Festival "Séries Mania"

Die Revolution ist auf Youtube

Screenshot der Web-Serie "Wishlist"
Screenshot der Web-Serie "Wishlist" © Screenshot Trailer "Wishlist"
Von Simone Schlosser |
Nicht im Fernsehen, sondern im Internet finden sich interessante, neue Serien wie "Cold" oder "Wishlist", die Trends setzen. Auf dem Festival "Séries Mania" in Paris, dem wichtigsten Serienfestival in Europa, werden die neusten Tipps vorgestellt.
Klare Bilder, harte Schnitte, laute Musik: Das ist der Beginn der Serie "Cold". In der versucht die 16-jährige Isla, den Mord an ihrer Mutter aufzudecken, für den ihr Vater im Gefängnis sitzt. Ein atmosphärischer Thriller im Nordic-Noir-Stil.
Der verantwortliche Sender: eine amerikanische App. "Cold" ist eine von 15 Webserien, die auf dem Séries Mania laufen: "Wer sich für heutzutage für Storytelling interessiert, darf Webserien nicht ignorieren", sagt Oriane Hurard. Er ist zuständig für das Webserien-Programm bei dem Pariser Serienfestival: "Webserien müssen schnell das Interesse und die Aufmerksamkeit wecken. Meistens haben sie nur zehn Minuten, um die Zuschauer vom Weiterschauen zu überzeugen. Da muss man effizient sein", erklärt er.

Serien von Millenials für Millenials

Ein wichtiges Hilfsmittel: eine starke Hauptfigur. Die ist erstaunlich oft weiblich. Fünf der sieben Webserien im Wettbewerb drehen sich um Frauen. Eine davon ist "BKPI": Brooklyn Private Investigators. Eine Art "Girls" meets "Drei Engel für Charlie". Der kreative Kopf dahinter ist die New Yorker Filmemacherin Hye Yun Park: "Das ist ein allgemeiner Trend im Bereich der Webserien: Das Format bietet neuen Stimmen die Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen, eigene Serien zu entwickeln. Gerade weibliche Kreative nutzen das für sich. Deshalb gibt es so viele Webserien von und mit Frauen."
Ein weiteres Merkmal vieler Webserien: Sie sind von Millenials für Millenials. Die Zielgruppe sind junge Erwachsene, die weniger mit dem Fernsehen sozialisiert wurden, als durch YouTube, Facebook und Co. Das spiegelt sich in der Machart dieser Serien: Viele nutzen neue Technologien als zentrale Story-Elemente. Etwa die Grimme Preis prämierte Webserie "Wishlist", über eine Smartphone App, die Wünsche erfüllen kann.
Andere sind beeinflusst durch Computerspiele, wie die argentinische Produktion "Ana", bei der die Zuschauer über das Ende mitentscheiden können. Außerdem sind fast alle Webserien transmedial erzählt, sodass die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen: Die Hauptfiguren haben eigene Instagram-Profile. Auf Twitter finden Interviews mit den Darstellern statt.
"Wenn man eine Serie macht, die im Netzt ausgestrahlt wird, muss man dort präsent sein", sagt der britische Filmemacher Jack Jewers. Er ist Regisseur der Webserie "Night School", die auf dem gleichnamigen Jugendbuch-Bestseller beruht. "Das Publikum erwartet, mit eingebunden zu werden, ein Teil der Serie zu sein", erzählt er. Diesen Zugang müsse man dem Publikum geben. "Und wenn das nur bedeutet, dass man auf Tweets antwortet oder auf Facebook präsent ist. Wer das nicht erfüllt, hat gleich verloren."
Webserien sind eine Spielwiese für junge Filmemacher: die Möglichkeit, sich frei auszutoben. Ohne die klassischen Fernsehrestriktionen wie Sendelänge, Budget und Erscheinungstermin. "Night School" zum Beispiel ist eine wilde Mischung aus Genrekonventionen und Erzählmustern. Noch werden Webserien von manchen Programmmachern belächelt. Langfristig könnten sie allerdings das Fernsehen verändern.

"In der Fernsehindustrie gibt es einerseits viel Snobismus"

"Wir merken erst jetzt so langsam, dass viele Einschränkungen im Fernsehen selbst auferlegt sind: die festen Episodenlängen, die wöchentlichen Erscheinungstermine", sagt Jack Jewers. "Es gibt keinen Grund dafür, dass das so sein muss. In der Fernsehindustrie gibt es einerseits viel Snobismus. Andererseits aber auch Verständnis dafür, dass das hier die Zukunft ist, und dass man sich nicht davor fürchten muss."
Einige etablierte Fernsehsender haben sogar angefangen, in die Entwicklung von Webserien zu investieren. Der französische Bezahlsender Canal+ etwa hat eine eigene Online-Plattform gestartet: Studio+.
Gerade können wir beobachten, wie mit den Webserien ein neues Genre entsteht", sagt Oriane Hurard. "Das ist nicht nur ein neues Label, sondern auch ein neues Geschäftsmodell. Durch entsprechende Plattformen werden die Budgets für Webserien größer, denn die Zuschauer müssen per Bezahlschranke für die Serien zahlen. Das hat nur noch wenig zu tun mit dem, was wir von YouTube oder Vimeo kennen."
Das Séries Mania hat auf diese Entwicklung mit einem eigenen Wettbewerb für Webserien reagiert. Stellt sich allerdings die Frage, wie lange es den geben wird. Möglicherweise laufen sie im nächsten Jahr schon im regulären Programm. In Zukunft werden die Grenzen weiter verschwimmen, glaubt zumindest Oriane Hurard. "Vielleicht produziert auch Netflix demnächst die erste Serie mit Kurzepisoden. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Industrie zusammenwächst."