / © Jirka Jansch )
Richard Williams, künstlerischer Leiter des Jazzfest Berlin 2015. (Berliner Festspiele / © Jirka Jansch )

Richard Williams hat lange als Sportjournalist gearbeitet, nun leitet er das Jazzfest Berlin. Ein Gespräch über die Gemeinsamkeiten von Fußball und Jazz, das Festivalprogramm in diesem Jahr und die Musikmetropole Berlin.

Elena Gorgis: Drei Jahre lang hat der Journalist Bert Noglik das Jazzfest Berlin geleitet, eins der wichtigsten Jazzfestivals in Europa. Im letzten Jahr hat er den Staffelstab abgegeben, der neue Leiter heißt Richard Williams, ist 68 Jahre alt und kommt aus Großbritannien. Er ist auch Journalist, aber nicht nur Musikjournalist, wie man das vielleicht erwarten würde, sondern auch Sportjournalist.

Das hat uns natürlich neugierig gemacht: Was hat er sich für das 51. Jazzfest ausgedacht? Am Donnerstag beginnt es und wir fragen ihn am besten selbst, herzlich willkommen, Richard Williams, im Studio, a warm welcome!

Richard Williams: Thank you very much!

Programmtipp: 16:07 Uhr in der Tonart: Zum Auftakt des Jazzfestes Berlin mit der amerikanischen Sängerin Cecile McLorin Salvant

Gorgis: Seit den späten 60er-Jahren arbeiten Sie als Musikjournalist, Sie haben unter anderem Biografien über Miles Davis und Bob Dylan veröffentlicht, für Zeitungen wie die "Times", den "Independent", den "Guardian" und das Magazin "Melody Maker" gearbeitet. Dann haben Sie sich aber in den 80ern dem Sport zugewendet. Wie kam es dazu? War es Ihnen zu einseitig, immer nur über Musik zu schreiben?

Williams: Ich habe die Chance bekommen, über die Olympischen Spiele 1992 in Barcelona zu schreiben, und da ich als Junge schon immer den Sport gerne mochte, das hat mich immer sehr interessiert, ging ich also nach Barcelona und es hat mir sehr viel Spaß gemacht, dort über die Sportereignisse, über die Leichtathletik und alles Mögliche zu schreiben. Und da dachte ich mir, ich würde mich gerne mal eine Zeit lang darauf konzentrieren. Und so bin ich Sportjournalist geworden.

"Man kennt die Regeln, aber man kennt das Ergebnis nicht"

Und es ist in der Tat sehr ähnlich, über Sport zu schreiben wie über den Jazz zu schreiben, wenn ich zu einem Fußballspiel gehe oder nach Wimbledon oder so was, dann ist das ein bisschen wie bei einem Jazzkonzert: Man kennt die Regeln, aber man kennt das Ergebnis nicht. Man weiß nie, wie so ein Konzertabend ausgehen wird, was genau passieren wird, genauso wenig weiß man, wer bei einem Match gewinnen wird. Ich mag genau das, dieses Unsichere darin, diese Spontaneität.

Gorgis: Sie sind ein renommierter Journalist, aber ein Festival haben Sie noch nie geleitet. Haben Sie erst mal schlucken müssen, als Sie die Anfrage vom Jazzfest bekommen haben?

Williams: Ich war in der Tat sehr überrascht, als ich gefragt wurde, ich musste wirklich viel darüber nachdenken, eben wie Sie gesagt haben, weil ich das noch nie gemacht habe. Aber das war auch Teil der Anziehungskraft, das hat mich auch sehr gereizt. Und außerdem ging es um Berlin, das Berliner Jazzfest! Ich war 1969 zum ersten Mal in Berlin und da war das Fest erst fünf, sechs Jahre alt, es lief damals unter der künstlerischen Leitung von Joachim-Ernst Berendt und ich liebte dieses Festival, ich bewunderte es, es war ein Festival, das keine Kompromisse machte, das eine klare Linie hatte. Und Berendt hatte wirklich eine Vision, er wollte etwas in Bewegung bringen.

Und dieses Berliner Jazzfest ist wirklich auch das einzige auf der Welt, für das ich gerne arbeiten würde. Und es ist ein interessantes Festival, es guckt sich nicht nur die Geschichte des Jazz an, was natürlich auch toll und interessant ist, aber es ist ein Festival, das eben auch nach vorne blickt.

Gorgis: Also, was haben Sie sich für das 51. Jazzfest vorgenommen, was ist Ihre Vision, was war Ihnen besonders wichtig für das Programm?

Williams: Ich kam letztes Jahr zum Festival, als es das 50. Mal stattfand, als es das 50. Jubiläum hatte, und ich fand es sehr schön und es hat mir sehr viel Spaß gemacht. Und damals hat man sich natürlich die vergangenen 50 Jahre angeguckt und die Vergangenheit gewürdigt und ich wollte jetzt für das 51. Festival eine andere Herangehensweise haben. Viele Festivals feiern Jubiläen und würdigen die Künstler und die Vergangenheit und so weiter, aber ich wollte diesmal die Gegenwart und die Zukunft würdigen sozusagen, gucken, was passiert.

