Feiern, tanzen, Musik hören

Vier Tage im Jahr gleicht Rudolstadt einem bunten, fröhlichen Jahrmarkt. © Jörg M. Unger/TFF Rudolstadt
Von Carsten Beyer · 08.07.2012
Deutschlands größtes Festival für Folk, Lied und Weltmusik, das tff Rudolstadt, ist zu Ende gegangen. Über 80.000 Besucher drängten sich vier Tage lang in den engen Gassen der thüringischen Kleinstadt. Der heimliche Höhepunkt des Festivals waren die Musiker aus China, dem diesjährigen Länderschwerpunkt des tff.
Eine chinesische Hochzeitskapelle aus Shaanxi, laut, lärmend und fröhlich: Yi Jia Ren nennt sich die Gruppe, das heißt auf Deutsch soviel wie "Die ganze Familie" und tatsächlich spielen hier drei Generationen von Musikern einer Familie zusammen. Anarchisch und derb geht es zu auf der Bühne - man fühlt sich ein wenig an eine Roma-Blaskapelle vom Balkan erinnert. Yi Jia Ren sind Lichtjahre entfernt vom staatlich verordneten Folklore-Zirkus vergangener Zeiten, von aufwändig kostümierten Vorzeigeensembles, die kitschige Potpourris aus der Pekingoper zum Besten geben. Solche neue, bislang im Westen völlig unbekannte chinesische Volksmusik auf die Bühne zu bringen, das war der Anspruch des tff in diesem Jahr, sagt der deutsche Komponist und China- Kenner Robert Zollitsch, der die Künstler des Länderschwerpunkts zusammengestellt hat.

"In China ist gerade wirklich eine Bewegung im Gange. Man sucht nach eigenen Wurzeln wieder. Man sucht nach Identität auch in der Musikszene. Überall ist klar, dass die Kultur jetzt so westlich geprägt ist, dass man sich so lange vom eigenen weg bewegt hat, dass man wieder zu sich selbst finden muss, einfach auch um in sich ruhen zu können"

3000 Jahre alt ist die chinesische Musik: Es gibt 56 verschiedene ethnische Gruppen, die alle ihre eigenen musikalischen Traditionen besitzen und es gibt über 1000 verschiedene traditionelle Musikinstrumente, von denen wir in Europa die meisten kaum oder gar nicht kennen. Einem solchen Riesenreich musikalisch näher zu kommen, ist eine Mammutaufgabe, der sich die Programmmacher in Rudolstadt in diesem Jahr zum ersten Mal gestellt haben. Und das war durchaus ein Risiko, meint Zollitsch, denn der Zugang zur chinesischen Musik ist für ein europäisches Publikum nicht immer einfach.

"Die Aufmerksamkeit ist auf das Falsche gerichtet. Wenn man aber der chinesischen Musik anders verfolgt, sozusagen mit der Nase, wenn man mehr dem Duft folgt, dieser feinen Bewegung, wenn man mit ihr fliegt wie ein Schmetterlingsflug, dann kommt man, denke ich, der chinesischen Musik leicht näher"

Die Zeit war einfach reif für China, meint auch tff- Programmchef Bernhard Hanneken - und sie war auch günstig, denn die chinesische Regierung feiert derzeit das chinesische Kulturjahr in Deutschland - und war daher bereit, dem Festival bei den Visaformalitäten und bei den Reisekosten der Künstler zu helfen. Eines war Hanneken allerdings wichtig - die inhaltlichen Entscheidungen traf einzig und allein das Festival.

"Wir haben das auch von vornherein zur Bedingung gemacht, dass die Programmhoheit bei uns liegt. Das Verfahren war so, dass das Festivalteam gemeinsam mit Robert Zollitsch einen Vorschlag entwickelt hat und der dann in Peking zum Ministerium gegangen ist und gefragt hat: Ist das ein Vorschlag mit dem ihr leben könnt und den ihr unterstützen würdet? Und dann haben die Ja gesagt. Das heißt wir haben uns nicht reinreden lassen und haben selber das Programm entwickelt." "

Mit Gruppen aus dem bergigen Südwesten Chinas , aus dem Gebiet der Uiguren und aus Jiangsu ist es den Rudolstädtern gelungen, einige der wichtigsten und interessantesten Regionen des Landes musikalisch abzubilden. Noch spannender aber waren die Exoten - Paradiesvögel wie die Folkrockband Er Shou Mei Gui oder der Sänger Xiao He, der mit seinem auffälligen Teufelskostüm und seinem anarchischen Mix aus Folk, Jazz und experimenteller Musik zum Publikumsliebling der Rudolstädter avancierte.

Das Wagnis - mit staatlicher Unterstützung unabhängige Künstler auf die Bühne zu bringen ist also geglückt, meint auch der chinesische Musik- Kritiker Ning Er, der mit seinem Internet- Forum Songs of the Land zu den wichtigsten Protagonisten des chinesischen Volksmusikrevivals gehört:

"Das Programm gefällt mir sehr gut : Ich sehe es als ein positives Signal, dass Künstler wie Xiao He und Er Shou Mei Gui hier vertreten sind, weil sie die Independent-Musik-Szene meines Landes repräsentieren. Diese Bands sind sehr wichtig, wurden aber bislang von Seiten des Kulturministeriums weitestgehend ignoriert. Ich kann nur hoffen, dass sich das jetzt ändert."

Auch die derzeit erfolgreichste chinesische Weltmusikerin war in Rudolstadt zu erleben - die Sängerin Gong Linna. Für sie war es bereits der zweite Besuch beim tff nach ihrem umjubelten Auftritt vor drei Jahren. Mit dabei hatte Gong Linna ihren neugegründeten Chor Da Bai San, mit dem sie derzeit auch in ihrer Heimat für Furore sorgt. Da Bai San, das heißt soviel wie "Große Weisse Stimme" - und bezeichnet einen Gesangsstil, der sich ganz bewusst gegen die etablierten Konventionen in ihrer Heimat richtet.

Die Auftritte von Gong Linna und ihrem Chor, hier gerade zu hören im Zusammenspiel mit den Thüringer Sinfonikern Saalfeld- Rudolstadt, sie waren das Tüpfelchen auf dem i eines in jeder Hinsicht gelungenen Festivals. China hat mehr zu bieten als Lang Lang und die Peking Oper - das war die Botschaft dieses 22. tff und die ist auch beim Publikum angekommen - oder um es noch einmal mit den Worten von Gong Linna zu sagen:

"Ich liebe hier das Publikum. Zwischen kleines Kind und alte Leute, Familien, junge Leute - alle sind vertreten. Und alle sind sehr offen. Das macht es mir leicht, den Kontakt aufzubauen: Das ist so schön!"
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