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Fazit / Archiv | Beitrag vom 21.11.2015

"Fast Forward"-Festival in BraunschweigEuropäische Perspektiven auf das Theater

Von Michael Laages

Der Generalintendant des Staatstheaters Braunschweig, Joachim Klement. Klement wird mit der Spielzeit 2017/2018 neuer Intendant des Staatsschauspiels Dresden.  (picture alliance / dpa / Arno Burgi)
Generalintendant Joachim Klement nimmt das Festival mit nach Dresden. (picture alliance / dpa / Arno Burgi)

Das Festival "Fast Forward" in Braunschweig versammelt junge Regie-Talente, die in verschiedenen Ländern Europas studieren. So interessant das Festival auch ist, die meisten der gezeigten Produktionen fielen eher enttäuschend aus.

Wer das Theater liebt, lernt leiden. Denn gerade unter jungen, vor allem der Innovation und dem Experiment - und selbst den schon etwas älteren Moden - zugeneigten Talenten herrscht noch immer eine einigermaßen arrogante Haltung gegenüber dem Theater selbst und der ihm eigenen Handwerklichkeit vor. Das ist vor allem dann schade, wenn es doch gerade - wie bei "fast forward" - um den Übergang zwischen akademisch-studentischer Theatermacherei und den normalen, im Repertoirebetrieb funktionierenden Bühnen geht. Insofern war die Eröffnung der fünften Ausgabe des verdienstvollen Braunschweiger Festivals besonders desaströs und enttäuschend.

"Szenen für ein Gespräch nach dem Anschauen eines Films von Michael Haneke" – so ist, ebenso langatmig wie ambitiös, die Performance der Gruppe "El conde de torrefiel" aus Barcelona überschrieben. Erzählt werden ein Dutzend Szenen voller Lüge und Verstellung, Aggression und Gemeinheit unter noch halbwegs jungen, aber schon extrem hoffnungslosen Leuten. Da ist keine Spur von Aufrichtigkeit – das meint das Ensemble wohl bei Haneke gesehen und gelernt zu haben. Aber auch Lars von Triers "Melancholia" wird zitiert und damit die Frage, was wir tun, wenn gleich die Welt untergeht. Was auch immer aber an kluger Zeitgeistanalyse zu finden ist: Nichts verdichtet sich, weil nie und nirgends gespielt wird, wie im Theater nötig und nützlich. Erzählt wird ins Mikro, mit dem Rücken zum Publikum. Und das Szenische bleibt auf ziemlich beliebige Körperarrangements beschränkt. Armselig ist das, und noch trister als die auch schon recht triste Musik.

Nicht mehr als ein Studenten-Ulk

Freundschaft für immer und Abenteuer ohne Ende: Nele Stuhler und Jan Koslowski haben an der Hochschule der Künste in Zürich eine recht muntere Farce vom Ende der Adoleszenz vom Zaun gebrochen. Im "letzten Sommer, der nie enden wird" ziehen fünf Jugendliche, die titelgebende "Société des Amis", mit dem Zelt in die Berge, um sich noch einmal der unverbrüchlichen Gemeinschaft zu versichern – aber das geht schon deshalb ziemlich daneben, weil die flotte Georgina, die mit dem Hund, eigentlich lieber ein Georg wäre. Der Hund hat Menschengestalt und wundert sich, dass niemand mit ihm schlafen will. Unter sexuellem Überdruck stehen dabei ohnehin alle; sie entladen sich allerdings nur in endlosem Palaver und Geschnatter. Witzig ist das schon - auch weil die Hippie-Eltern am Ende das Jung-Volk als Schlaffis verhöhnen. Aber mehr als ein spitzer Studenten-Ulk war das nicht.

Nicola Ensinencu hingegen stammt aus Moldawien; und ihr geht es um mehr – um die Flucht aus dem Elend zu Hause. So schickt sie die drei Protagonistinnen auf der Bühne zunächst in den Englischunterricht mit all der Sehnsucht nach dem "American Dream":

"And why do you want to go to America? I want to go to America because it is a beautiful country. I want to see the mountains, the sea ..."

Schnell aber macht sich schmerzhafte Desillusionierung aller möglichen Träume breit. Ausgebeutet als Arbeitssklavin werden die Frauen in Amerika wie beim darauf folgenden Alternativversuch in Russlands modernem Gangsterkapitalismus. Ein bisschen holzschnittig zelebriert die Regisseurin schließlich den Konflikt der alten Supermächte. Und eigentlich auch nur im Video. Für's Theater reicht die Fantasie nicht sehr lange.

Aber um Arbeit geht es, wie auch in der norwegischen Produktion "Stop being poor!", die heute an den Start ging. Wie aber vor allem im einzigen echten Glanzlicht der Braunschweiger Tage bisher:

Gelungen: "Geros Dienos!"

Nicht jede der zehn Frauen in Rugile Bardziukaites hinreißendem Mini-Oratorium "Geros Dienos!" trällert derart hingebungsvoll – aber alle singen sich die Leiden und Träume von Supermarktkassiererinnen von der Seele, während sie unentwegt Barcodes klicken mit dem Lesegerät. Das ist sentimental, ohne rührselig zu werden; das ist ein Einbruch der Realität ins Theater, ohne dass notwendigerweise "Expertinnen des Alltags" auf der Bühne sitzen müssten.

Wenn nicht die Norweger und Ungarn sowie der heimische Beitrag heute und morgen noch mächtig zulegen, bleiben die Kassiererinnen Top-Kandidatinnen für den Festivalpreis. Bei ihnen wirkt es nicht mehr ganz so schade, dass diese Festivalausgabe praktisch keinerlei literarische Arbeit im Angebot hatte – und vielleicht auch deswegen nicht die stärkste war.

Braunschweigs Intendant Joachim Klement wird "fast forward" demnächst mit an die neue Arbeitsstelle nehmen: nach Dresden. Das ist eine gute Idee: Internationalität dieser Art wird dort dringend gebraucht. 

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