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Fazit | Beitrag vom 22.02.2021

Expressionisten und KolonialismusKinder ihrer Zeit

Von Christiane Habermalz

Zwei Äpfel, eine Schale und zwei Vasen auf einem farbenfrohen Bild von Karl Schmidt-Rottluff. (picture alliance / dpa / Peter Endig)
Karl Schmidt-Rottluff hat afrikanische Kunst nicht nur gemalt, sondern auch gesammelt. Das Brücke-Museum untersucht jetzt, wo und wie das geschah. (picture alliance / dpa / Peter Endig)

Wie hielten es die Expressionisten mit dem Kolonialismus? In Berlin wird die Herkunft einer Sammlung von Karl Schmidt-Rottluff untersucht. In Kopenhagen und Amsterdam beleuchten Ausstellungen die Haltung von Emil Nolde und Ernst Ludwig Kirchner.

Die Maske mit dem Büffelkopf ist am bekanntesten. Riesige Hörner, weißumränderte Augen, gebleckte Zähne – Karl Schmidt-Rottluff, Mitglied der Künstlergruppe "Die Brücke", die sich 1905 in Dresden gründete, hat sie auf seinem in den 1950er-Jahren entstandenen Bild "Afrikanisches" gemalt.

Was weniger bekannt ist: Schmidt-Rottluff besaß diese Maske auch, die Maske aus dem Kameruner Grasland ist eine von über 100 ethnografischen Objekten aus aller Welt, die der Maler privat gesammelt hatte – und die heute im Depot des Brücke-Museums liegen. In den 1980er-Jahren gelangten sie zusammen mit dem Nachlass Schmidt-Rottluffs ins Haus, erzählt Direktorin Lisa Marei Schmidt.

Wichtige Inspirationsquelle

"Das ist eine Liebhabersammlung. Er hat diese Objekte sehr geschätzt, als ästhetische Objekte, ich glaube jenseits von ihrer Funktion und ihres originalen Kontextes, und hat sich mit ihnen umgeben. Es ist ja das Foto von seinem Wohnzimmer, wo er die Objekte in der Vitrine neben Steinen und zum Teil seinen eigenen Skulpturen aufbewahrt, die waren Teil seines visuellen Kosmos", sagt Schmidt über ein Foto des Wohnzimmers des Künstlers.

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Für die Expressionisten war die außereuropäische Kunst eine wichtige Inspirationsquelle. Auf der Suche nach neuen Ausdrucksmitteln sahen sie in den expressiven Masken und fremdartigen Kulturobjekten aus Afrika oder der Südsee, die Anfang des 20. Jahrhunderts aus den Kolonialgebieten nach Europa fluteten, den Schlüssel für eine neue Ursprünglichkeit in der Kunst.

Auch Schmidt-Rottluff war begeistert von der emotionalen Kraft der sogenannten primitiven Kunst. Er sah in der Plastik aus Afrika und der Südsee eine magische Ausdruckskraft unverfälscht lebender Naturvölker. Viele der geschnitzten und gemalten Gesichter und Objekte finden sich in seinen Holzschnitten und Plastiken, auf seinen Stillleben und sogar in seiner Porträtmalerei wieder.

Trommeln, Tanzmasken und ein zeremonielles Beil

"Eine radikale Vereinfachung der Form. Und der Linie, also der Mimik und der Gestik, das sollte Ausdruck steigern, und ich glaube, das ist ihm ja gelungen in seiner Kunst, und das hat er gesehen in den Objekten der sogenannten Stammeskunst", erläutert Christiane Remm, die sich für die Schmidt-Rottluff-Stiftung zusammen mit einer Ethnologin nun um die Aufarbeitung der Sammlung kümmert.

Sie stammt aus über 20 Weltregionen, darunter sind kunstvoll mit Gesichtern verzierte Trommeln aus Neuguinea, Tanzmasken aus dem Kameruner Grasland, ein zeremonielles Beil aus Tansania.

Angaben zur Herkunft der Objekte, die Schmidt-Rottluff ab 1910 vor allem im Kunsthandel erworben hat, gibt es kaum. Das Brücke-Museum will die 100 Objekte daher auch digitalisieren und in eine offene Datenbank einpflegen, damit sich auch andere Wissenschaftler und Forscher aus den Herkunftsgesellschaften an der Provenienzforschung beteiligen können.

"Das wird schwierig. Und das wird natürlich auch sehr schwierig, die Provenienz herauszufinden von diesen Objekten, aber deshalb wollen wir gerade diese Fragen stellen und diese Fragen auch veröffentlichen. Also ich glaube, das ist wirklich ein Projekt, das uns noch die nächsten Jahre begleiten wird", sagt Direktorin Schmidt.

Darüber hinaus erhofft sich das Team durch die Auswertung von Briefen Erkenntnisse auch zu der Frage, wie Schmidt-Rottluff und die anderen Expressionisten auf die Menschen blickten, die die Kunst hergestellt hatten, die sie so faszinierte.

Nicht an der Rassenkunde gestört

Schmidt-Rottluff war nicht der Einzige, der selber sammelte. Emil Nolde besaß ebenfalls eine stattliche Sammlung, er reiste 1913 sogar selber nach Papua-Neuguinea, das seit 1889 deutsche Kolonie war. Begeistert porträtierte er exotische Landschaften und die fremdartigen Menschen – dass er in Begleitung einer Forschungsexpedition reiste, die seine Modelle gleichzeitig rassekundlich vermaß, störte ihn nicht.

Der Blick auf die Menschen blieb der eines Europäers, der an die eigene Überlegenheit glaubte – er teilte die Überzeugung der Zeit, dass die kolonisierten Völker dem Untergang geweihte Kulturen waren, die schließlich der westlichen Dominanz würden weichen müssen. Auch Schmidt-Rottluff interessierte sich für die Objekte nur als Kunstobjekte, wer sie angefertigt hat und für welche Zwecke, spielte für ihn keine Rolle.

"Ich glaube man kann schon sagen, dass die alle Kinder ihrer Zeit waren und das nicht problematisiert haben, die Kolonialgeschichte ihrer Zeit", sagt Lisa Marei Schmidt. 

Künstler im Kontext des Kolonialismus

Das Berliner Brücke-Museum ist nicht das einzige Kunstmuseum, das vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte einen neuen Blick auf die Expressionisten und den sogenannten "Primitivismus" wirft.

Demnächst läuft im Nationalmuseum in Kopenhagen und dem Stedelijk in Amsterdam ein großes Ausstellungsprojekt zu Emil Nolde und Ernst Ludwig Kirchner an, das die beiden Künstler erstmals im Kontext des deutschen Kolonialismus betrachtet.

Im Herbst wird diese Ausstellung auch im Brücke-Museum gezeigt werden, ergänzt um die eigenen Erkenntnisse zu Schmidt-Rottluff und anderen Brücke-Künstlern. Gleichzeitig sollen im benachbarten Kunsthaus Dahlem die 100 Objekte aus der Sammlung Schmidt-Rottluffs zusammen gezeigt und zur Diskussion gestellt werden.

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