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Länderreport | Beitrag vom 22.05.2020

Fastenbrechen mit HygieneregelnKeine Umarmung, kein gemeinsames Essen

Von Luise Samman

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Leerer Gebetsraum in der Dar-Assalam-Moschee im Stadtteil Berlin Neukölln. (picture alliance / dpa / Carsten Koall)
Leerer Gebetsraum in der Dar-Assalam-Moschee im Stadtteil Berlin Neukölln (picture alliance / dpa / Carsten Koall)

Wenn die Sonne untergeht, treffen sich muslimische Familien im Ramadan zum Fastenbrechen. Es ist ein Fest, das die Kinder lieben - die Stimmung ganz besonders. In diesem Jahr bleibt davon wenig.

Großmutter Nihal hält eine Schale gefüllter Weinblätter in die Handykamera. Auf dem Tisch neben ihr steht ein großer Teller mit dampfendem Bulgur und Hähnchenkeulen, Kuchen und Baklava.

"Alles da, nur ihr fehlt", ruft sie ihren Kindern und Enkeln zu. Dann gefriert ihr Gesicht. Verbindung unterbrochen, steht auf dem Bildschirm. Nicht mal per Video wird die muslimische Familie das gemeinsame Fastenbrechen heute begehen können.

Kinder freuen sich auf den Besuch

Es ist ein Ramadan, wie es ihn noch nie gegeben hat.

"Wir alle sind traurig natürlich. Und auch unsere Kultur ist ein bisschen beschädigt. Weil die Kinder wissen schon: Im Ramadan kriegen wir viel Besuch und wir gehen selbst auch viel bei anderen zu Besuch", sagt Selim, ein türkeistämmiger Taxifahrer aus Berlin-Neukölln.

Auch Selims Geschäfte laufen schlecht. Wer kann, vermeidet es in diesen Tagen, sich in ein Taxi zu setzen. Oft fährt der 53-Jährige allein durch die Straßen von Berlin. In der Sonnenallee – einer vierspurigen, von Bäumen gesäumten Straße im Herzen Neuköllns – fällt sofort auf, dass etwas nicht stimmt. Hier, wo sich ein arabisches Restaurant an das andere reiht, wo Supermärkte, Shishabars und Juweliere arabische und türkische Namen haben, fehlt die besondere Stimmung im Ramadan ganz besonders.

Coronavirus-Newsletter"Corona hat die Sonnenallee komplett verändert", so der syrische Restaurantbesitzer Mahmood. "Früher konnten Sie hier zum Fastenbrechen keinen Platz finden. Sie mussten mindestens zwei Stunden vorher da sein oder reservieren. Die Leute kamen mit ihren Familien, aßen in den Restaurants, als wären sie in Damaskus. Nach dem Essen gingen sie in die Cafés, um Tee zu trinken und Wasserpfeife zu rauchen. Die ganze Straße duftete. Aber in diesem Jahr ist alles anders."

Nichts los auf der Neuköllner Sonnenallee

Mahmood zeigt auf die Uhr an der Wand. Kurz vor neun. Nur noch wenige Minuten, dann dürfen er und Tausende andere fastende Muslime in Deutschland wieder trinken und essen. Auf der sonst so lebhaften Sonnenallee bleibt es dennoch vergleichsweise ruhig. Cafés und Teehäuser sind geschlossen, die meisten Restaurants bieten lediglich auf selbst geschriebenen Schildern Essen zum Mitnehmen an, andere liefern bei Bedarf auch nach Hause.

Stimmung aber lässt sich nicht in Tüten packen. Das weiß auch Imam Taha Sabri, der kurz nach dem Fastenbrechen in der Neuköllner Dar-as-Salam-Moschee steht und auf den Beginn des Gebets wartet.

"Für Muslime hat diese Zeit, der Ramadan, eine soziale Bedeutung. Das ist ein Monat der Besinnung, ein Monat der Solidarität, ein Monat des Zusammenkommens. Wir können das ein bisschen vergleichen mit Weihnachten. Der andere muss dabei sein. Es ist nicht nur eine persönliches, individuelles Erlebnis, sondern ein gemeinsames. Deswegen ist es ganz wichtig, dass die Menschen diese Nächte in Moscheen feiern. Nachts nach dem Essen kommen wir raus zur Moschee, beten wir zusammen, man sieht sich, man wird gesehen, plaudern, reden. Es ist eine Sache, die der Mensch als Einzelner braucht."

Abstandsregeln in der Moschee

Der Imam blickt zum Eingang der Moschee hinüber, die von Mitarbeitern in neongelben Westen bewacht wird. Gewissenhaft weisen sie jedem Neuankömmling einen Platz zu, an dem er seinen mitgebrachten Teppich ausrollen darf.

Immer zwei Meter Abstand bleiben zum nächsten Gläubigen. Masken tragen ist Pflicht. Körperkontakt verboten.

Es ist die "Nacht der Bestimmung" im Islam. Mehr als 1000 Berliner Muslime kamen dazu in den vergangenen Jahren in die Dar-as-Salam-Moschee. Doch in diesen Tagen sind Menschenansammlungen von mehr als 50 Personen verboten.

Wer heute mitbeten und mitfeiern will, musste sich deswegen online anmelden. Wer nicht schnell genug war, verrichtet sein Gebet allein zu Hause.

Dem 21-jährigen Neuköllner Mohammed, der in einem nahegelegenen Restaurant arbeitet, ist die Enttäuschung anzusehen:

"Na ja, es fehlt halt etwas. Es fehlt was. Normalerweise geht man immer zur Moschee. Es sind meistens auch alle Leute da, die man kennt. Dann betet man da, gibt’s Veranstaltungen."

10.000 neue Nutzer bei Facebook

Mohammed und vielen anderen bleibt immerhin noch das Internet, um die Predigt aus der Dar-as-Salam-Moschee zu verfolgen. Imam Sabri und sein Team haben einen Livestream eingerichtet, genauso wie sie nun auch Telefonseelsorge und Online-Koran-Kurse anbieten. 10.000 neue Nutzer zählt die Facebook-Seite der Moschee, seit dieser außergewöhnliche Fastenmonat vor knapp einem Monat begann. Ein Erfolg mit Beigeschmack.

"Wir selber, wir erleben eine neue Erfahrung. Als Imam habe ich nie gedacht, dass es eine Barriere zwischen mir und meinen Leuten geben könnte. Aber plötzlich ist es da. Ich darf meine Gläubigen, Brüder nicht mehr umarmen oder nah kommen."

Doch der tunesischstämmige Taha Sabri wäre wohl nicht Imam einer der größten muslimischen Gemeinden Berlins, wenn er nicht auch aus dieser Situation noch etwas Positives ziehen könnte. Ramadan während Corona – das kann für Gläubige auch eine Lehre sein, so glaubt er.

"Weil Fasten ist am Ende ein persönliches Erlebnis. Da kann keiner wissen, ob ich oder du faste, außer Gott und du selbst. Daher ist die Möglichkeit dieses Jahr richtig gegeben, dass der Mensch dieses Fasten lebt, wie ursprünglich gedacht: allein. Zwischen ihm und Gott."

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