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Fazit / Archiv | Beitrag vom 30.07.2017

Festival "#displaced – replaced"Türkische Künstler in der Berliner Diaspora

Von Gerd Brendel

DJ Ipek, vor dem Cafe Istanbul in Berlin-Kreuzberg (2007).  (dpa / Rainer Jensen)
Auch beim Festival "#displaced – replaced" dabei: DJ Ipek. (dpa / Rainer Jensen)

Das Festival "#displaced – replaced" in Berlin soll türkische Exilkünstler zusammenbringen: Musiker, Autoren und Filmemacher, die aufgrund der aktuellen Lage die Türkei verlassen mussten und sich nun in Berlin und anderen europäischen Städten eine neue Heimat gesucht haben.

"Es war einmal ein kleines Mädchen. Das wurde Rotkäppchen genannt…"

Ein altes Märchen neu erzählt: Auf der Videoleinwand hinter den Musikern von "Soundscapes of Resistance" - Klangräume des Widerstands - hüpft ein Strich-Frauchen alias Rotkäppchen auf dem Weg zur Großmutter durch einen Tannenwald. Da kommt der Wolf.

"Ich kann Dir einen Ort sagen, wo die schönsten Blumen wachsen."

"Eigentlich die Rolle von Rotkäppchen ändert sich immer." Der Musiker Bilgehan Ozis hat sich von Kollegen, die, wie er, gegen die Räumung des Istanbuler  Gezi-Parks protestierten, zu den "Soundscapes of Resistance" inspirieren lassen. Johanna Domke hat das alte Märchen neu gezeichnet.

"Wir haben eine neue Deutung angestellt. Für uns ist Rotkäppchen das Volk, das sich verleiten lässt  vom bösen Wolf, dem Machthaber, mit seinem ganzen Apparat, den Medien."

Gezi-Proteste als Schlüsselerlebnis

Nicht nur der böse Wolf führt Rotkäppchen in die Irre. Auch die anderen Tiere im Wald: der  Fuchs, die Schlange und die Eule haben es auf die Zeichenfigur abgesehen. Im Hintergrund erkennt man die Silhouette Erdogans, überblendet mit reißerischen Schlagzeilen türkischer Zeitungen.

Diejenigen,  die vor dem Wolf aus dem Wald geflohen sind, haben ein Wochenende lang ihre Zelte im Berliner Radialsystem aufgeschlagen.

"#displaced – replaced" heißt das Festival, das seit Langem oder erst in jüngster Zeit  ortlos gewordene  türkische Exilkünstler zusammenbringt:

Und so sitzt auf dem ersten Podium die kurdische Musikerin Sakina Teyna, die ihr Land vor 20 Jahren verlassen musste, neben der transsexuellen Komponistin Korhan Erel. Sie floh nach dem gewaltsamen Ende der Gezi-Park Proteste aus dem Land.

"Es gab Gezi-Proteste, das war ein Schlüsselerlebnis", erinnert sich die Festival-Organisatorin, die Berlinerin İpek İpekçioğlu. Von der  Aufbruchsstimmung damals, als im Sommer 2013 Hunderttausende in Istanbul auf die Straße gingen, ist bei diesem Festival immer wieder die Rede.

"Vaterlandsloses Gesindel"

Der Dokumentarfilm "#Direnayol" von Rüzgâr Buşki zeigt einen ganz besonderen Moment der Protestbewegung als Transsexuelle, Transvestiten, Schwule und Lesben kurz nach der gewaltsamen Räumung des Gezi-Parks auf die Straße gingen. Eines der letzten Kapitel einer langen Verfolgungs-  und Widerstandsgeschichte. Daran gemahnte Pinar Selek.

Die Soziologin floh vor zehn Jahren vor der Verfolgung als angebliche PKK-Terroristin aus der Türkei. Zu den bewegendsten Momenten gehörte die Lesung ihres Essays "Weil sie Armenier sind", in dem sich Selek mit der systematischen Leugnung des Völkermords auseinandersetzt.

"Mich überraschst es, dass man immer nur über Erdogan reden soll, was soll ich denn da sagen? Klar ist er Teil dieser Struktur, und er ist nicht einfach vom Himmel gefallen."

"Ich brauche keine Heimat zu haben"

Eine Struktur, die alle, die nicht in das Raster "Türke, Muslim, heterosexuell" passen, in der Sprache Erdogans zu "Capulcu", Plünderern, machte, zu "vaterlandslosem Gesindel".  Aber was bedeuten schon Begriffe wie "Vaterland" oder "Heimat".

"Jetzt, da ich hier bin, das hat mich über mein Land nachdenklich gemacht",  sagt der Musiker Bilgehan Ozis. "Und ich hab verstanden: Ich brauche keine Heimat zu haben, das ist nur so eine Idee. Wo ich mich wohlfühle, muss meine Heimat sein."

"#disPlaced – #rePlaced" – "Replaced bedeutet Neu-Verortung, das heißt, du musst dir einen neuen Ort suchen, wo du eventuell versuchen wirst, dich selbst zu verwirklichen, dort anzukommen."

"Rotkäppchen konnte ihren Augen nicht glauben. Es gibt ganz viele von uns."

"Wir haben keine andere Wahl, als positiv zu bleiben"

In der Märchen- Version der Istanbuler Exilmusiker und der deutschen Illustratorin entdeckt Rotkäppchen am Ende viele andere Rotkäppchen. Gemeinsam überlisten sie den Wolf. Ein naives Happyend?

"Wir haben keine andere Wahl, als positiv zu bleiben und eine Hoffnung zu haben für die Zukunft. Wir brauchen die Welt ."

Und die Welt braucht listige Rotkäppchen, Künstler wie Bilgehan, Sakina Teyan, Denkerinnen wie Pina Selek und all die anderen. Ach so, und natürlich wurde an diesem Wochenende auch getanzt und gefeiert, zu türkischer, zu kurdischer und armenischer Musik vom Rotkäppchen-Gesindel bis tief in die Nacht hinein.

 

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