Der Schlagzeuger Louis Moholo-Moholo (Roberto Cifarelli/Jazzfest Berlin)Der Schlagzeuger Louis Moholo-Moholo (Roberto Cifarelli/Jazzfest Berlin)

Es gibt sehr viele junge Musiker in diesem Programm. Und die Älteren, die dabei sind, sind alles Musiker, die sich noch entwickeln, bei denen noch etwas Neues passiert. Wenn man sich Charles Lloyd oder Louis Moholo-Moholo anguckt, die sind beide über 70, aber bei denen passiert noch was, die entwickeln sich noch. Und ich denke, wenn es in 50 Jahren dieses Jazzfest noch geben soll, dann muss sich das Fest mit der Musik bewegen, es muss sich entwickeln. Und das heißt nicht, dass es keine Würdigung mehr geben darf oder keine Jubiläen mehr gefeiert werden, aber dieses Festival widmet sich der Zukunft des Jazz.

Als das Berliner Publikum Duke Ellington ausbuhte

Gorgis: Das Jazzfest ist bei den Berlinern eine wirklich feste Größe, die Konzerte sind eigentlich immer ausverkauft. Was erhoffen Sie sich als neuer Leiter vom Berliner Publikum?

Williams: Als Erstes erwartet man natürlich eine Meinung vom Berliner Publikum. Sie haben in der Vergangenheit sehr deutlich gezeigt, was ihnen gefällt und was nicht, sie zeigen, wenn sie etwas gut finden, sie zeigen aber auch, wenn sie etwas nicht gut finden. Ich erinnere mich, 1969 war Duke Ellington der Stargast des Jazzfestivals, das war sein 70. Geburtstag damals und das Publikum mochte ihn nicht und hat ihn tatsächlich ausgebuht, das muss man sich mal vorstellen, das ist wirklich in die Geschichte eingegangen, dieses Konzert, in dem Duke Ellington ausgebuht wurde. Vielleicht hatten sie recht damit, vielleicht nicht, ich weiß es nicht, aber sie hatten auf jeden Fall eine sehr klare Meinung.

Und unser Ziel jetzt ist es vor allem, aber auch neue Zuhörer zu gewinnen. Was bei diesem Jazzfest ja auch der Fall ist, dass es dann schnell Teil des Lebens des Publikums wird. Es findet jedes Jahr statt und es ist nicht nur etwas, das zur älteren Generation gehört, wir wollen auch nähere Verbindungen zur kreativen Musikerszene, zur Musik-Community in Berlin ziehen, und wir wollen uns ihnen stärker zuwenden und zeigen, dass das eben auch ihr Festival ist.

Gorgis: Die Stadtteile Kreuzberg und Prenzlauer Berg galten ja lange als Orte, die Künstler anziehen, und Orte, an denen viel passiert. Jetzt gibt es aber auch viele Stimmen, die behaupten, die großartige Zeit, die es nach dem Fall der Mauer für Kreative und Künstler in Berlin gab, die ist schon wieder vorbei. Was denken Sie?

Enthusiasmus der Berliner Künstler

Williams: Meine Erfahrung als jemand, der nicht in Berlin lebt – also, ich lebe in London, verbringe aber viel Zeit hier in Berlin –, ist, dass es immer noch eine sehr kreative Stadt ist und dass hier sehr viele kreative Menschen leben, die sich auch leisten können, hier zu leben, und man es sich immer noch leisten kann, hier zu leben. Ich war auf drei der kleineren Jazzfestivals in Berlin kürzlich, dem Jazz Collective, XJAZZ und A l'Arme. Und ich muss sagen, ich war sehr begeistert von der Qualität der Musik und von dem Enthusiasmus und der Energie, die dort zutage trat.

Es erinnert mich auch ein bisschen an London, obwohl es natürlich in London schwieriger für die Künstler ist, weil es dort so wahnsinnig teuer ist. Aber in Ostlondon gibt es auch wie in Ostberlin zum Beispiel noch einige Künstler, die da leben, und Künstler-Communities, wo Leute aus aller Welt zusammenarbeiten und arbeiten und zusammenwirken. Und für mich ist Berlin immer noch ein sehr interessanter Ort.

Gorgis: Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele, hat über Sie gesagt: Ihr Blick auf den Jazz ist frisch und weltoffen, Sie kommen nach Berlin als ein Spezialist, der alle Konventionen des Jazz kennt und doch selber unkonventionell geblieben ist. Wie haben Sie das geschafft?

Williams: Ich weiß nicht. Ich habe die Musik immer geliebt, schon als kleiner Junge, und ich habe mich immer dafür begeistert, vor allem für das, was neu war in der Musik, für neue Musik. Und bei Jazz bewegt sich immer etwas nach vorne. Es zeigt immer etwas Neues und das gefällt mir. Und heute oder morgen Abend werde ich mit Sicherheit etwas hören, was ich nie zuvor gehört habe, was ich so noch nicht kenne. Und das mag ich. Und ob ich nun ein Experte bin, nun ja, ich habe jetzt über 50 Jahre Musik gehört und mit Musik zu tun, und wenn man dann kein Experte ist, dann wird man wahrscheinlich nie einer!

Gorgis: Richard Williams, neuer Leiter des Jazzfest Berlin. Herzlichen Dank für den Besuch im Studio, thanks a lot for being with us!

Williams: Thank you very much, my pleasure!

Gorgis: Und Dank auch an Marei Ahmia für die Übersetzung. Die 51. Ausgabe des Jazzfest beginnt am Donnerstag im Haus der Berliner Festspiele, es gibt auch noch Karten für einige Konzerte, zum Beispiel unter berlinerfestspiele.de. Für alle, die das Festival nicht besuchen können oder keine Karten mehr bekommen haben: Wir übertragen am Donnerstagabend ab 20 Uhr das Konzert von Cecile McLorin Salvant und die Abschlusskonzerte am Sonntag von Louis Moholo-Moholo und Ambrose Akinmusire, ebenfalls ab 20 Uhr.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Unsere Jazz-Highlights im November in der Übersicht 

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