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Nachspiel | Beitrag vom 18.04.2021

Extremwandern in der PandemieDer Luxus des freien Wanderns

Christine Thürmer im Gespräch mit Thorsten Jabs

Porträt von Christine Thürmer beim wandern. (Piper Verlag / Peter von Felbert)
Christine Thürmer hat kurz vor dem Lockdown in Polen die Grenze überquert. (Piper Verlag / Peter von Felbert)

Christine Thürmer war Managerin und ist nun Extremwandererin. Trotz Lockdowns ist sie zurzeit in Polen unterwegs und genießt die Zeit. Manchmal zeltet sie, manchmal bucht sie eine Unterkunft. Sie genießt, nur auf Sonne und Wetter achten zu müssen.

Die Extremwanderin Christine Thürmer hat 50.000 Kilometer zu Fuß, 30.000 Kilometer mit dem Rad und 6500 mit dem Paddelboot zurückgelegt, sie präsentiert sich als "meistgewanderte Frau der Welt". Momentan ist die frühere Managerin in Polen in den Masuren unterwegs, von dort hat die 54-Jährige aus Franken unsere Fragen beantwortet: Zuerst die, wie sie es geschafft hat, in den Osten Polens zu kommen, in einem Land, das auch im Lockdown ist, wenn in Deutschland derzeit die Insel Usedom für Touristen gesperrt wird und man nicht einmal an der Ostsee Urlaub machen kann. 

Christine Thürmer: Das war mehr Glück als Verstand. Am 17. März bin ich losgewandert, in Görlitz an der deutsch-polnischen Grenze. Das sah alles super aus. Polen war total offen, man brauchte nicht mal einen Test, um reinzukommen. Hotels waren offen, Museen waren offen, also dachte ich: alles prima. Und kaum war ich drei Stunden in Polen angelangt, hab' meine ersten Kilometer gewandert, haben mich meine polnischen Freunde informiert: "Oh Gott, Polen geht in ein paar Tagen in den harten Lockdown." Also Geschäfte geschlossen, Hotels geschlossen. 

Ich hab mir erst mal die Haare gerauft und dachte: Was mache ich jetzt, geh ich zurück oder was tu ich, aber ich bin natürlich als Wanderin unabhängig, ich kann ja zelten, ich bin nicht auf die Unterkünfte angewiesen. Nach langem Überlegen bin ich einfach weitergewandert, mittlerweile seit einem Monat, und habs jetzt von der deutsch-polnischen Grenze bis nach Allenstein, Olsztyn geschafft.

Kontaktloses Einchecken in Polen

Thorsten Jabs: Und wie haben Sie das geschafft? Haben Sie wirklich die ganze Zeit nur im Zelt geschlafen oder gab es doch irgendwo mal die Möglichkeit zu schlafen und zu duschen?

Christine Thürmer: Es gab eine Möglichkeit: Ich bin ja nebenbei auch Buchautorin und so gesehen bin ich ja geschäftlich unterwegs und so bin ich ab und zu mal, mit einem entsprechenden Nachweis meines Verlages, auch in eine Unterkunft gekommen.

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Thorsten Jabs: Und wie sieht es da mit den Unterkünften aus? Muss man sich vorher testen lassen? Haben Sie Schnelltests dabei? Oder wie läuft das in Polen?

Christine Thürmer: Nein, überhaupt nicht. Polen ist da unwahrscheinlich fortschrittlich. Ich habe seit Beginn meiner Wanderung eigentlich keinen einzigen meiner Vermieter gesehen, hier läuft alles kontaktlos. Ich bin ausschließlich in Ferienwohnungen und in Polen erfolgt schon der Zutritt zum Haus, also bei großen Wohnblocks, über den Nummerncode. Man bekommt da zwei Nummern, einmal für die Haustür, einmal für das Apartment selber, ich seh da keinen einzigen Menschen, das ist komplett kontaktlos.

Thorsten Jabs: Und was hat sich in Sachen Wandern verändert? Haben Sie da irgendwelche Veränderungen mitbekommen?

