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Fazit / Archiv | Beitrag vom 20.08.2020

Fall NawalnyHeimtückische Anschläge verunsichern die Opposition

Von Thomas Franke

Der russische Oppositionspolitiker Alexej Nawaln  (imago images / tass / Sergei Fadeichev)
Alexej Nawalny liegt bewusstlos auf der Intensivstation. Die Ärzte prüfen eine Reihe möglicher Diagnosen. (imago images / tass / Sergei Fadeichev)

Der russische Oppositionspolitiker Alexej Nawalny liegt im Koma im Krankenhaus, vermutlich ist er vergiftet worden. Solche Mordversuche mittels Tee sind nicht neu. Sie sichern die Macht Putins.

Russland, das sind goldene Kuppeln und endlose Weiten, Balalaika und Babuschka. Und wenn man bei der Oma zu Besuch ist, dann bekommt man eventuell Wodka angeboten, aber auf jeden Fall Tee. Den gibt es im Zug und im Flugzeug quasi überall. Ein harmloses Getränk. Romantisiert mit dem Samowar. Russland ist ein Tee-Land. Und ein Land der Angst.

Mit Angst die Macht erhalten

Angstfreiheit ist Gift für Autokraten und Diktatoren. Und Gift ist ein gutes Mittel, um die Angst frisch zu halten. Tee ist ein gutes Mittel, um die Gesellschaft mit Angst und Misstrauen zu vergiften.

Vergiftung mit Tee ist nicht neu. Als Schachweltmeister Garri Kasparow Anfang der 2000er-Jahre in die Politik ging, um gegen den Geheimdienstmitarbeiter Wladimir Putin anzutreten, hat er weder Tee noch Essen von Fremden angenommen. Er hat sich komplett selbst versorgt.

Paranoia? Anna Politkowskaja, die Starautorin der regierungskritischen Zeitung "Nowaja Gazetta", wurde 2004 in einem Flugzeug ohnmächtig, nachdem sie Tee getrunken hatte. Sie war auf dem Weg nach Beslan. Terroristen hatten dort in einer Schule 1200 Geiseln genommen. Offensichtlich wollte man keine wortgewaltigen Zeugen – bei der Erstürmung der Schule durch die Sicherheitskräfte starben mehr als 300 Unschuldige.

Kritiker werden beseitigt

Der Geheimdienst ist akzeptierter Teil der russischen Gesellschaft. Menschen sagen offen, dass sie für den FSB arbeiten. Die Opposition hingegen ist marginalisiert. Der Oppositionspolitiker Boris Nemzow war einer der wenigen, die der Machtclique um Wladimir Putin hätten gefährlich werden können. Jedes Mal wenn er mit seiner Mutter telefoniert hat, habe sie ihn bekniet: "Wann hörst du endlich auf, Putin zu beschimpfen? Er wird dich noch umbringen!"

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Nemzow erzählte die Geschichte in einem der letzten Interviews, die er kurz vor seiner Ermordung gegeben hat. Drei Wochen später war er tot. Hinterrücks erschossen, mitten in Moskau, von Unbekannten aus einem Auto heraus, in unmittelbarer Nähe des Kreml: an einem der bestbewachten Orte Russlands, vielleicht der Welt. Der Mord ist bis heute nicht aufgeklärt. Die Drahtzieher der Morde haben die Aura des Unberührbaren.

Giftmischer aller Art

Der russische Schriftsteller Lew Rubinstein schreibt heute von Giftmischern aller Art, die Luft, Kultur, Moral, Freiheit und Menschen vergiften. Zum Mord an Nemzow schrieb er: "Ich weiß nicht, wer Boris umgebracht hat, und wer das angeordnet hat. Aber wir wissen, wer die gesellschaftliche Atmosphäre schafft, in der solche Morde nicht nur möglich, sondern sogar unausweichlich sind." Anschläge, wie der auf Alexej Nawalny zeigen, dass er recht hat.

Politkowskaja hat den vergifteten Tee überlebt. Zwei Jahre später wurde sie im Fahrstuhl ihres Wohnhauses erschossen. Auch diese Tat ist bis heute nicht aufgeklärt.

Ein Porträt von Alexej Nawalny hören Sie im Beitrag von Christina Nagel:

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