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Interview / Archiv | Beitrag vom 03.06.2016

Falschmeldungen im Internet"Das kommt auf Twitter relativ oft vor"

Christoph Neuberger im Gespräch mit Dieter Kassel

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Papst Benedikt XVI. nach seiner Wahl zum Papst. (picture alliance/dpa/Claudio Onorati)
Papst emeritus Benedikt XVI. lebt - ein Twitter-Hoax am Donnerstag hatte seinen Tod verkündet (picture alliance/dpa/Claudio Onorati)

Im Internet sind Falschmeldungen nicht immer leicht zu erkennen. Der Kommunikationswissenschaftler Christoph Neuberger rät Nutzern, genau zu prüfen, wer hinter den Meldungen stehe. Hier gebe es auch hilfreiche Watchblogs, die Falschmeldungen richtigstellten.

Papst Benedikt XVI. ist tot - das behauptete am Donnerstag ein falscher "Reinhardt" Kardinal Marx über Twitter. Weil der Münchner Erzbischof aber gar keinen Twitter-Account besitzt und der Verfasser der Falschmeldung den Vornamen des Kardinals falsch schrieb, war der Hoax leicht zu erkennen.

"Das kommt auf Twitter relativ oft vor. Ganz grundsätzlich im Internet haben wir es häufig mit Falschmeldungen zu tun", sagt Christoph Neuberger, Direktor des Instituts für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der Universität München. Zum Teil seien diese einfach als Scherz gemeint, aber gerade beim Thema Flüchtlinge gebe es auch viele böswillige Falschmeldungen.

Immer oberflächlicheres Nachrichtennutzungsverhalten im Internet

Nutzern von Sozialen Medien rät der Kommunikationswissenschaftler, sehr genau darauf zu achten, wer hinter der Nachricht stehe. Hier gebe es hilfreiche Watchblogs im Internet, die Falschmeldungen sammelten und richtigstellten. Auch sei Twitter durchaus bereit, Accounts zu sperren, von denen solche Meldungen ausgehen.

Mit Sorge beobachtet Neuberger die Entwicklung, dass das Nachrichtennutzungsverhalten im Internet immer oberflächlicher werde.

"Man kann hier durchaus feststellen, dass nicht mehr alle zu den klassischen Medienmarken gehen, um Informationen zu bekommen. Sehr häufig informiert man sich im Internet beiläufig, geht also quasi nicht mehr zur eigentlichen Quelle der Information, sondern schnappt irgendwo was auf: auf Facebook oder auf einem Portal, wenn man eigentlich E-Mails abrufen will."


Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Der amtierende Papst Franziskus und sein Vorgänger Benedikt XVI., sie haben beide einen Twitter-Account. Kardinal Reinhard Marx, der Erzbischof von München und Freising, hat keinen. Eine unbekannte Person hatte aber unter seinem Namen und mit seinem Foto einen eingerichtet und darüber gestern die Meldung verbreitet, Benedikt XVI. sei tot. Das habe er, Marx, von dessen Sekretär Georg Gänswein am Telefon erfahren.

Die meisten Journalisten sind nicht auf diese Meldung hereingefallen, ein Teil der Internetcommunity aber schon, zumindest vorübergehend. Mit Twitter – auch als Informationsquelle für Journalisten – beschäftigt sich der Direktor des Instituts für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Universität München Christoph Neuberger, schönen guten Morgen, Professor Neuberger!

Christoph Neuberger: Ja, guten Morgen, Herr Kassel!

Im Internet werden die "Gatekeeper" umgangen

Kassel: Kommt denn das, was wir da gestern erlebt haben, häufig vor, dass man bei Twitter auf Personen stößt, die nicht diejenigen sind, als die sie sich ausgeben?

Neuberger: Ja, das kommt auf Twitter relativ oft vor, ganz grundsätzlich im Internet haben wir es häufig mit Falschmeldungen zu tun. Das liegt einfach daran, dass im Internet jeder ungeprüft veröffentlichen kann. Man kann die sogenannte Gatekeeper umgehen, also die Redaktionen, die in der Vergangenheit alles gefiltert und geprüft haben, bevor es öffentlich geworden ist, hinzu kommt auch gerade im Fall von Twitter die enorme Beschleunigung, also dass ganz, ganz schnell Meldungen über Todesfälle, über Erdbeben und so weiter sich weiterverbreiten. Man kann diese Lawine kaum aufhalten.