Christine Thürmer: Es ist noch weniger los als sonst. Polen ist ja jetzt sowieso nicht das beliebteste Wanderland und ich habe wirklich seit einem Monat keinen einzigen Wanderer gesehen. Also ab und zu mal ein paar Bauern auf einem Traktor, aber ansonsten bin ich hier so was von mutterseelenalleine… es ist nicht zu fassen.

Für die Impfung irgendwann zurück nach Deutschland

Thorsten Jabs: Wenn man mal den Forschern folgt, dann kann man ja Wandern eigentlich als Sportart bezeichnen, wo man nichts falsch machen kann: Man ist draußen an der frischen Luft, man begegnet, wie Sie sagen, auch wenig Menschen – ist Impfen trotzdem für Sie ein Thema, jetzt, wo Sie gerade unterwegs sind?

Christine Thürmer: Ja, natürlich mach ich mir darum meine Gedanken, ich muss ja irgendwie meine Impfung bekommen. So gesehen muss ich irgendwann zurück nach Deutschland, aber jetzt bin ich sowieso mit meinen Anfang 50 noch hintendran, also gehe ich jetzt auch noch ein bisschen weiter. Aber ganz ehrlich, als dass hier mit dem Lockdown losging, hab ich tatsächlich überlegt, ist es überhaupt vernünftig weiterzuwandern? Ist das okay? Aber tatsächlich ist für mich die Gefahr, sich anzustecken hier in Polen – wo ich wirklich niemanden sehe außer ein paar Eichhörnchen – sehr viel geringer, als wenn ich jetzt in Deutschland wäre.

Thorsten Jabs: Ist das für Sie Genuss pur, wirklich niemanden zu sehen außer Eichhörnchen oder vielleicht auch ein paar Rehen? Oder ist es nicht doch auch manchmal ein bisschen einsam?

Christine Thürmer: Nee, also ich bin ja gut vernetzt, ich telefoniere sehr viel beim Wandern, ich höre sehr viele Podcasts und Hörbücher. Also, langweilig ist mir wirklich nie. Das ist alles überhaupt kein Problem.

Kostbare Lebenszeit

Thorsten Jabs: Sie haben mal gesagt, Lebenszeit sei das Wichtigste in ihrem Leben, weil Lebenszeit im Gegensatz zu Geld weder planbar noch vermehrbar sei. Diese Lebenszeit mit Wandern auszufüllen, ist das für Sie immer noch erfüllend?

Christine Thürmer: Total. Also, ich bin halt hier komplett selbstbestimmt, die einzige Regel, die ich hier habe: Sonnenaufgang und Sonnenuntergang und wie ist das Wetter gerade. Und diese Freiheit genieße ich total. Hier in Polen kommt dann noch was Zweites dazu: Wir wandern durch Polen, gerade jetzt durch Masuren, das ist ja auch eine Wanderung durch Geschichte. So ist nicht nur die Natur, sondern auch die Kultur im Vordergrund. Das ist schon wahnsinnig interessant.

Thorsten Jabs: Ist das für Sie auch eine Art Sucht?

Christine Thürmer: Sucht ist negativ belegt und ich finde das nicht negativ. Ich könnte bei einem spannenden Job auch wieder arbeiten, aber ich weiß ja, wie das mit dem Arbeiten geht, das habe ich jahrelang gemacht, ich hab auch sehr gern Karriere gemacht. Mit dem Wandern ist das abwechslungsreicher und immer was Neues.

So gesehen versuche ich, meine kostbare Lebenszeit mit dem auszufüllen, was mir am meisten Spaß macht, am meisten Abwechslung bringt, was mich am meisten erfüllt – und das ist tatsächlich das "Draußensein". Ich könnte jetzt auch mal wieder Fahrrad fahren oder paddeln, aber das Leben draußen in der Natur, diese Freiheit, die genieße ich im Moment wirklich am allermeisten. 

Gerade wo man ja sonst im Lockdown wirklich quasi eingesperrt sitzt, hab ich wirklich diesen Luxus hier, frei und selbstbestimmt durch die Gegend zu wandern. Das ist einfach toll, gerade jetzt wird mir wieder bewusst, was für ein toller Lebensstil das eigentlich ist.

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