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Fazit / Archiv | Beitrag vom 22.12.2010

Fallhöhe des Theaters

Reihe: Was mir heilig ist - Lars Eidinger

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Lars Eidinger mit Birgit Minichmayr und Maren Ade. (AP)
Lars Eidinger mit Birgit Minichmayr und Maren Ade. (AP)

"It-Boy" seiner Generation nannte eine Berliner Stadtzeitung den 34-jährigen Schauspieler Lars Eidinger. Er spielte im Berlinale-Film "Alle anderen", vor allem aber Theater - in dieser Spielzeit unter anderem Hamlet und Menschenfeind Alceste.

Gerd Brendel stellte Lars Eidinger unsere Weihnachtsfrage in seiner Garderobe:

"Ja, was ist mir heilig? Meine Tochter ist mir heilig. Meine Tochter ist jetzt vier, was ich meine, ist, dass man das jetzt zur Weihnachtszeit, oder wenn sie Geburtstag hat, dass man das zelebriert, und das schon so was Heiliges hat, dass man sich Mühe gibt, dass es so'n Zauber entwickelt und nicht doof ist, dass es auch Spaß macht, die Tochter zu verführen, sich mehr darunter vorzustellen, als einfach nur ein Abend, wo es Geschenke gibt, ohne diesen Weihnachtsmann Geschichte. Bei uns ist es das Christkind, wobei das Christkind, was ist das eigentlich? Ich hab mir unter dem Christkind immer so'n kleinen weißen Engel vorgestellt, aber das Christkind, ist damit eigentlich Jesus Christus gemeint?"

"Im Grunde ist die ganze Veranstaltung heilig, die Veranstaltung Theater, der Moment, wo man ne Bühne betritt und da Leute sind, die zugucken. Das finde ich schon einen heiligen Moment, mit dem schon behutsam umgehen muss. Um so schöner ist, das dann zu bedrohen, indem man was macht, was nicht angemessen ist, was nicht heilig ist, was ne gewisse Grenze des guten Geschmacks überschreitet, so was macht mir ja Spaß, das ist aber in dem Bewusstsein, dass es eigentlich heilig ist, wenn's mir egal wär und wenn Theater nicht heilig wäre, dann wäre es auch nicht interessant."

"Einem Schauspieler zuzusehen, wie er sich auszieht, der damit kein Problem hat, das macht ja keinen Spaß, jemandem zuzuschauen, der sich zu Tode schämt, macht auch keinen Spaß, sondern was ich sichtbar machen will, ist diesen Prozess der Überwindung von einer Schamgrenze für die Zuschauer nachvollziehbar zu machen."

"Zum Beispiel gibt’s bei Hamlet am Ende die Stelle, wo er sich bei Laertes entschuldigt, Laertes ist sein ehemaliger Freund, der Bruder der Ophelia, er stellt sich da hin auch vors Publikum: Hat Hamlet Laertes unrecht getan? Nein, Hamlet niemals, weil wenn Hamlet von sich selbst entfremdet wird und Unrecht tut, solange er nicht er selbst ist, dann tut das ja nicht Hamlet. Aber wer tut es dann? Sein Wahnsinn, und wenn das so ist, dann gehört Hamlet ja zu der Partei, der Unrecht getan wurde, der Wahnsinn ist des armen Hamlets Feind."

"Das ist ein Moment, wenn ich das erkläre, kommt in mir tatsächlich ne Angst hoch, was ist das denn Wahnsinn? Dann werde ich manchmal so emotional, dass ich weinen muss, auf der einen Seite habe ich ein Bewusstsein als Schauspieler, einen gewissen Stolz, dass mir das gelingt, aber es gibt auch ne gewisse Scham: Ich weine jetzt und mir gucken Leute zu."

"Es ist tatsächlich diese Fallhöhe; an einem Tag hält man sich für den Größten und am nächsten für den letzten Dilettanten, aber ist ja auch schön. Ich sag immer, als Schauspieler muss man ein Haus bauen, einen Baum pflanzen, ein Kind zeugen und Hamlet spielen, und jetzt, nachdem ich Hamlet gespielt habe, bleibt eigentlich nur noch Jesus Christus."

"Ja, ich glaube, dieses Leiden für andere, dieses Sterben für andere, das ist ein heldischer Akt, und dieser Moment, ans Kreuz geschlagen zu werden, sieht toll aus und hat was unheimlich Pathetisches im zutiefst positiven Sinne."

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