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Fazit / Archiv | Beitrag vom 17.01.2013

Feministische Richtigstellung

"Schatten (Eurydike sagt)" in Wien: Hartmann inszeniert Jelinek

Von Ulrich Fischer

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Elfriede Jelinek (AP)
Elfriede Jelinek (AP)

Elfriede Jelinek aktualisiert die alte Sage: Ihr Orpheus ist ein eitler Schnulzenkönig von heute, und Eurydike will gar nicht aus dem Land der Schatten "gerettet" werden. In Wien zeigt sich Matthias Hartmann als texttreuer und produktiver Jelinek-Regisseur.

Elfriede Jelinek hat den Nobelpreis nicht ohne Grund bekommen. Die österreichische Dramatikerin hat Neuerungen ersonnen, die es in sich haben: Im konventionellen Bühnentext ist es üblich, dass links der Name der Figur steht, also beispielsweise "Ferdinand" oder "Luise", und dann rechts, was "Ferdinand" oder "Luise" sagt. Das ist bei Elfriede Jelinek nicht der Fall – sie schreibt nur den Text rechts. Die Dramatikerin gibt keinen Hinweis, wem welche Textpartie zugewiesen werden soll.

Diese Neuerung flankiert Elfriede Jelinek mit einer zweiten, ebenso radikalen Neuerung: In konventionellen Stücken gibt es das Personenverzeichnis. Nach dem Titel "Kabale und Liebe" stehen die Figuren, die im Spiel auftreten: Luise, Ferdinand, der Präsident usw. Dieses "Personenverzeichnis" fehlt bei Elfriede Jelinek. Damit überlässt es die Stückeschreiberin der Regie, die Entscheidung zu fällen, welche Figuren auftreten sollen.

In unserer finsteren Epoche des Regietheaters, in denen die Regisseure sich zu absoluten Herrschern aufschwingen konnten, haben es Dramatiker schwer. Elfriede Jelinek rächt sich, indem sie "Textteppiche" – also Texte ohne Zuweisung zu einer Figur – schreibt. Da Regietyrannen sowieso nur selten Regieanweisungen der Dramatiker befolgen, verhält sich Elfriede Jelinek äußerst geschickt – sie fordert ihre Regisseure heraus. Sie müssen einen Teil der Arbeit tun, die bislang Dramatiker leisteten.

Das gilt auch für "Schatten (Eurydike sagt)", ein Stück das, im letzten Jahr in Essen uraufgeführt, jetzt zum ersten Mal in Österreich gespielt wurde. Burgtheater-Intendant Matthias Hartmann ließ es sich nicht nehmen, höchstselbst das Stück Elfriede Jelineks, der bedeutendsten deutschsprachigen Dramatikerin unserer Epoche, zu inszenieren.

"Orpheus und Eurydike" ist ursprünglich eine Tragödie, Elfriede Jelinek verwandelt die alte Sage in eine Komödie. Die Alten haben überliefert, dass Orpheus, ein begnadeter Sänger, seine geliebte Gattin Eurydike verliert. Als sie stirbt, ist Orpheus untröstlich. Er bittet die Götter der Unterwelt, ihm Eurydike zurückzugeben. Er rührt alle, sogar die Steine, mit der Kraft seines Gesanges. Auch die Götter lassen sich erweichen, aber sie stellen eine Bedingung. Orpheus darf sich auf dem Weg vom Hades ins Licht nicht umdrehen. Doch genau das tut Orpheus – und verliert so Eurydike ein zweites Mal.

Elfriede Jelinek aktualisiert die alte Sage, ihr Orpheus ist ein Sänger von heute. Eurydike gefällt es im Land der Schatten ganz gut, sie will gar nicht "gerettet" werden. Doch Orpheus setzt wie immer seinen Willen durch. Kurz bevor die beiden wieder ins Irdische zurückkehren, macht Orpheus von Eurydike mit seinem Handy ein Foto. Mit Blitzlicht! Und verliert sie so natürlich – was Eurydike ganz recht ist.

Elfriede Jelinek korrigiert die alte Sage: Orpheus liebt Eurydike überhaupt nicht. Ihm ist sein Ruf wichtig. Er will, dass die Welt weiß, dass sein Gesang sogar Steine und die hartherzigen Totengötter erweichen kann. Ihm geht es um seinen Ruhm als Künstler, Eurydike ist ihm schnurz. Eine böse Pointe und eine geglückte feministische Dekonstruktion der Sage.

