"Fein abgestufte Pflege der Hierarchien und Privilegien"

Moderation: Nana Brink |
Das "ehrende Andenken" von Diplomaten an einen Kollegen mit NSDAP-Vergangenheit im Februar fachte die Debatte an. Der Historiker Hans-Jürgen Doescher fasst in seinem Buch "Seilschaften - Die verdrängte Vergangenheit des Auswärtigen Amtes" seine jahrzehntelange Forschung zu diesem Thema zusammen. Der Zusammenhalt der Diplomaten habe sich in einer "fein abgestuften Pflege der Hierarchien und Privilegien" vollzogen, sagte er gegenüber Deutschlandradio Kultur.
Brink: Vielleicht erinnern Sie sich, es war im Februar dieses Jahres, als eine ungewöhnlich große Anzeige in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" für Verwunderung sorgte. Darin zollten 128 ehemalige Diplomaten ihrem jüngst verstorbenen Kollegen Franz Krapf ein "ehrendes Andenken". Der einstige Botschafter Krapf gehörte der NSDAP und auch der SS an, weshalb ihm Außenminister Fischer das bis 2004 übliche Andenken in einem amtsinternen Mittelungsblatt verweigerte. Fischers Anweisung, keine Diplomaten mit NSDAP-Mitgliedschaft zu ehren, gab den Anstoß für eine heftige Debatte um die so genannte braune Vergangenheit deutscher Diplomaten seit 1949. Im Studio begrüße ich nun Hans-Jürgen Doescher, er ist Lehrbeauftragter für Neuere Geschichte an der Universität Osnabrück. Er hat ein Buch verfasst, das heute im Handel erscheint - "Seilschaften - Die verdrängte Vergangenheit des Auswärtigen Amtes". Herr Doescher, was wurde denn genau im Auswärtigen Amt verdrängt?

Doescher: Verdrängt wurde die NS-Vergangenheit unter den Umständen der Entnazifizierung, der Kriegsverbrecherprozesse und der Internierung vieler Diplomaten haben sich viele aufgerufen gefühlt, ihre NS-Vergangenheit zu verschleiern, Fragebögen unvollkommen auszufüllen, um so wieder einen Einstieg in den Auswärtigen Dienst der Bundesrepublik zu ermöglichen. 1970 hat dann Außenminister Scheel eine wissenschaftliche Untersuchung über das Auswärtige Amt in Aussicht gestellt, aber diese Untersuchung ist bis heute nicht erschienen, obwohl das Auswärtige Amt über ein eigenes Archiv verfügt.

Brink: Wie kann man sich das erklären, wenn es seit 1970 eigentlich doch nun gewollt war?

Doescher: Ja, es war nicht opportun angesichts der gemeinsamen Sozialisation der Diplomaten, häufig auch der gemeinsamen Herkunft und ihrer sozialen Homogenität, über die NS-Vergangenheit des Auswärtigen Amtes aufzuklären, also blieb die Aufklärung der freien unabhängigen historischen Forschung überlassen.

Brink: Wenn wir jetzt mal den Fall des ehemaligen Botschafters Krapf nehmen, also den ja über 100 Kollegen, darunter auch so berühmte wie der ehemalige Nato-Botschafter Herrmann Freiherr von Richthofen oder auch Erich Wickert, das ist nicht nur der Vater unseres bekannten Nachrichtenmoderators, sondern auch Botschafter in China, die alle haben ihm also ein ehrendes Andenken in der "FAZ" gemacht, Fischer hat ihm das verweigert. Was ist denn das wirklich Bedenkliche an diesem Fall, wenn man das so pars pro toto nimmt?

Doescher: Also erstmal ist zu sagen, dass dieser Vorgang ein einmaliger in der Geschichte des Auswärtigen Amtes ist; einmalig insoweit als ehemalige Diplomaten nicht nur an ein ehemaliges Mitglied der NSDAP erinnerten, sondern auch an einen ehemaligen SS-Führer. Niemand wurde gezwungen, in die NSDAP einzutreten, geschweige denn in den Sicherheitsdienst des Reichsführers SS einzutreten. Die NS-Vergangenheit des Herrn Krapf ist also von den Kollegen, Untergebenen ausgeblendet worden. Ich halte dies für fragwürdig, weil eben zu einer Vita eines Diplomaten auch die Vergangenheit vor '45 gehört.

Brink: Gehört nicht zur Vita auch das, was nach '45, ich erinnere mich, er ist Jahrgang 1911, war also Mitte 30, relativ jung, wenn man das so sehen möchte, hat sich dann geändert. Kann man es sich denn so einfach machen, über so eine Person zu urteilen? Ich erinnere da auch an das Zitat von Willy Brandt, der ja selbst in den 60er Jahren auch gesagt hat: Es interessiert mich eigentlich eher, was Leute nach dem Krieg gemacht haben.

