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Zeitfragen | Beitrag vom 02.02.2021

Fernweh und PandemieReisen in den eigenen vier Wänden

Von Annette Kammerer

Blick durch ein Fenster auf Porto in Portugal (picture alliance / Zoonar / Jürgen Wiesle)
Ansicht von Porto: Dass durch ein Fenster aufgenommene Fotos eine besondere Wirkung haben, brachte Regina Dünser auf eine Idee. (picture alliance / Zoonar / Jürgen Wiesle)

70 Millionen Urlaubstrips: Nie verreisten in Deutschland so viele Menschen wie 2019. Zahlen, die sich mit Corona in Luft auflösen. Die Pandemie ändert den Blick auf das Reisen und bringt die Erkenntnis, dass es nicht dasselbe ist wie Wegfliegen.

Ein kleiner Punkt auf einer riesigen Weltkarte leuchtet rot. Irgendwo in einem Wald in Litauen steht gerade ein Mann und nimmt das Geräusch auf, wie Schnee von den Bäumen fällt. Während in Österreich jemand in einer Kirche sitzt und an der Orgel improvisiert.

Wer reisen will, kommt auf der Weltkarte von Aporee Radio mit ein paar Klicks um den halben Globus. An Orte, die seit Corona plötzlich so weit weg scheinen, wie sie sich anhören. Kein Super-Last-Minute mehr, kein Jetten, kein Unbekümmert-in-der-Sonne-Brutzeln.

Ein paar Kilometer von der Kirche mit dem Orgelspieler entfernt, in einer anderen österreichischen Kleinstadt, sitzt Regina Dünser, allein in ihrer Wohnung.

"Gerade aktuell hat es wahnsinnig viel geschneit letzte Woche", erzählt sie. "Und ich hatte das Gefühl, dass ich jetzt doppelt Lockdown habe. Ich kann im Rollstuhl gar nicht auf die Straße oder im Auto herumfahren, weil überall fast meterhoher Schnee ist."

Reiselust trotz Rollstuhl

Auch Regina Dünser kann kaum reisen. Allerdings nicht erst seit Corona.

Als sie 19 Jahre alt war, bekam die heute fast 50-Jährige die Diagnose Multiple Sklerose. Lange ging alles gut, sie studierte Pflegemanagement und bekam eine Tochter, war alleinerziehend.

2006 läuft sie dann zum letzten Mal in ihrem Leben auf einen Berg. Heute sitzt Regina Dünser in einem Rollstuhl, und fährt angetrieben von einem kleinen Motor durch ihre österreichische Kleinstadt.

Einmal im Jahr versucht sie, auf große Reise zu gehen – mal geht es mit dem Zug nach Hamburg oder Berlin, dieses Jahr wollte sie nach Leipzig.

"Aber ich persönlich würde auch gerne mal an Orte reisen, die ich mit dem Auto nicht schaffe", sagt sie. "Ich würde wahnsinnig gerne mal diese Kranichrast sehen in Deutschland. Das muss fantastisch sein, das stelle ich mir so vor. Aber wenn ich niemanden habe, der mit mir dahinfährt, dann wird das noch länger offenbleiben."

Die Idee mit den Fensterblicken

Träume, die Regina Dünser vor ein paar Jahren auf eine Idee bringen: Sie bittet Freunde und Bekannte, ihr Fotos aus deren Urlaub zu schicken. Mit einer einzigen Regel: Es sollen Fotos aus dem Fenster sein. Regine Dünser nennt diese Fotos Fensterblicke.

"Und das Besondere an Fensterblicken ist", erklärt sie. "Wenn durch das Fenster aufgenommen wurde, dann hat auch der Betrachter das Gefühl, er schaut jetzt direkt aus dem Fenster raus. Also man fühlt sich an diesen Platz hin versetzt."

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Schnell schicken ihr auch wildfremde Menschen Fotos. Da ist zum Beispiel der 60-Jährige, der seit seiner Jugend nur per Autostopp verreist und Fensterblicke aus einem Museum in Manchester schickte. Oder ein Blick aus der Berliner Siegessäule heraus, von Menschen, die ihr mit der Zeit Freunde geworden sind.

Regina Dünser hat mittlerweile gut 600 Fotos gesammelt und kramt sie auch immer wieder zum darin Schwelgen hervor.