Bei der Uraufführung in Essen trat eine Schauspielerin auf, sie sprach den ganzen Text, oder das, was in der eingestrichenen Fassung übrig geblieben war. Ganz anders bei der Erstaufführung in Österreich. Matthias Hartman und seine Dramaturgin Amely Joana Haag haben sich für acht Schauspieler entschieden, sieben Damen, einen Herrn, dazu einen Puppenspieler und auf der Bühne gab es eine weitere Gestalt, ganz schwarz, eine Art Vogelscheuche, die wohl die Allgegenwart des Todes insbesondere im Hades ins Gedächtnis rufen sollte.

Matthias Hartmanns (Aus-) Wahl schien angemessen – vor allem die Aufspaltung Eurydikes in viele Figuren. Tatsächlich finden sich im Text Hinweise darauf, dass Eurydike mehrere Seiten hat – gleichzeitig können aber die Damen, wenn sie zum Beispiel im Chor sprechen, auch zeigen, dass die Vielen eine sein können, sozusagen die ideelle Gesamt-Eurydike.

Eine kauft ungehemmt ein, sie ist eine Konsumidiotin, wie sie im Buch steht. Eine andere ist eifersüchtig. Orpheus hat viele Fans, vor allem junge Mädchen, sie kreischen, wenn sie ihr Idol sehen und hören: Dieses Gekreisch mit der eindeutig sexuellen Konnotation ist natürlich für Eurydike ein Ärgernis. Eine dritte Eurydike analysiert Orpheus und fragt, ob er an einer Depression leidet und was das ist: Trauer? Sie schwingt einen Hammer aus Schaumgummi wie ein Clown im Zirkus. Jedes Mal, wenn sie komplexe psychologische Zusammenhänge erörtert, haut sie auf einen Fernseher, prompt erscheint auf dem Bildschirm ein Porträt von Sigmund Freud.

Am komischsten ist Lucas Gregorowicz als Orpheus. Er tritt mit Glitzerjackett auf, aus dem göttlichen Sänger wird ein Schnulzenkönig. Kritik an der Unterhaltungsmusik, daran, wie Popidole mit gekünstelter Emphase gefälschte Gefühle über die Rampe schleudern, ist ein wesentlicher Bestandteil des Stücks (sie ergänzt Jelineks radikale Kritik des Klassikbetriebs in der "Klavierspielerin", ihrem wohl berühmtesten, auch verfilmten Roman). Die Fans bekommen auch ihr Fett ab – sie sind zu anspruchslos, geben sich mit viel zu wenig zufrieden.

Aber Matthias Hartmann präpariert auch die ernste Seite der Farce heraus: Eurydike ist des Lebens an der Seite ihres Sängergatten überdrüssig, sie steht immer in seinem Schatten – deshalb ist sie froh, in den Hades zu gehen, da ist sie endlich befreit davon, mit ihrem Mann konkurrieren zu müssen. Sie hat längst durchschaut, dass dieser Egomane sie nicht liebt.

Es gibt viele dunkle, rätselhafte Stellen im Stück, das unterschlägt Hartmanns Erstaufführungsinszenierung auch nicht. Am beunruhigendsten sind Szenen, in denen angedeutet wird, besser als dieses Leben der Konkurrenz und der Falschheit sei der Tod. Der Hades ist hier, wir sind, noch lebendig, schon tot.

Andererseits sind die Reflexionen über die Schattenwelt tiefsinnig, sie wenden sich gegen die Angst vor dem Sterben. Furcht scheint, will man Elfriede Jelinek glauben, überflüssig. Der Gang in den Hades verspricht Ruhe.

Nicolas Stemann galt vielen als guter Jelinek-Regisseur – bislang. Matthias Hartmann ist besser. Er ist nicht nur, ohne je unkritisch zu sein, texttreuer, er gelangt mit seiner Inszenierung auch näher an den Sinn von Elfriede Jelineks Farce. Hartmann hat die künstlerischen Herausforderungen Elfriede Jelineks in "Schatten" produktiv gemeistert.

Informationen des Akademietheaters Wien zu "Schatten (Eurydike sagt)"

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