Fälschungen in der Musik

    Unter fremdem Namen

    29:27 Minuten
    Eine unspielbare Geige mit fehlenden Saiten ruht auf einem nachgemachten Notenheft, das voller falscher, unspielbarer Notenzeichen ist. Auf den Seiten steht ein Kerzenständer, der wie eine Kulisse aus Knete aussieht.
    Manchmal trügt der Schein und die Blendung funktioniert - auch bei Fälschungen in der Musik. © imago / PantherMedia / Sergej Razvodovskij
    Von Julia Smilga · 05.11.2021
    Es ist eine Reise durch die kompositorische Halbwelt. Es sind Krimis um Musikfälscher, wie den Stargeiger Fritz Kreisler, der eigene Werke unter die Flagge von Vivaldi stellte. Sein Fall hatte Vorbildkraft. Andere erfanden einfach ganze Komponistenbiografien.
    Fälschungen in der Musik haben die Welt immer wieder beschäftigt. Der Übergang vom Komponieren "anhand von Fragmenten" oder "im Stile von" bis hin zum kompletten Fälschen vorgeblich historischer Kompositionen ist fließend.

    Geiger mit "Extra-Repertoire"

    Einen großen Skandal provoziert der Stargeiger Fritz Kreisler, der viele Jahre auftritt mit gefälschtem Programm. Das wird von Barockkomponisten dominiert. Doch diese Werke sind größtenteils seine eigenen. Als dieser Schwindel auffliegt, ist der Skandal groß.
    Der österreichische Violinist und Komponist Fritz Kreisler mit seiner Geige.
    Fritz Kreisler tourte mit gefälschtem Repertoire durch die Welt.© picture-alliance / dpa | Ullstein
    Kreisler beschwichtigt und kommt als Persönlichkeit von Rang damit durch: "Die Umstände nötigten mich vor rund 30 Jahren zu dieser Handlungsweise, als ich meine Programme zu erweitern wünschte. Es schien mir ungebührlich und geschmacklos, meinen Namen auf den Programmen unaufhörlich zu wiederholen." Der Vorfall macht Schule.

    Antisemitismus provoziert Musikfälschung

    1948 entdeckt der Violinist und Komponist Michail Goldstein in Odessa ein Manuskript eines bisher unbekannten ukrainischen Komponisten namens Nikolaj Ovsjanniko-Kulikovskij vom Ende des 18. Jahrhunderts. Seine wiederentdeckte "21. Sinfonie" ist von erstaunlicher Qualität. Führende sowjetische Orchester setzen die Sinfonie sofort auf ihren Spielplan. Nikolaj Ovsjanniko-Kulikovskij steigt zum Nationalkomponisten auf.
    Doch der Schein trügt. Komponiert hatte das Werk der Geiger Goldstein selbst, weil man ihm das Komponieren im Stile seiner Heimat weger seiner jüdischen Abstammung abgesprochen hatte. Das Vorbild Kreisler im Rücken, setzt er sich hin und beweist aller Welt, dass er es doch kann. Der Graf Ovsjanniko-Kulikovskij schien ein geeigneter Deckname zu sein, denn der hatte einst dem Opernhaus in Odessa seine Musiker zur Verfügung gestellt. Eine plausible Geschichte, die dennoch aufflog.

    Falsches Himmelslob wird echter Hit

    Wer hat dieses "Ave Maria" des Komponisten Giulio Caccini nicht alles gesungen! Ein Welthit, den der israelische Journalist Zeev Geisel 2005 unter die Lupe nimmt. Das Werkverzeichnis des frühbarocken Opernkomponisten Giulio Caccini kennt ein "Ave Maria" nicht. Geisel forscht und vermutet, dass der russische Lautenist Vladimir Vavilov der wahre Schöpfer ist.
    Er besucht die Lautenisten-Tochter, die den Fall bestätigt. Der Grund? "Er war überhaupt nicht eitel, die Frage nach Autorenrechten beschäftigte ihn kaum. Das Wichtigste für ihn war, dass seine Musik erklang."
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