Filmemacherin Farahnaz Sharifi

"Die Zensur ist überall"

07:58 Minuten
Eine Frau schaut ins Leere. Sie steht an einer Küchenarbeitsplatte, im Hintergrund eine geblümte Tapete. Sie trägt ein Kopftuch und wirkt gedankenverloren bis traurig. Im Hintergrund das Bild eines Mannes, darunter arabische Schriftzeichen.
Mit den Gedanken ganz woanders: So wie in diesem Szenenbild aus Farahnaz Sharifis "Missing" fühlt sich Sehnsucht an. © DaFilms / Farahnaz Sharifi
Farahnaz Sharifi im Gespräch mit Susanne Burg · 08.10.2022
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Die Proteste im Iran bewegen die Welt. Die Regisseurin Farahnaz Sharifi kommt aus Teheran und hat bei ihren Filmen mit der Zensur zu kämpfen. Dennoch hat sie Hoffnung. Die Proteste könnten mehr sein als eine Bewegung: eine Revolution.
Ein Panel beim diesjährigen Filmfest Hamburg stellte Filmemacherinnen aus der islamischen Welt ins Zentrum. Mit dabei ist auch die iranische Dokumentarfilmregisseurin und Editorin Farahnaz Sharifi. Sie hat 2017 beispielsweise den Film „Missing“ gemacht über Menschen, die im Iran verschwunden sind. Und auch einen Beitrag zugesteuert zu dem Film „Profession: Documentarist“ von 2017, bei dem verschiedene Dokumentarfilmerinnen über ihren Alltag mit der Zensur in Teheran sprechen.
Farahnaz Sharifi lebt in Teheran. Daher ist es für sie durchaus riskant gewesen, ein Interview zu geben. Sie hat es trotzdem gemacht. Susanne Burg hat sie in Hamburg getroffen und mit ihr über Zensur gesprochen und darüber, wie sich die Situation mit der Zensur in Iran über die Jahre verändert hat.

In den 90ern gab es weniger Zensur

Farahnaz Sharifi: Ich habe in der Reform-Ära der späten 90er-Jahre angefangen, Filme zu machen. In der Zeit gab es weniger Zensur. Allerdings habe ich damals einen Film über eine Sängerin gemacht, der trotzdem verboten wurde und nicht im Iran gezeigt werden durfte.

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Die Begründung lautete: Die Stimme der Frau, der Sängerin, zu hören, ist nicht erlaubt. Und das war die gute Zeit. Danach wurde es schlimmer – und das ganze letzte Jahr war hart. Es gibt so viel Zensur, vor allem für Dokumentarfilmer und –filmerinnen. Und ganz besonders für die, die versuchen, die aktuelle Situation zu dokumentieren.
Susanne Burg: Viele Filmschaffende haben über die Jahre ja Tricks entwickelt, Dinge zwischen den Zeilen zu sagen und die Zensur zu umgehen. Wie sieht das aktuell aus?
Sharifi: Wenn du einen Spielfilm machen möchtest, brauchst du eine Erlaubnis. Und es hängt von deiner Geschichte ab. Die Zensur ist überall. Du kannst zum Beispiel keine Frau ohne Hidschab im Schlafzimmer zeigen. Es ist absurd. Aber du brauchst eine Erlaubnis, um deine Filme im Kino im Iran zeigen zu können.
Daher musst du deine Schauspielerin bitten, im Bett einen Hidschab zu tragen. Man kann die Zensur nicht wirklich umgehen. Und im Dokumentarfilm ist es noch mal anders. Es gibt Filme, die das wirkliche Leben im Iran festhalten. Aber das ist ein großes Risiko.

Zahlreiche Filmschaffende sind im Gefängnis

Burg: Arbeiten Sie gerade an einem Projekt?
Sharifi: Ja, ich schneide gerade meinen neuen Film, es ist eine persönliche Geschichte. Es geht um meine Erfahrung als Frau und mein Leben nach der Revolution. Ich möchte lieber nicht mehr darüber sagen.
Burg: Haben Sie Sorge, Sie könnten Probleme bekommen?
Sharifi: Ich habe bereits Probleme. Es geht darum, dass ich gerne etwas im Film ändern möchte.