Kassel: In diesem Fall, also bei der Marx-Benedikt-Geschichte gestern, war das, würde ich unterstellen, vermutlich ein Scherzkeks, der noch irgendein Hühnchen mit der katholischen Kirche zu rupfen hatte. Aber geht es in solchen Fällen in der Regel um groben Unfug oder stecken manchmal auch ganz andere Interessen dahinter?

Neuberger: Ja, die Motive können ganz unterschiedlich sein. Der gestrige Fall, das vermag ich jetzt auch nicht zu durchschauen. Aber es gibt natürlich auf der einen Seite Scherzbolde, die dann sogenannte Hoaxes verbreiten, angefangen bei Aprilscherzen bis hin zu größeren Geschichten, die dann scherzhaft weiterverbreitet werden, die man in der Regel auch relativ leicht durchschauen kann. Das hat auch eine lange Tradition, angefangen bei dem Ingenieur Artur Schütz, der Anfang des 20. Jahrhunderts immer wieder die Wiener Zeitungen geleimt hat. Auf der anderen Seite haben wir aber auch immer häufiger es jetzt mit boshaften Falschmeldungen zu tun. Dahinter stehen politische Kampagnen, gerade im Zusammenhang mit dem Flüchtlingsthema hat man eine Vielzahl von gezielten Falschmeldungen, wo man erkennbar Stimmung machen will gegen Flüchtlinge.

Watchblogs sammeln und korrigieren Falschmeldungen

Kassel: Welche Chancen hat man denn als normaler Nutzer, als Journalist natürlich auch, einen falschen Account zu erkennen? Zum Beispiel gestern bei Marx, also, wer richtig genau hingeschaut hat, konnte von Anfang an Verdacht haben, denn da war der Vorname des Erzbischofs falsch geschrieben. Das geht natürlich im Alltag schnell unter und solche groben Fehler machen Profis natürlich auch nicht, aber welche Chancen hat man, so was zu erkennen?

Neuberger: Mittlerweile sind Twitter und auch Facebook dazu übergegangen, zumindest bei Prominenten auch die Accounts zu verifizieren. Also, auf diese Kennzeichnungen kann man achten. Darüber hinaus macht es sicherlich Sinn, auch mal auf der offiziellen Website nachzusehen, ob es dort einen Verweis gibt auf den entsprechenden Twitter-Account. Letztlich hundertprozentige Sicherheit kann man, vor allem wenn es schnell gehen muss, nicht bekommen. Ein anderer Hinweis: man kann auch schnell mal googeln und schauen, ob es irgendwo schon ein Dementi gibt, also, ob schon irgendwo jemand anfängt, das richtigzustellen. Darüber hinaus gibt es sehr hilfreiche Watchblogs, auf denen Falschmeldungen gesammelt und richtiggestellt werden, beispielsweise "Mimikama".

Kassel: Das Erzbistum München-Freising hat jetzt angekündigt, man werde rechtliche Schritte prüfen. Hat man da eine Chance? Das sind natürlich zwei Möglichkeiten: Wenn man herausfindet, wer es war, kann man gegen den was machen, und wenn nicht, kann man eigentlich gegen den Twitter-Konzern dann klagen?

Neuberger: Also, Twitter ist durchaus bereit, dann solche falschen Accounts, wenn es nachgewiesen wird, dann auch zu sperren. Das war jetzt auch bei dem gestrigen Fall so, man kann sich da durchaus wehren. Es gibt mittlerweile eine Vielzahl von Prozessen, an denen man sich orientieren kann, man ist also nicht völlig wehrlos.

Soziale Medien als Nachrichtenersatz?

Kassel: Aber kann man das herausfinden? Also, Twitter wird vermutlich sagen, wir wissen ja auch nicht, wer dieser Herr Marx war bei uns, oder?

Neuberger: Das ist tatsächlich so, also, dass da natürlich Leute unter falschen Identitäten operieren, dass man das im Einzelfall gar nicht so genau weiterverfolgen kann. Aber man kann zumindest – und das ist doch auch schon ein erster wichtiger Schritt – diesen Account sperren. Ob dann die Person natürlich dann einen ähnlichen Account wieder eröffnet, das ist natürlich eine Gefahr, man muss das also ständig im Auge behalten.

