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Signale / Archiv | Beitrag vom 25.03.2007

Feindliche Brüder

Wissenschaft und Politik

Von Josef Schmid

Blick in den Plenarsaal des Bundestages (AP)
Blick in den Plenarsaal des Bundestages (AP)

Wissenschaft und Politik sind feindliche Brüder, müssen aber immer wieder zueinander finden. Was sie unterirdisch verknüpft, ist die staatliche Finanzierung, dann aber die Themen, mit denen sie sich befassen – genau hier trennen sich aber die beiden Brüder und sehen sich wieder nur vor Gericht – vor Gericht im übertragenem Sinne: zu den Hearings über große politische Streitfragen werden Wissenschaftler geladen und fungieren dort wie in einer Zeugenvernehmung.

Die wissenschaftlichen Beiräte an den einzelnen Ministerien sind stark beschäftigt, und vieles mehr. Eigenartig ist – und das hat sicher mit staatlichem Autoritätsgefälle zu tun - gibt es kein offizielles Forum, auf dem sich Wissenschaft und Politik auf Augenhöhe begegnen und sich wechselseitig knifflige Fragen stellen. Auf wissenschaftlichen Kongressen gibt es zum Glück Podiumsdiskussionen, zu denen Politiker geladen werden.

Ansonsten schirmt sich Politik gerade gegenüber der Wissenschaft ab; denn schon aus der Öffentlichkeit kommen laufend Ratschläge und Beschwerden und sie dringen nur stark gefiltert ans Ohr der Politik. Staatslehrer meinen, das wäre gut so: Politik darf nicht unter den Druck von Tagesaktualität geraten und damit ins Chaos. So erscheint die Trennung von Wissenschaft und Politik ein Stück Kultur. Die Sphäre des freien Denkens, Nachdenkens und Forschens darf mit der Sphäre des Entscheidens, Gesetzemachens und Handelns nicht vermengt werden, denn beide würden Schaden nehmen.

Werfen wir einen Blick in die Universität! – Der Inhaber einer Lehrkanzel weiß, dass er im akademischen Leben nicht mehr höher klimmen kann und das macht einsam und frei. Neben Fortentwicklung des Faches in Forschung und Lehre war noch Platz für Zukunftsfragen, wie sie im Terminkalender der Politik keinen Platz finden. Das war eine der wichtigsten Aufgaben, die sich eine unabhängige Wissenschaft vorgenommen und der sie sich verpflichtet hatte. Zukunftsfragen sind solche, die in ihrer Bedeutung alles übersteigen, was im Vierjahresrhythmus von Legislaturperioden üblicherweise aufs Tapet kommt.

Beispiele für Zukunftsfragen, die es lange nicht zur Parlamentsdebatte schafften, sind die Energie- und Umweltfrage seit 1970, das Weltbevölkerungsproblem seit Ende des Zweiten Weltkrieges, das man als Bevölkerungsexplosion nur in den Entwicklungsländern vermutete, im Falle von Bevölkerungsschrumpfung sich aber mit entgegen gesetzter Tendenz in Europa festgesetzt hat. Und dann noch der Weltkulturkonflikt, der sich seit der Wende in allen Weltregionen zeigt – recht unbeeindruckt von neuen staatlichen Zusammenschlüssen aus kommerziellen Gründen.

Das sind Themen, die eine unabhängige, mit Mitteln und Selbstbewusstsein ausgestattete Wissenschaft rechtzeitig, das heißt schon vor Jahrzehnten aufgegriffen hatte und die im großen Filter vor den Entscheidungskammern der Politik dann hängen blieben. Ihre existenzielle Bedeutung für Land und Menschen steht außer Frage, doch es ist unendlich schwer, daraus wahlkampftaugliche Munition zu schmieden und so werden sie ein ums andere Mal vertragt.

