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Kompressor | Beitrag vom 11.01.2021

Falsche Vorstellungen von JapanAgentur für Fake-Familienangehörige ist ein Fake

Dinah Zank im Gespräch mit Massimo Maio

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Drei Mädchen und ein Junge auf einer Straße in Tokio (picture alliance / AP Images  / Yomiuri Shimbun)
Miet-Familien, Roboter, Samurai und Tee-Zeremonie: Unsere Vorstellungen von Japan entsprechen selten der Wirklichkeit. (Symbolfoto) (picture alliance / AP Images / Yomiuri Shimbun)

Über den Verleih für Schein-Familienangehörige in Japan haben viele Medien berichtet. Nun stellt sich heraus: Die Agentur gibt es nicht. Dass wir die Geschichte allzu gerne geglaubt haben, habe jedoch seine Gründe, meint die Japanologin Dinah Zank.

In unserem Radiofeature "Fake Family" haben wir von Agenturen in Japan berichtet, die vermeintlich Schein-Familienangehörige verleihen: den passenden Ehemann für das Familientreffen oder die adretten Vorzeigeeltern, um sich dem Zukünftigem gegenüber im rechten Licht zu zeigen.

Es gibt unzählige Berichte über das Phänomen der vermietbaren Familienmitglieder in Japan. Selbst der Filmemacher Werner Herzog hat darüber einen Film gemacht: "Family Romance" lief bei den Filmfestspielen in Cannes.

In erster Linie waren die Kunden Fake

Jetzt kommt heraus: Die Agenturen für Fake-Familienmitglieder sind selbst Fakes. Jedenfalls die Agentur des Japaners Yuichi Ishii, der in zahlreichen Berichten vorkommt - auch in unserem Feature.Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Seine Familienvermietung gibt es nicht. Und die vermeintlichen Kunden, die er westlichen Reportern und Filmemachern zeigte, waren keine echten Kunden. Unter anderem hat seine eigene Frau so getan, als habe sie Ishii engagiert.

Geschichte als plausibel wahrgenommen

Weswegen ist das nicht schon früher aufgefallen? Passte die Geschichte einfach zu gut in das bizarre Bild, das wir uns gerne von Japan machen? In unserer schnelllebigen Gesellschaft mit immer mehr Single-Haushalten werde eine solche Geschichte durchaus als plausibel wahrgenommen, sagt die Japanologin Dinah Zank. "Wir können uns das inzwischen vorstellen und wir können uns auch vorstellen, dass alles Mögliche, Verrückte aus Japan kommt."

Doch bei dieser Agentur war wirklich alles erfunden, betont Zank. Auch das Aufbauschen, dass es eine regelrechte Industrie diesbezüglich gäbe, sei an den Haaren herbeigezogen. "Es gab in der Vergangenheit mal einzelne Skandale, in denen das in hohen gesellschaftlichen Kreisen praktiziert wurde", um vorgegebenen gesellschaftlichen Vorstellungen zu entsprechen und so gesellschaftlichem Druck entgegenzuwirken.

"Auf der anderen Seite gibt es ganz ähnliche Konzepte in Japan", meint Zank. Beispielsweise Agenturen, die Kuschelpartner vermieten, oder Menschen, die man mieten kann, damit sie neben einem einschlafen. "Einfach, dass man in dieser Gesellschaft, in der so viele Menschen allein leben, die keinen sozialen Kontakt mehr haben, man das Gefühl von Geborgenheit hat. Dafür zahlen Leute tatsächlich Geld."

Der Reiz des Klischees

Auf der anderen Seite passe die Geschichte auch einfach sehr gut zu dem Bild, das wir uns von Japan machen, zu alle den Klischees. "Deswegen wollen wir glauben, dass es so etwas in Japan gibt."

Auch sie selbst habe zu Beginn ihres Japanologie-Studiums viele Klischees im Kopf gehabt, räumt Zank ein. "Das Einzige, was wir machen können, ist, dass wir immer hinterfragen, hinterfragen und noch einmal hinterfragen. Das heißt, sich dieses Reizes des Klischees bewusst zu werden und dann auch sich frei zu machen." Dazu müsse man sich mit Hintergründen vertraut machen und immer wieder fragen: Was ist daran überhaupt japanisch?

(lkn)

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