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Fazit / Archiv | Beitrag vom 15.07.2016

Festival Bad WildbadRossini in der Trinkhalle

Von Bernhard Doppler

Sänger des Rossini Festivals in Bad Wildbad (Baden-Württemberg) proben am 11.07.2016 die Oper Sigismondo (picture alliance / dpa / Patrick Pfeiffer)
Sänger des Rossini Festivals in Bad Wildbad (Baden-Württemberg) proben am 11.07.2016 die Oper Sigismondo (picture alliance / dpa / Patrick Pfeiffer)

Ein Ort der Rossini-Renaissance - das ist das dreiwöchige, fünf Produktionen selten gespielter Belcanto-Opern umfassende Festival in Bad Wildbad. Unser Kritiker Bernhard Doppler hat sich drei Premieren angesehen.

Sind die Strettas und Rachearien der italienischen Belcantooper nicht auch ein lustvolles Ventil von Wutbürgern, um Niederlagen und Minderwertigkeitsgefühle zu kompensieren, vor allem wenn sie so mitreißend vorgetragen werden wie in der diesjährigen Ausgrabung des Bad Wildbader Rossini-Festivals, der ersten großen Oper Vincenzo Bellinis "Bianca e Gernando"?

Gernando (strahlend: Maxim Mirnov) will seinen Vater Herzog Carlo rächen, denn der potenzielle Schwiegersohn Filippo (eindrucksvoll: Vittorio Pratto) hält ihn gefangen, weil er ihm die Tochter Bianca und die Nachfolge als Herrscher verweigert. Wie in Schillers "Räubern" ist der alte Vater (Luca Dall`Amico) ausgesetzt und wird wie Florestan in letzter Minute aus dem Gefängnis von seinen Kindern befreit. Zuvor war auch Tochter Bianca (Silvia Dalla Benetta) in einer langen, mit Harfe begleiteten rührenden Arie der Tränen voller Melancholie, für die Bellini auch später kennzeichnend, in sich gegangen.

Produktive Überforderung

Nach wie vor ist das Rossini-Festival in Bad Wildbad - in dem die von Pesaro in den 90er-Jahren ausgehende Rossini-Renaissance in Deutschland Fuß fasste - ein Ort der Erkundungen und Entdeckungen, der vielerlei Assoziatonen Raum gibt.

In der kurzen, drei Wochen währenden Festspielzeit werden fünf Produktionen selten gespielter Belcanto-Oper gespielt - im Gegensatz zu Pesaro nicht ausschließlich von Rossini, sondern auch aus seinem Umfeld und seiner Nachfolge. Das ist sicherlich, zumal bei den begrenzten insitutionellen Bühnenmöglichkeiten, eine Überforderung  -  aber produktiv! Man kann lohnende Vergleiche anstellen.

Auch in der in der Trinkhalle zuvor gezeigten szenischen Produktion von Rossinis "Sigsimondo" und in seiner im kleinen Kurtheater aufgeführten Erstlingsoper "Demetrio e Polibio" wird eine böse verkorkste Ehe- beziehungsweise Familiensituation wieder hergestellt. 

Virtuosi Brunenses in Hochform

"Sigismondo" verweist übrigens auf die Anfangsjahre von Wildbad, denn der langgediente Intendant Jochen Schönleber hatte diese Oper bereits 1995 - 15 Jahre vor Pesaro! - ausgegraben. Im Gegensatz zu Pesaro, wo die Wahnvorstellungen Sigismondos in einer aufwendigen Inszenierung von Damiano Michielletto in einer Irrenanstalt spielten, muss sich die Inszenierung auf dem Podium der Trinkhalle minimalistisch begnügen. 

Schönleber lässt in modernen Alltagsgewändern spielen und erzielt die Effekte überzeugend durch transparente Spiegel. Mit Margarita Gritskova als Sigismondo und Maria Aleida als seine verstoßene Gattin, sowie vor allem Kenneth Traver als Intrigant Ladislao konnte Wildbad dabei eine international renommierte Besetzung gewinnen.

Der Thrill der Belcanto-Oper wird aber durch das Orchester erzielt, wobei die Tagesform beim ständigen Einsatz nicht immer gleich ist. Bei "Bianca e Gernardo" waren die tschechischen Virtuosi Brunenses unter dem verdienten musikalischen Leiter Antonino Fogliani jedoch in Hochform.

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