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Burg: Wir hören derzeit viel über die aktuelle Situation. Auch zahlreiche Filmschaffende sind im Gefängnis – das schon seit einigen Monaten – darunter auch Mohammad Rasoulof und Jafar Panahi, die ja hierzulande sehr bekannt sind. Wie viel Aufmerksamkeit bekommen sie eigentlich im Iran und wissen Sie, wie es ihnen geht?
Sharifi: Ich habe Jafar Panahis jüngsten Film „No Bears“ hier in Hamburg beim Filmfestival gesehen. Ich war danach so traurig, wegen der aktuellen Situation, dass jeden Tag Menschen verhaftet werden. Viele Menschen, die in der Filmwelt arbeiten, haben reagiert auf die Verhaftungen der Regisseure. In Form eines Posts bei Instagram oder Facebook.

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Ich hoffe, sie werden bald entlassen. Wir durchleben gerade schwere Tage im Iran. Die Menschen sind so verärgert. Die Frauen sind sauer. Und sie sind mutig. Sie demonstrieren in den Straßen, um sich ihre Grundrechte zurückzuholen. Ich bin traurig, aber auch hoffnungsvoll, dass etwas Gutes dabei rauskommt.

"Wir brauchen Zeit"

Burg: Panahi und Rasoulof sind im Evin-Gefängnis inhaftiert. Es ist ein berüchtigtes Gefängnis. Was schwingt für Iraner und Iranerinnen mit, wenn sie diesen Namen hören?
Sharifi: Ja, es gibt mehrere Gefängnisse, aber die politischen Gefangenen kommen meistens nach Evin. Ich kann keine wirklichen Worte finden. Ich hasse diesen Namen. Ich hasse ihn.
Burg: Was die Proteste angeht: Viele Menschen hier staunen, dass sich die Frauen trotz aller drastischen Repressalien trauen, auf die Straße gehen. Haben Sie eine Erklärung dafür? Ist die Frustration derzeit einfach zu groß?
Sharifi: Ja, genau. Wir haben jahrelang Ärger und Frustration angesammelt. Es ist Zeit, sich Luft zu verschaffen. Dieser Ärger hilft vielleicht, die Situation zu ändern. Die Frauen sind jetzt mehr als zwei Wochen auf den Straßen und kämpfen. Ich glaube, dieses Mal hören sie nicht auf.
Szenenbild aus Farahnaz Sharifis Dokumentarfilm "Missing". Zu sehen sind vor grünem Hintergrund ältere Herrschaften, fast ausschließlich Frauen. Ein Mann mit Hut und leicht gebeugtem Rücken blickt leicht abwesend in die Kamera, die Frauen, allesamt mit Kopftuch, schauen ebenfalls recht resigniert.
Ein Film über das Verschwinden: Sharifis Film "Missing" spürt Menschen nach, die vermisst werden. © DaFilms / Farahnaz Sharifi
Burg: Was könnte ein positives Ergebnis sein?
Sharifi: Wir brauchen Zeit. Es wird nicht in ein oder zwei Wochen passieren. Wir müssen so sehr kämpfen, dass auch dem Regime klar wird, dass es keinen Weg zurück gibt. Ein Weg nach vorne kann uns zur Freiheit bringen. Ich weiß nicht, wann, aber es wird passieren.

"Es ist der Beginn einer Revolution"

Burg: Welche Rolle spielen Künstler und Filmschaffende bei den Protesten?
Sharifi: Einige Filmschaffende beginnen, Video zu machen oder andere schreiben Texte und sagen, dass wir auf der Seite der Demonstrierenden stehen. Das bedeutet für sie häufig, dass sie nicht mehr arbeiten können. Die Menschen schätzen das. Es hilft ihnen, stark zu sein, wenn sie wissen, dass jemand hinter ihnen steht. Aber warum hinter ihnen? Es ist an der Zeit, dass die Filmstars und die Filmschaffenden auch in erster Linie stehen. Aber wie gesagt, einige haben in den letzten Tagen die Regierung öffentlich aufgefordert, die Gewalt gegen Demonstrierende zu stoppen. Und einige im Iran denken, es ist keine Bewegung, es ist der Beginn einer Revolution.
Burg: Es gibt derzeit viele Videos, in denen sich Frauen ihre Haare abschneiden. Eines von französischen Schauspielerinnen wie Juliette Binoche, Marion Cotillard, Isabelle Adjani und Isabelle Huppert. Welche Bedeutung haben solche symbolischen Zeichen der Solidarität für die Frauen im Iran?
Sharifi: Ich schätze es sehr, dass all diese Menschen und Künstlerinnen die Frauen im Iran unterstützen. Diese Menschen haben viele Follower und es hilft uns, dass unsere Stimmen gehört werden. Meine Hoffnung ist, dass uns dadurch auch die Politiker hören. Denn die Politik sollte uns hören, nicht das aktuelle Regime. Sie sollen hören, was die Menschen in den Straßen im Iran wollen. 
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