Doescher: Nun ist es richtig, dass Herr Krapf sich möglicherweise Verdienste erworben hat im Zuge der Wiederverwendung in der Bundesrepublik. Er hat freilich die SS-Vergangenheit versucht, ein bisschen abzuschwächen, indem er darauf hingewiesen hat, er habe einem SA/SS-Reitersturm angehört. Das war ein sehr geschicktes Unterfangen insoweit, als die SA/SS-Reiterstürme nicht zu den kriminellen Organisationen gehörten. Also hat er unwahrhaftige Aussagen gemacht, um seine Wiederverwendung im Auswärtigen Dienst zu ermöglichen. Andere, oppositionelle Diplomaten, die vor '45 schon realiter der Opposition angehörten, sind freilich anschließend nach dem Zweiten Weltkrieg häufig nicht mehr in das Auswärtige Amt übernommen worden. Besonderes Aufsehen hat vor einem Jahr, 2004, die Publikation des französischen Historikers und Publizisten Lucas Lattre hervorgerufen in aller Welt insoweit als er in seinem Buch eindeutig belegen konnte, dass Fritz Kolbe, der geheime Dokumente während des Zweiten Weltkrieges an den amerikanischen Geheimdienst in die Schweiz geliefert hatte und anschließend an den Zweiten Weltkrieg als Verräter bezeichnet worden ist, nicht wieder in das Auswärtige Amt aufgenommen worden ist, obwohl er sich einige Male darum bemüht hatte.

Brink: Ist das dann sozusagen typisch, ist das Beispiel von Herrn Krapf eine ganz typische Vita? Wie muss ich mir das Auswärtige Amt Anfang der 50er-Jahre vorstellen, da waren also lauter Beamte aus dem Dritten Reich tätig?

Doescher: Ja. Adenauer hat einmal einräumen müssen, nachdem ein Untersuchungsausschuss eingesetzt worden ist 1951 aufgrund einer großen Artikelserie, die in der "Frankfurter Rundschau" erschienen war, dass zwei Drittel der höheren Beamten des Auswärtigen Amtes, vom Referenten an aufwärts, ehemalige Mitglieder waren der NSDAP oder einer ihrer Gliederungen. Adenauer war sicherlich auf professionelle Hilfe angewiesen. Er war Innenpolitiker, er war sprachlich nicht versiert, er sprach weder Französisch noch Englisch, er brauchte infolgedessen sicherlich den Rat erfahrener professioneller Diplomaten, aber die Einsetzung ehemaliger Mitglieder in verantwortliche Positionen des Auswärtigen Amtes 1950/51 hat dazu geführt, dass innerhalb eines Jahres zwei Drittel der Schlüsselpositionen wiederum mit ehemaligen NSDAP-Mitgliedern okkupiert waren und die legten großen Wert darauf, ihre Freunde, ihre Crew-Kameraden erneut aufzunehmen. Hingegen sind oppositionelle Kräfte oder Immigranten, die ausgeschieden waren aus dem Auswärtigen Dienst vor 1938, häufig nicht mehr aufgenommen worden oder sind auf abgelegene Missionen geschickt worden. Ich erinnere nur an den Botschafter Oppler, der einmal gesagt hat zurecht, er sei auf Eis gelegt worden, nachdem man ihn nach Oslo, nach Island und nach Ottawa entsandt hatte.

Brink: Wir sprechen mit Hans-Jürgen Doescher, er ist Lehrbeauftragter für Neuere Geschichte an der Universität Osnabrück über die verdrängte Vergangenheit des Auswärtigen Amtes. Sie haben es eben angedeutet, es sind ja dann Seilschaften (so heißt auch der Titel Ihres Buches), sind das diese Seilschaften, die bis heute andauern?

Doescher: Ja. Diese Seilschaften hängen zusammen mit der häufig gemeinsamen Herkunft, der sozialen Homogenität im höheren Auswärtigen Dienst und dem sensiblen und tradierten Crew-Zusammenhalt. Dieser Zusammenhalt vollzog sich in der fein abgestuften Pflege der Hierarchien und Privilegien, die eine Abweichung nicht erlaubten. Cliquenbildung, Protektion, Amtskinder - Amtskinder sind die Kinder von Diplomaten, die ihrerseits wieder in das Auswärtige Amt eingezogen sind - ist im Auswärtigen Amt noch zu beobachten gewesen etwa zwischen 1950 und 1980. Es ist sicherlich ein Problem der biologischen Entwicklung, wenn heute der Anteil der ehemaligen Kinder und Kindeskinder von früheren Diplomaten rückläufig ist, außerdem ist erfreulich zu beobachten, dass seit 1950/51 auch Frauen in den Auswärtigen Dienst, in den höheren Auswärtigen Dienst eingestellt worden sind, so dass sich die Sozialstruktur etwa mit Beginn der Ära Adenauer allmählich veränderte.

