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Sein und Streit | Beitrag vom 13.01.2019

Feministin Silvia Federici Sollte Hausarbeit bezahlt werden?

Von Sophia Boddenberg

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Illustration: Eine Frau hält ein Kartenhaus zusammen. (imagi/Ikon Images)
Ohne Hausarbeit keine Lohnarbeit: Sollte man Care-Arbeit entlohnen? (imagi/Ikon Images)

Die italienische Feministin Silvia Federici hat sich mit ihrem intellektuellen Einsatz für die Entlohnung von Haushalts- und Fürsorgetätigkeiten international einen Namen gemacht. Ihr Ziel ist ambitioniert: die Wiederverzauberung der Welt.

Wie ein Popstar wird Silvia Federici von tausenden Frauen auf dem letzten Stopp ihrer Lateinamerika-Reise in Santiago de Chile begrüßt. Die gebürtige Italienerin gehört zu den feministischen Legenden des letzten Jahrhunderts. Seit den Siebzigerjahren hat sie sich als Autorin, Aktivistin und Professorin für politische Philosophie und Frauen-Studien profiliert. Und noch heute – mit ihren 76 Jahren – wird sie auch in Lateinamerika als Ikone der feministischen Bewegung gefeiert. Und sie bemüht sich in Südamerika nicht nur um Frauenrechte.

Federici: "Der Feminismus wird nicht nur als eine Bewegung begriffen, die die Position der Frauen verbessern soll. Sondern als eine Bewegung, die die gesamte Gesellschaft verändert und eine neue Gesellschaft schaffen will: eine, die nicht kapitalistisch ist, die nicht auf der Ausbeutung der Arbeitskraft und der Natur gegründet ist - und auch nicht auf Krieg."

Internationale Kampagne "Lohn für Hausarbeit"

Federici ist eine der wichtigsten Vertreterinnen der internationalen Kampagne "Lohn für Hausarbeit", die bereits Anfang der Siebziger in den USA entstand.

Federici: "Die Frauen sind in die globale Wirtschaft integriert worden, und so konnte der Kapitalismus zu einer neuen Blüte kommen. Vor diesem Hintergrund fordern wir die Entlohnung der Hausarbeit, also der Arbeit, die Frauen schon immer erledigt haben. Dabei geht es nicht darum, die Hausarbeit zu institutionalisieren und zu sagen, dass Frauen zu Hause bleiben sollen. Es geht darum, Nein zu sagen zu unbezahlter Arbeit im Kapitalismus."

Mit Reproduktionsarbeit meint Federici nicht nur das Aufziehen der Kinder, sondern auch die Pflege von Alten und Hilfsbedürftigen, und all die Haushalts- und Fürsorgetätigkeiten, die im erweiterten Familienumfeld anfallen. Tätigkeiten also, die das Arbeiten gegen Geld erst ermöglichen.

Federici: "Die Reproduktionsarbeit ist die Grundlage aller anderen Arten von Arbeit. Und sie ist immer noch unbezahlt. Denn als Arbeit ist sie gar nicht sichtbar: Sie wird nicht als Arbeit wahrgenommen. Das hat viele Frauen verarmen lassen und von Männern abhängig gemacht."

Arbeit gemeinschaftlich denken

In diesem Jahr hat Federici gleich drei Bücher veröffentlicht. Dreh- und Angelpunkt ist dabei eine feministische Kritik an Marx. Der habe nämlich übersehen, wie die unbezahlte Hausarbeit von Frauen zur Entwicklung des Kapitalismus beigetragen habe, argumentiert Federici. Da in den meisten Gesellschaften Frauen für die Reproduktionsarbeit zuständig waren und sind, sieht Federici heute in ihnen eine große gesellschaftliche Chance. Sie könnten den Wandel hin zu einer gemeinschaftlichen, post-kapitalistischen Ökonomie vorantreiben.

Federici: "Nur wenn wir die Bedingungen der Reproduktionsarbeit verändern, können wir auch andere soziale Beziehungen verändern – die Arbeit außerhalb des Hauses, das Verhältnis zu Arbeitgebern, zum Staat, zum Geld und zu unseren Körpern."

Der Versuch, die Welt wieder zu verzaubern

Dass Federici in letzter Zeit viel in Lateinamerika unterwegs ist und auf Spanisch publiziert, kommt nicht von ungefähr. In Lateinamerika versuchen sich immer mehr ländliche und indigene Gemeinschaften im Widerstand gegen industrielle Landwirtschaft, Bergbau und Umweltzerstörung. Oft sind es dabei Frauen, die die traditionelle Landwirtschaft aufrechterhalten und das Wissen um kollektive Arbeits- und Besitzformen weitergeben. Entwicklungen, die Federici in einem ihrer jüngsten Bücher unter den Titel der "Wieder-Verzauberung" der Welt stellt - "Re-enchanting the World: Feminism and the Politics of the Commons", heißt es im englischen Original.

Federici: "In dem Buch geht es um eine neue Organisation der Reproduktionsarbeit auf dem Land und in der Stadt. Ich lege einen starken Schwerpunkt auf Lateinamerika. Mexiko und Argentinien haben mich stark inspiriert – die Frauen in den Gemeinschaftsküchen, die gemeinschaftliche Organisation des Reproduktionsprozesses."

Der Begriff "Commons" steht für die Wiederentdeckung und Neuerfindung von Formen solidarischer Ökonomie. Wasser, Land, Fischbestände und Wald – all diese Ressourcen und auch ideelle wie Sprache und Wissen könnten ebenso gut als Gemeingüter aufgefasst und gemeinschaftlich bewirtschaftet werden. Eine Mammutaufgabe, ja, da ist sich Silvia Federici sicher. Aber eine, die viel Hoffnung macht.

Silvia Federici: Aufstand aus der Küche. Reproduktionsarbeit im globalen Kapitalismus und die unvollendete feministische Revolution
Edition Assemblage, Münster 2012
80 Seiten//9,80 Euro

Silvia Federici: Caliban und die Hexe. Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation
Mandelbaum Verlag, Wien 2012
340 Seiten//24,90 Euro

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