Wer sich noch jung an Jahren 1972 in "Die Grenzen des Wachstums" vertieft hatte, lebt seitdem mit den Energie- und Umweltproblemen wie mit einem Elefanten im Zimmer. Wer die Weltbevölkerungskonferenz 1974 in Bukarest und die ersten Berichte über die Alterung der modernen Bevölkerungen zur Kenntnis genommen hat, lebt seitdem mit der Vorstellung einer zweigeteilten Welt, wovon ein Teil alt und reich, ein anderer jung und arm ist. Wer den Antiamerikanismus der "Dritten Welt" schon lange vor dem Vietnam-Krieg hat heranwachsen sehen, ist von den gegenwärtigen Spannungen wenig überrascht. Zwischen dem Auftauchen der Themen Klimawandel, Demographischer Wandel und Weltkulturkonflikt in der Politik und deren frühem Aufgreifen von der Wissenschaft liegen 30 bis 40 Jahre.

Unlängst wollte ein Professor der Psychologie wissen, wie man das eigentlich aushält, wie man eine Kassandra-Rolle überhaupt so lange erträgt. Man ist versucht ins Pathos zu flüchten und sich die Rede Max Webers über "Wissenschaft als Beruf" zu Gemüte zu führen: er besteht in nichts anderem, heißt es dort, als unerschrocken, unverdrossen und unbeirrt den Dingen ins Gesicht zu sehen. Die große Stärke dazu lieferte die Position einer Lehrkanzel. Sie beschaffte Raum und Mut für Dinge, die da kommen. Als die deutsche Universität Weltspitze war, war sie von Lehrstühlen geprägt.

Doch mit den Europäisierungsbestrebungen, der Vereinheitlichung der europäischen Hochschullandschaft, wird diese Position verschwinden. Sie brächte angeblich zu viel Unbeweglichkeit und Ausstattungsneid in ein System künftiger Austauschprofessuren, an denen obendrein ein Sparprogramm ausprobiert wird. Einsamkeit und Freiheit ist da endgültig von gestern. Es hätte gewiss den einsamen Grübler nicht mehr gegeben, doch ein modernes Management an seiner Stelle wird Zukunftsfragen als erstes streichen. Professor und Professorin der europagerechten Art werden sich nur mehr Fragen zuwenden können, die rasch Publizität und Bewertungspunkte bringen. Der verständliche Wunsch, eine unbefriedigende Position zugunsten einer besseren in Wirtschaft und Politik anzustreben, wird sich in Tätigkeit und Forschungsinteresse bald niederschlagen.

Damit rücken Wissenschaft und Politik näher aneinander, aber nicht in gewünschter Weise: aus einem produktiven Gegensatz droht eine falsche Zweisamkeit zu werden.

Josef Schmid (Maurer-Hörsch)Josef Schmid (Maurer-Hörsch)Josef Schmid, geboren 1937 in Linz/Donau, Österreich, zählt zu den profiliertesten deutschen Wissenschaftlern auf seinem Gebiet. Er studierte Betriebs- und Volkswirtschaft sowie Soziologie, Philosophie und Psychologie. Von 1980 bis 2005 war Schmid Inhaber des Lehrstuhls für Bevölkerungswissenschaft an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Seine Hauptthemen: Bevölkerungsprobleme der industrialisierten Welt und der Entwicklungsländer, Kulturelle Evolution und Systemökologie. Schmid ist Mitglied namhafter nationaler und internationaler Fachgremien. Veröffentlichungen u.a.: Einführung in die Bevölkerungssoziologie (1976); Bevölkerung und soziale Entwicklung (1984); Das verlorene Gleichgewicht – eine Kulturökologie der Gegenwart (1992); Sozialprognose – Die Belastung der nachwachsenden Generation (2000). In "Die Moralgesellschaft – Vom Elend der heutigen Politik" (Herbig Verlag, 1999) wird der Widerspruch zwischen Vergangenheitsfixiertheit und der Fähigkeit zur Lösung von Gegenwarts- und Zukunftsaufgaben scharfsichtig analysiert.

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