Brink: Kommen wir noch einmal zurück zum Titel Ihres Buches. Der zweite Teil neben den "Seilschaften" heißt "Die verdrängte Vergangenheit des Auswärtigen Amtes". Welche Quellen konnten Sie denn einsehen, welche Quellen standen Ihnen zur Verfügung? Ich kann mir ja nicht vorstellen, dass die einfach bei Ihnen auf dem Schreibtisch lagen, sondern Sie mussten bestimmt suchen.

Doescher: Ja, ich musste natürlich in verschiedenen Archiven arbeiten, ich habe in in- und ausländischen Archiven gearbeitet, umso mehr auch in amerikanischen Archiven, als das Auswärtige Amt gewisse Aktenbestände nicht freigegeben hatte. Erst mit Verabschiedung des Archivgesetzes, das war 1988 der Fall, sind alle Akten des Auswärtigen Amtes einsehbar, vorausgesetzt, der betreffende Diplomat ist 30 Jahre verstorben. Zuvor - und ich habe ja angefangen schon mit meinen ersten Büchern über das Auswärtige Amt in den 70er und 80er Jahren zu arbeiten - sind sensible Akten mir nicht zugänglich gemacht worden.

Brink: Was sind sensible Akten?

Doescher: Sensible Akten sind also die Personalakten der Diplomaten und die angehängten Akten, die also über Einkünfte, Umzüge und ähnliches aussagen. Die waren nicht zugänglich, die habe ich mir aber über Mikrofilm in den USA besorgt. Die Amerikaner hatten erfreulicherweise, ehe sie die Akten, die sie nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in ihre Obhut genommen hatten, in die USA verlagert und Ende der 50er Jahre an die Bundesregierung zurückgegeben, aber sich zuvor eben Mikrofilme angefertigt.

Brink: Habe ich Sie jetzt richtig verstanden, dass Sie ein Buch über das deutsche Auswärtige Amt mittels amerikanischer Quellen gemacht haben? Ist ein bisschen paradox, nicht?

Doescher: Naja, die aktuelle Veröffentlichung greift zurück auf frühere Studien, ich habe sie aktualisiert mit aktuellen Vorgängen im Auswärtigen Amt und habe sie angereichert auch mit Aussagen von Diplomaten, die ich innerhalb der letzten zehn, zwölf Jahre erfahren habe.

Brink: Wurden Sie bei Ihren Forschungen behindert?

Doescher: Das kann man so direkt nicht sagen. Gewisse Akten sind dann als 'nicht vorlagefähig' bezeichnet worden, sie waren angeblich noch im Umlauf des Auswärtigen Amtes, die Akten wurden angeblich noch gebraucht, so dass sie also auch nicht ins Archiv abgegeben worden sind und aus diesem Grunde auch nicht für die Historiker im Archiv zugänglich waren.

Brink: Stellen Sie einen Mentalitätswechsel innerhalb des Auswärtigen Amtes fest?

Doescher: Ja, das kann man wohl sagen. Die Sozialstruktur des Auswärtigen Amtes hat sich innerhalb der letzten 20, 30 Jahre erheblich verändert. Die soziale Herkunft ist breiter, der Anteil adeliger Diplomaten ist rückläufig. Adenauer hat großen Wert darauf gelegt angesichts der vielen ostelbischen Diplomaten, also Diplomaten, die aus Ostpreußen, aus Schlesien stammten und überwiegend evangelisch waren, man kann auch sagen, auf die ehemaligen preußischen Beamten zu verzichten, um einen höheren Anteil römisch-katholischer Diplomaten in das Auswärtige Amt zu ziehen. Insoweit ist der Anteil der preußisch-evangelischen Beamten rückläufig, die Sozialstruktur hat sich verbreitert und der Einzug von Frauen in den höheren Auswärtigen Dienst hat also auch erfreulicherweise die Sozialstruktur geöffnet, verbreitert und auch eine andere Zusammensetzung hervorgerufen. Wenngleich in der Anzeige, die Sie eingangs zitiert haben, die ja im Februar 2005 in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" gestanden hat...

Brink: ... die Anzeige, die sich auf den Botschafter Krapf bezieht.


Doescher: Richtig - immer noch feststellbar ist, dass eben auch hohe und höchste Diplomaten, die innerhalb der letzten zehn Jahre in Ruhestand getreten sind, immer noch ein Zusammenhalt, eine Rücksichtnahme und eine Gemeinsamkeit auch mit Herrn Krapf festgestellt worden ist.