"Rausschauen. Das bedeutet für mich ein Stück weit auch Teilhabe und mitnehmen, was draußen passiert", sagt sie. "Manchmal auch der Gedanke: Okay, jetzt hat es so viel geschneit, jetzt müssen alle zu Hause bleiben, und jetzt geht es uns allen genau gleich."

Sankt Petersburg ins Wohnzimmer geholt

Auf dem Platz vor der Eremitage in Sankt Petersburg ist Regina Dünser fast jeden Tag. Ganz, ohne mit ihrem Rollstuhl vor die Tür zu fahren. Den Fensterblick auf das berühmte russische Museum hat sie sich nämlich metergroß an die Wohnzimmerwand gehangen.

"Es ist einfach schön, weil der Platz belebt ist", erzählt sie. "Ich habe das Gefühl, das ist wie so ein Wimmelbild aus dem Kinderbuch. Ich kann da immer hinschauen und habe schon ungefähr … Ich glaube, mindestens zwei Hochzeitspaare stehen da auf dem Platz. Und dann sehe ich die Eremitage und denke mir: wie schön. Ob ich da mal reinkomme, das weiß ich nicht."

Wissenschaftler nennen das den "touristischen Blick". Reisen, das machen wir schon seit dem Mittelalter, Tourist sein aber, das wurde erst im 18. Jahrhundert von einer gebildeten Elite erfunden, so Hasso Spode, Leiter des Historischen Archiv zum Tourismus.

Tourismus – ohne offensichtlichen Zweck reisen

"Man ist schon immer gereist sein, seit Jahrtausenden schon", erklärt er. "Nur dafür hatte man eigentlich immer gute Gründe. Also Krieg, Handel, Gewinnung von Seelenheil, Flucht und Vertreibung. Der Tapetenwechsel spielte dabei überhaupt keine Rolle. Erst der touristische Blick auf die Welt, der sich im 18. Jahrhundert herausbildet, der ist das, was wir heute unter Reisen verstehen. Also eine Reise eigentlich ohne offensichtlichen Zweck. Wir wissen nicht genau, warum wir das eigentlich tun."

Das Reisen kennt seitdem nur eine Richtung: immer weiter, immer mehr, immer häufiger. 2019 sind so viele Deutsche wie noch nie verreist. Über 70 Millionen Urlaubsreisen wurden angetreten. Aber das war vor Corona.

Vollständige Zahlen gibt es zwar noch nicht, doch allein bis August letzten Jahres gab es an deutschen Flughäfen zwei Drittel weniger Passagiere und auch innerdeutsche Übernachtungen schrumpften um die Hälfte im Vergleich zum Vorjahr.

Rückgang der Mobilität von historischem Ausmaß

"Also seit dem Mittelalter hat es so einen Rückgang der Mobilität nicht mehr gegeben", sagt Hasso Spode. "Ja, selbst im Zweiten Weltkrieg, also bis 1942, 1943, mitten im Krieg, waren die Urlaubsorte in Deutschland überfüllt. Wir sollen ja nicht vergessen, dass noch um 1960 in Deutschland zwei Drittel der Menschen nicht in den Urlaub gefahren sind. Und die haben auch irgendwie ihre Urlaubszeit auf Balkonien oder mit Ausflügen oder so verbracht. Also eng wird es, wenn wir nicht mal mehr Ausflüge machen können, dann wird es schwierig, wenn irgendwann der Berliner Grunewald oder der Englische Garten in München gesperrt werden. Das hoffe ich nicht."

Sich fokussieren auf das, was man hat. Das hilft auch Regina Dünser, die seit Corona noch nicht einmal mehr vor die eigene Haustür kann.

"Also ich finde, Fensterblicke ist auch ein Stück Hoffnung. Einfach rausschauen und mit dem zufrieden sein, was man vielleicht zu Hause hat, auch wenn das alles so eingeschränkt ist. Und wenn dann der Frühling kommt … Es ist fantastisch, wie die Natur sich nicht aufhalten lässt. Es bricht einfach mit ganzer Wucht raus. Da freue ich mich schon wieder."

Und so können Menschen auch trotz geschlossener Grenzen – oder einem mutmaßlich bald wieder eingeschränkten Flugverkehr – verreisen. Akustisch auf einen Markt nach China, oder als Fensterblick in die Toskana. Denn Reisen ist viel mehr, als nur an einem fremden Ort sein.

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