Kassel: Nun bin ich mir sicher, es wird einige geben, die uns zuhören, die jetzt sagen, es gibt Nachrichtenagenturen, Pressestellen, es gibt Gott sei Dank auch noch ein paar wirklich vor Ort recherchierende Journalisten, warum dann auch noch Twitter als Informationsquelle nutzen? – Warum eigentlich?

Neuberger: Das ist die Frage, inwieweit Soziale Medien zum Ersatz werden für Nachrichten. Wir haben eine Vielzahl von Studien, wo das Nachrichtenverhalten im Internet beobachtet wird, man kann hier durchaus feststellen, dass nicht mehr alle zu den klassischen Medienmarken gehen, um Informationen zu bekommen, sehr häufig informiert man sich im Internet beiläufig, geht also quasi nicht zur eigentlichen Quelle der Information, sondern schnappt irgendwo was auf auf Facebook oder auf einem Portal, wenn man eigentlich E-Mails abrufen will.

Und da sehe ich ein gewisses Risiko durch das Internet, dass die Nachrichtennutzung immer oberflächlicher wird und dass man gar nicht mehr zu den glaubwürdigen Informationsquellen geht. Das ist eine Sache, die wir gerade mit einer gewissen Sorge beobachten.

Die Medien sind auf Twitter und Facebook sehr aktiv

Kassel: Nun sagen aber andererseits ja viele, und nicht ganz zu Unrecht, wenn man sich mal die Quellen von Nachrichten, die über Twitter, aber auch über Facebook und ähnliche Medien verbreitet werden… Vieles kommt ja von den traditionellen Medien, das kommt ja von den Internetseiten von Zeitung, Radio und Fernsehsender. Ist das zunehmend nicht mehr so?

Neuberger: Das ist schon richtig, dass auch auf Twitter und Facebook und generell in den sozialen Meiden natürlich auch die Redaktionen auch hier in Deutschland sehr, sehr aktiv sind, dort für ihre eigenen Nachrichten werben, dort auch ihre eigenen Meldungen quasi weiterverbreiten. Allerdings muss man als durchschnittlicher Nutzer dieser Angebote auch sehr genau darauf achten, wer denn jeweils die Quelle ist, die dahinter steht, weil sich dort einfach alles vermischt. Dort hat man alle möglichen Quellen, dort sind die Interessengruppen, die Unternehmen, die Parteien et cetera, aber oft so Akteure, wo man die Identität gar nicht so richtig feststellen kann. Also, man muss da sehr sorgfältig darauf achten, mit wem man es gerade zu tun hat.

Kassel: Wie wichtig ist denn – dazu haben Sie doch glaube ich auch gearbeitet, Sie und Ihr Institut –, wie wichtig ist denn allerdings umgekehrt inzwischen Twitter schon als Quelle für die traditionellen Medien?

Twitter als Themenfinder

Neuberger: Das hat enorm an Bedeutung gewonnen. Also, man kann sagen, dass alle Redaktionen, Zeitungsredaktionen, aber auch die Redaktionen der anderen Medien Twitter intensiv nutzen. Sie machen das, um Trends, Stimmungslagen im Blick zu behalten, um auf neue Themen zu stoßen. Interessanterweise – und das halte ich auch für wichtig – nutzen sie Twitter vor allem, um den ersten Hinweis auf ein Thema zu bekommen. Redaktionen wechseln dann in der Regel auf andere Kommunikationskanäle, um dann diese Themen weiter zu recherchieren. Also, ein gewisser kritischer Umgang hat sich mittlerweile auch in den Redaktionen eingespielt, man nimmt dort auch nicht mehr alles für bare Münze.

Kassel: Herzlichen Dank. Christoph Neuberger war das, er ist der Direktor des Instituts für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Universität München, und wir haben mit ihm über falsche Accounts und falsche Meldungen und natürlich auch die echten bei Twitter und die Tauglichkeit des Kurznachrichtendienstes als Informationsquelle gesprochen. Herr Neuberger, vielen Dank und noch einen schönen Tag!

Neuberger: Ja, danke, gleichfalls!

Kassel: Und falls Sie sich jetzt vielleicht fragen – wahrscheinlich ja nicht, aber ich bin immer so optimistisch –, hat denn dieser Mann im Radio auch einen Twitter-Account? Ja, ich habe ihn. Und dass das, was man bei Dieter Kassel bei Twitter findet, echt ist, erkennt man vor allen Dingen daran, dass – und das wird Sie jetzt überraschen, wo ich immer so viel rede –, dass ich mich da ungefähr einmal im Jahr melde!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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