Fahrschein auf dem Handy

Von Marko Pauli |
Mit der Smartphone-Applikation HandyTicket können Fahrgäste des öffentlichen Nahverkehrs schnell online Fahrscheine kaufen. Aber vor der ersten Nutzung müssen einige Hürden überwunden werden.
Drei Herren erheben sich. Oh, Kontrolleure!

"Die Fahrkarten, bitte."

Schnell das Handy zücken. Internetverbindung ist da, gut! Programm starten, Ticket online kaufen und schon ist auf dem Display die virtuelle Fahrkarte zu sehen, bestehend aus einem 2D-Barcode, der aussieht wie ein Irrgarten in einem historischen Computerspiel, sowie ein paar lesbaren Einzelheiten zum Ticket.

"Der Kontrolleur hat in der Regel ein technisches Prüfgerät, mit dem er digital den Barcode prüfen kann. Und es gibt in dem Barcode Ticketinformationen, Gültigkeitsinformationen, und eine wesentliche davon ist, wann das Ticket gekauft wurde."

Michael Kujas zerstört alle Schwarzfahrer-Träume. Seine Firma EOS Uptrade hat die HandyTicket-Applikation, kurz App, für ein angesagtes Smartphone entwickelt. Zwar sind noch längst nicht alle Kontrolleure mit einem geeigneten Lesegerät für den Barcode ausgestattet, doch sollen die schriftlichen Informationen für die Kontrolle ausreichen.

"Ich trau der ganzen Geschichte nicht so wirklich, muss ich ganz ehrlich sagen. Ich hab da lieber ein Ticket in der Hand, was ich am Automaten ziehe. Da weiß ich, wo meine Kohle hingeht und dass ich beim Schaffner damit durchkomme."

Wem nutzt das HandyTicket überhaupt? Schließlich stehen ja, darauf hat dieser S-Bahn-Nutzer hingewiesen, an jedem Bahnhof meist gut funktionierende Automaten.
"Man hat ja oft Standardstrecken, die man zurücklegt. Mit der App kauf ich ne Fahrkarte in 2,5 Sekunden, das schaffen Sie nicht beim Automaten. Und ich brauch den Umweg nicht gehen, das heißt, ich geh gerade durch und mach das im Gehen, nebenbei."

Ein weiterer S-Kunde ergänzt:

"Das ist sinnvoll, weil man in einer immer stärker digitalisierten Gesellschaft auch einen schnellen Zugriff auf ein Ticket braucht. Da will ich mich nicht um drei Uhr nachts vielleicht nicht an einen Automaten stellen, sondern das per Handy machen."

Und Uwe Marell von der Firma HanseCom, die das Hintergrundsystem programmiert hat, betont den überregionalen Aspekt:

"Automaten funktionieren überall anders, wenn man in einer anderen Stadt ist, ist's ne Katastrophe. Die App funktioniert in allen Regionen gleich. Das heißt der Kunde registriert sich einmal in seiner Heimatregion und kann dann mit derselben Applikation in Dresden, Ulm, Hamburg fahren, ohne dass er sich umgewöhnen muss."

Die HanseCom ist ein Tochterunternehmen der Hamburger Hochbahn, in dem seit 2003 gemeinsam mit dem Verband der deutschen Verkehrsunternehmen, kurz VDV, an einem bundesweit einheitlichen HandyTicket gearbeitet wird. Seit Oktober 2010 ist es nun erhältlich, und bei der HanseCom stehen die Server, auf denen die Kundendaten landen.

"Ich hab dann Angst, dass mein Handy abstürzt. Das mein Handy, wenn das alle ist, dann hab ich mein Ticket nicht, und das wäre dann doof."

In so einem Fall könnte sich der Kontrolleur mit dem Hintergrundsystem der HanseCom verbinden und erkennen, dass ein gültiges Ticket für diese Handynummer vorhanden ist. Uwe Marell sieht den öffentlichen Nahverkehr nun mit ungeahnten Anziehungskräften ausgestattet.

