"Faust"-Hochkonjunktur in Sachsen

Raus aus der Kleinkariertheit der Gesellschaft

Proben-Szene aus "Faust 2" am Theater Chemnitz in der Regie von Carsten Knödler © Dieter Wuschanski
Von Bernhard Doppler · 15.09.2018
Bietet Goethes "Faust" eine Antwort auf das, was gerade unter anderem in Sachsen passiert und Vielen Unbehagen bereitet? Es kann kein Zufall sein, dass etliche Theater - unter anderem in Chemnitz und Leipzig - Neuinszenierungen dazu auf dem Spielplan haben.
"Man war da fürs Erste auch überrollt. Dann kommt hier dieser Hass, dieses Brodeln, diese Spannung so vehement über uns. Wir kamen uns bei den Proben schon komisch vor. Plötzlich liest man Sätze anders, wie es glaube ich, in den DDR-Zeiten in den 70ern auch war, dass man immer Sätze auf die Zeit interpretiert hat."
In Chemnitz probt Schauspieldirektor Karsten Knödler zur Zeit "Faust 2". Theater soll dabei als Ort der Kunst dem Hass auf der Straße entgegengesetzt werden. An Goethes "Faust" interessiert ihn auch im zweiten Teil ein psychologischer Aspekt.
"Das Besondere ist, wir haben diese Liebe ernst genommen, die natürlich verraten wird und tragisch scheitert und das war unser Ausgangspunkt für den 'Faust 2', das wir da ansetzen. Faust hat diese tote, diese gescheiterte Liebe in sich und wird damit im schlimmen Sinn ein moderner Mensch ohne Liebe. Denn der Hass entsteht nur dort, wo Menschen ohne Liebe sind."

Faust und Mephisto als junges Duo

Einen Tag vor der Premiere von "Faust 2" in Chemnitz bringt Schauspielintendant Matthias Brenner am Neuen Theater in Halle beide Teile von "Faust" an einem dreistündigen Abend. Mephisto spielt Hagen Ritschel – Mephisto übrigens auch in der Hallenser Erfolgsproduktion "Mephisto" nach dem Roman von Klaus Mann. Zusammen mit Nils Andre Brünnig als Faust sind sie ein sehr junges Duo, das gemeinsam gegen eine alt gebliebene Welt kämpft. Intendant Matthias Brenner:
"Durch den Osterspaziergang sieht er zum ersten Mal weibliche Wesen und sagt: 'So, jetzt musst du mir diese Dirne schaffen.' – 'Welche denn? Was ist denn da hier los. Geht nicht, habe ich keine Gewalt.' – 'Doch: Wer bist du denn? Was willst du von mir?' – 'Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft'. Dann werden sie miteinander paktieren. Eigentlich nur um einer Frau willen."

In Leipzig ist Faust auch Mephisto

Bei Enrico Lübbe, der am 29. September im Schauspiel Leipzig "Faust 1" und "Faust 2" zeigen wird, gibt es keinen Mephisto. Die beiden Figuren verschmelzen miteinander. Sie sind gleichzeitig Sorge, Mangel, Schuld, Not, aus der Mitternachtsszene in "Faust 2": Sie wollen aus der Enge der Kleinstadt. Enrico Lübbe:
"Wir sind in Leipzig. Da sagen besoffene Studenten: 'Mein Leipzig lob ich mir.' Das ist ein Klein-Paris. Besoffene Studenten. Auch die Stadt Leipzig schmückt sich mit diesem Spruch. Goethe weiß man, war nicht der größte Leipzig Fan. Es ist ganz verquer, wie dieses Land es geschafft hat, dieses Stück zum Nationaldrama heraufzubeschwören, wo Goethe selbst eigentlich geschrieben hat, es ist schon sehr eng und sehr kleinkariert in dieser Gesellschaft. Aus dieser Gesellschaft will er heraus."
Das Schauspiel Leipzig
Auch am Schauspiel Leipzig gibt es im September eine "Faust"-Premiere.© dpa / picture alliance / Sebastian Willnow

Die Aufführung spricht Themen an, die Leipzig bewegen

In der Leipziger Aufführung wird man nach dem ersten Teil, eine von drei Thementouren wählen können, ehe man wieder ins Schauspielhaus zurückkehrt. Die Themen von Goethes "Faust 2" also – verhandelt mitten in der Stadt.
Lübbe: "Wir haben als ein Thema Kaiserpfalz, Papiergeld, Erschaffung von Reichtümern, da gibt es eine Audiotour durch die Stadt in die alte Handelsbörse. Ein zweites Thema, was sehr bezeichnend ist für ‚Faust 2‘: Künstliche Intelligenz, wo wir in die Anatomie rausgehen und das dritte Thema, das wieder wahnsinnig aktuell ist, Umsiedlung, Landgewinnung und da kann natürlich der ganze Südraum von Leipzig ein Lied davon singen, also zum Thema Wegbuddeln von Dörfern, und an diese Menschen kommt man ja ran, die wie Philemon und Baucis weichen mussten."
Faust-Premieren im September 2018 in Sachsen und Sachsen-Anhalt. Ein Klassiker, der plötzlich wieder aktuell zu werden scheint.

"Faust"-Premieren:

2. September 2018, Theater der Altmark Stendal, "Faust I", Regie: Alexander Netschajew

21. September 2018, Neues Theater Halle, "Faust I und II", Regie: Matthias Brenner

22. September 2018, Schauspiel Chemnitz, "Faust II", Regie: Carsten Knödler

23. September 2018, Schauspiel Leipzig, "Faust I und II", Regie: Enrico Lübbe

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