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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 20.07.2018

Fashion Victims - aber koscherModebranche der Ultraorthodoxen boomt

Von Lissy Kaufmann

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Miri Beilin entwirft Mode für ultra-orthodoxe Frauen. (Imago / ZUMA Press)
Miri Beilin entwirft Mode für ultra-orthodoxe Frauen. (Imago / ZUMA Press)

Ultraorthodoxe jüdische Frauen müssen sich nicht mehr schlicht kleiden dank der Stylistin Miri Beilin. Sie entwirft Mode, die den strengen Vorschriften entspricht. Erlaubt ist, was die Rabbiner für koscher befinden.

Auf den Kleiderbügeln in dieser Modeboutique in Bnei Brak, einem religiösen Vorort von Tel Aviv, hängt die Kollektion des Sommers: geblümte Kleider, gemusterte Röcke, gestreifte Blusen, Ballerinas und Pumps. Ein Modeladen wie jeder andere. Fast zumindest. Denn Hosen sucht man hier vergeblich, die Röcke und Kleider bedecken mindestens die Knie, kurze Ärmel oder gar tiefe Ausschnitte sind absolut tabu.

Es ist eine Boutique für ultraorthodoxe Frauen, also jene, die ihr Leben nach den Geboten Gottes richten und sich züchtig kleiden. Immer öfter richten sich die Frauen dabei nach den neusten Fashiontrends. Die Modebranche der Ultraorthodoxen boomt. Erlaubt ist, was die Rabbiner für koscher befinden, erklärt die Stylistin Miri Beilin:

"In den vergangenen Jahren ist etwas Interessantes passiert. Jeder Laden, der in der Welt der Gottesfürchtigen einen guten Namen haben will, holt sich ein Koscherzertifikat von einem Rabbiner. Das hier ist unseres. Alles in diesem Laden ist gemäß der Halacha, den religiösen Regeln. Die Kleider hier sind schick und modern, aber entsprechen den Kleidervorschriften. Die Schaufensterpuppen sind von der Straße aus nicht zu sehen, sie sollen nur eine Inspiration für Frauen im Laden sein, nicht sichtbar für die Menschen auf der Straße."

Es klingt paradox: Einerseits sind Abbilder von Frauen - und sei es nur in Form einer Schaufensterpuppe - tabu. Männer sollen in der Welt der Charedim, der Gottesfürchtigen, fremde Frauen nicht anblicken. Und Frauen sollen ihnen keine Anreize geben, das zu tun. Zur Sicherheit wird auf Bilder von Frauen in Werbeprospekten und Zeitungen lieber ganz verzichtet.

Schöne neue Welt

Andererseits machen immer mehr ultraorthodoxe Fashionistas auf sich aufmerksam. Miri Beilin trägt zwar eine Perücke, um ihre Haare gemäß den Vorschriften zu bedecken. Doch die Haare der Perücke sind lang und feminin. Ihr Lippenstift ist knallrot, ebenso die langen Fingernägel, ihre Pumps sind gelb und mit Nieten versehen. Sie macht Selfies von sich und stellt diese sogar auf Instagram. Die Stilexpertin erklärt das so:

"Nirgendwo in der Thora steht, dass eine Frau nicht schön sein soll, im Gegenteil. Wir haben Abraham und Sarah, Rivka, Queen Esther. Aber nirgends steht, dass sie besonders züchtig waren. Es heißt, dass sie schön waren."

Starke Worte für eine orthodoxe Frau. Sie bewegt sich in einer Welt, die von Frauen Znijut, also Züchtigkeit, verlangt. Es ist eine kleine Revolution: Viele Ultraorthodoxe besitzen heute Smartphones, surfen im Internet, studieren, bekommen bessere Jobs, verdienen mehr Geld. Das beeinflusst auch die Kleidung, erklärt die Soziologin Sima Salzberg von der Hebräischen Universität in Jerusalem.

"Eine sich verändernde Welt erfordert einen anderen Kleidungsstil. Es lässt sich sehr gut an dieser Frau hier erkennen: Chavi Toker. Sie ist die erste weibliche charedische Richterin am Obersten Gericht. Sie hat den Job vor kurzem erst bekommen und klar kann man im Gerichtssaal nicht so erscheinen wie in einer religiösen Mädchenschule. Sie trägt übrigens eine Perücke und sehr moderne Ohrringe."

Es fehlte moderne, züchtige Kleidung

So hat sich ein ganz neuer Geschäftszweig entwickelt: Mittlerweile arbeiten Ultraorthodoxe als Stilberaterinnen und Designerinnen.

Sima Salzberg: "Es ist ein riesiger Geschäftszweig. Man sieht es immer mehr, und das Interessante ist: Es sind die charedischen Frauen selbst, die das realisiert haben. Ihren Teenager-Töchtern fehlte es an modernen, züchtigen Klamotten. Sie sollten aber bei potenziellen Schwiegermüttern und Ehemännern punkten. So begann eine Mutter, solche Kleider zu designen."

Und sie war nicht die Einzige. Vor knapp vier Jahren hat Channi Dobkin deshalb eine Styling-Schule für charedische Frauen eröffnet. Ihre Unterrichtsräume liegen im 18. Stock eines Hochhauses in Bnei Brak. An den Wänden hängen Fotos von Models und modischen Vorbildern, darunter auch die Frauen von Prinz William und Prinz Harry. Schließlich seien auch sie elegant und züchtig gekleidet, erklärt Channi Dobkin. Sie selbst trägt ein grünes, weites Kleid und pinke Pumps.

"Früher habe ich im Bereich Publishing und Kommunikation gearbeitet. Ich habe den Bedarf erkannt, weil es Modeschulen im charedischen Sektor früher nicht gab. Da war das Problem mit der Züchtigkeit. Frauen konnten nicht einfach an einer säkularen Schule lernen. Doch die Modewelt ist ein Wirtschaftsmarkt, damit lässt sich Geld verdienen. Der charedische Sektor ist, anders, als man von außen vermutet, sehr modebewusst. Das hat Potenzial."

Tabu: Feminismus

Die Schulleiterin ist Mutter von fünf Kindern, genauso wie die Stylistin Miri Beilin. Beide Frauen vereinbaren Beruf und Familie, verdienen ihr eigenes Geld, sind im Grunde unabhängig. Doch als Feministin würde sich Miri Belin niemals bezeichnen:

"Ich habe keine Angst davor, zu sagen, dass ich stark bin, viel Geld verdiene, meinen Job liebe, denn ich weiß, dass ich mich meinem Mann beuge. Ich werde ihm niemals das Gefühl geben, dass ich nun der Chef im Haus bin und die Entscheidungen treffe. Nein, sorry Ladies, der Mann ist nun mal der Mann im Haus, er versorgt uns und ich liebe es, mit ihm shoppen zu gehen und er bezahlt. Ich liebe es, ihn spüren zu lassen, dass er ein starker Kerl ist, mein Kerl, und ich beuge mich ihm. Ich glaube, in den letzten Jahren haben wir das Bedürfnis verloren, dass sich jemand um uns kümmert."

Trotz der Veränderungen haben am Ende noch immer die Männer das Sagen, Ehemänner, Väter und Rabbiner entscheiden, was erlaubt ist und was nicht. Doch wer weiß, ob sich nicht auch das irgendwann 'mal ändert. Die Revolution in der Welt der Charedim jedenfalls scheint unaufhaltsam.

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