"Die Apps haben ein enormes Sexappeal, und sind das, worüber Sie eine Vielzahl von Kunden erreichen."

Zum Beispiel die Freunde dieses S-Bahn-Fahrers:

"Da sind einige Technik-Freaks dabei, die das sofort ... ob sie's brauchen oder nicht, die sind bestimmt nicht gefahren, aber die haben's genutzt."

Während die Vorteile für die Kunden noch etwas vage sind, liegen die der Verkehrsbetriebe auf der Hand:

"Beim Handyticket sorgt der Kunde für die Vertriebsinfrastruktur selber. Wenn die Hochbahn einen Ticketautomat hinstellt, muss sie erstmal in den Invest gehen, ist für die Pflege verantwortlich. Das pflegt jeder selbst."

Bevor per Mobiltelefon ein Nahverkehrsticket gekauft werden kann, gilt es einige Hürden zu überwinden. So muss man sich zunächst einmal über die Website des lokalen Verkehrsverbundes die iPhone-, Android- oder Blackberry-App oder die Java-Software aufs Telefon schicken lassen, kostenlos. Das geht auch alternativ über Handyticket.de, wo es auch eine Übersicht gibt, welche Regionen das Handyticket überhaupt anbieten.

Beim Java-Programm bekommt man eine SMS mit einem Internetlink zugesandt. Über diesen lässt sich das 270 kB große Programm installieren. Doch vor dem ersten Ticketkauf muss man sich zunächst vollständig registrieren und damit zurück an den Computer und zur Website. Hier wird nach einem "Kontrollmedientyp" gefragt, also nach einem Dokument, was man immer bei sich führt und zusätzlich zum Handyticket vorweisen muss.

"In der Regel bietet sich der Personalausweis an, muss aber nicht sein, Sie können auch ein anderes Medium nehmen."

Zum Beispiel die EC-Karte. Nachdem man deren Nummer und Gültigkeitsdaten eingegeben hat, wird nach dem gewünschten Bezahlverfahren gefragt. Wer Lastschrift wählt, soll nun auch noch die Nummer des Personal- oder Reisepasses angeben. Und wer jetzt zu lange überlegt, ob man seinem Verkehrsunternehmen tatsächlich all diese vertraulichen Daten schicken will, dessen Sitzung wird automatisch beendet und man müsste von vorne beginnen. Doch wie steht es um die Datensicherheit? Elke Fischer kümmert sich für den VDV um die Sicherheit des Handy- und anderer solcher sogenannten eTickets.

"Was immer eine entscheidende Anforderung des Datenschutzes ist, dass man beim Erwerb von Fahrausweisen, möglichst als Kunde nicht persönlich identifiziert werden kann. Wir haben das so gelöst, dass der Kunde sich zwar einmal zum Verfahren anmelden muss, aber alles andere, was abgewickelt wird, das ist nur noch mit seiner Mobilnummer verbunden und er kann anonym die Tickets bestellen und erhalten. Sodass man bei diesem Datenaustausch nicht feststellen kann, welche Person sich dahinter verbirgt."

Wer trotzdem nicht seine diversen Daten angeben mag, der kann bei der Anmeldung auch per PrePaid bezahlen.

"Ich muss natürlich meine Telefonnummer hinterlegen, und kann auf ein Konto, das anonym eingerichtet wird, Einzahlungen leisten - wie man das auch vom Prepaid-Handy-Vertrag kennt."

Trotz bekannt gewordener Datenlecks auch großer Firmen haben die meisten der befragten Kunden der Hamburger S-Bahn keine Bedenken was den Datenschutz angeht.

"Also, da bin ich nicht so der Kritischste. Ich denke, da wird ein großes Unternehmen wie der HVV drauf achten, dass da Sicherheitssysteme bestehen, die ausreichend sind. Gehackt werden kann alles, das ist das Risiko zu leben."
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