Presse- und Meinungsfreiheit

Vorsicht vor falscher Ausgewogenheit

06:16 Minuten
Eine Grafik zeigt Arme, die verschiedene Mikrofone halten und dabei einen Kreis bilden.
Ist es in jedem Fall richtig, zu einer öffentlich vertretenen Position auch die "Gegenseite" zu Wort kommen zu lassen? © Getty Images / iStock
Philipp Müller im Gespräch mit Stephan Karkowsky · 02.05.2022
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An Medien wird oft die Forderung herangetragen, das gesamte Spektrum an Positionen zu einem Thema abzubilden. Aber Ausgewogenheit birgt Risiken, meint der Medienforscher Philipp Müller: Populistische Randpositionen könnten das Bild verzerren.
Der Internationale Tag der Pressefreiheit und die Woche der Meinungsfreiheit in Deutschland geben Anlass, einmal grundsätzlich zu fragen, welche Maßstäbe für Meinungsfreiheit in der medialen Öffentlichkeit gelten. Manche verstehen darunter eine Pflicht der Medien zu strikter Ausgewogenheit. Aber ist es in jedem Fall richtig, zu einer öffentlich vertretenen Position auch die "Gegenseite" zu Wort kommen zu lassen?

Fernab vom aktuellen Forschungsstand

Insbesondere im Wissenschaftsjournalismus könne dieses Prinzip auch zu Problemen führen, sagt der Medienforscher Philipp Müller vom Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Universität Mannheim. Zum Beispiel bestehe darüber, dass es einen menschengemachten Klimawandel gibt, große Einigkeit in der internationalen Wissenschaft.
Wenn die wenigen Gegenpositionen zu dieser erdrückenden Mehrheitseinschätzung in den Medien gleichrangig abgebildet würden, gäbe dies den aktuellen Forschungsstand überhaupt nicht wieder, erklärt Müller. In der Medienforschung ist dieses Phänomen als "False Balance", zu Deutsch: falsche Ausgewogenheit, bekannt.

Anspruch, in den Medien vorzukommen

Weniger eindeutig sei die Lage auf dem Feld der Politik, meint Müller. Hier gelte selbstverständlich der Anspruch, das gesamte Spektrum von Meinungen zu gesellschaftlichen Fragen abzubilden. Medien komme dabei auch die Aufgabe zu, den Zusammenhalt in der Gesellschaft zu gewährleisten:
"Um diesen Zusammenhalt zu schaffen, ist es wichtig, dass es keine Lager in der Gesellschaft gibt, die sich nicht repräsentiert fühlen, die nicht in den Medien vorkommen, sondern das Ziel ist, dass alle stattfinden können."

Positionen, die nicht legitim sind

Gleichwohl gebe es Meinungen, die nicht legitim sind, zum Beispiel wenn Populisten für ihre Behauptungen keine Argumente und Belege liefern oder weil sie sich auf Verschwörungsnarrative stützen, die auch antisemitische Züge haben können, so Müller. In solchen Fällen stelle sich durchaus die Frage, ob Medien diese Positionen ungefiltert zu Wort kommen lassen und zulassen sollten, dass sie sich weiterverbreiten.
Im Internet und in den sozialen Medien, jenseits der Regeln und der Verantwortung des professionellen Journalismus, sei die Frage der Meinungsfreiheit dagegen noch einmal anders zu bewerten, so Müller: Dort seien, "passend zu unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung" aus gutem Grund weniger Filter eingebaut, sodass "jeder und jede sich so äußern darf, wie er oder sie es möchte."
(fka)

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