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Interview / Archiv | Beitrag vom 28.08.2013

"Expertentexte" statt Wahlprogramme

Kommunikationswissenschaftler kritisiert Fachjargon und Bandwurmsätze

Frank Brettschneider im Gespräch mit Christopher Ricke

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Brettschneider: "Wir nennen es den Fluch des Wissens." (AP)
Brettschneider: "Wir nennen es den Fluch des Wissens." (AP)

Die Programme der Parteien werden für die Wähler immer unverständlicher, moniert Frank Brettschneider. Für den Kommunikationswissenschaftler an der Universität Hohenheim gehören auch Endloswörter wie "Terrorismusbekämpfungsergänzungsgesetz" zu den Sprachsünden.

Christopher Ricke: Es ist Wahlkampfendspurt, am 22. September machen wir unsere Kreuzchen, die Parteien kämpfen mit Plakaten, Hausbesuchen, Infoständen, bald auch mit mehr oder weniger gelungenen Werbespots im Rundfunk, und folgt man dem Bundespräsidenten, könnte es im Wahlkampf durchaus noch ein paar Kanten mehr geben, mehr Klarheit vielleicht, das sind jetzt meine Worte, vielleicht etwas weniger Geschwurbel. was eine Partei wirklich will, das findet sich natürlich im Wahlprogramm, allerdings ist so ein Wahlprogramm nicht immer leicht zu verlesen und zu verstehen. Das sagen sogar Fachleute – ich spreche mit Professor Frank Brettschneider von der Uni Hohenheim, der untersucht Wahlprogramme der politischen Parteien. Herr Brettschneider, ich habe es mir vorgenommen, sie zu lesen, ich habe geschafft, drüber zu lesen, aber trotzdem muss ich feststellen, ich bin in manchen Sachen ratlos. Was sagt denn der Wissenschaftler?

Bandwurmsätze, Wortungetüme und Fachbegriffe

Frank Brettschneider: Das Gleiche. Ebenfalls eine gewisse Ratlosigkeit – warum? Weil doch viele Programme formal recht unverständlich sind. Formal unverständlich heißt, wir finden sehr viele Bandwurmsätze, Wortungetüme, Fremdwörter, Fachbegriffe, Anglizismen – alles Hürden für die Verständlichkeit, fürs Verstehen von Inhalten. Die Inhalte, um die geht es uns nicht, die untersuchen wir nicht, aber wie sie verpackt sind, wie sie transportiert werden, und da weisen die Programme tatsächlich Schwächen auf.

Ricke: Können Sie mir da ein Beispiel nennen für so etwas Unverständliches?

Brettschneider: Ja, was halten Sie von "Rebflächenmanagementsystemen" oder von "Aufstandsbekämpfungsstrategien" oder vielleicht "Terrorismusbekämpfungsergänzungsgesetz"? Das sind alles Begriffe, die für Fachleute, die sich tagtäglich damit beschäftigen, vielleicht ganz gut über die Lippen gehen, die aber für die Laien eben unverständlich sind.

Ricke: Wir bemühen uns ja beim Radio um klare Sätze, häufig auch kurze Sätze. Wir machen uns Gedanken, wohin man das Verb im Satz stellt, sodass es einmal grammatikalisch richtig ist, aber auch gut verstanden werden kann. Haben Sie den Eindruck, dass die Autoren von Parteiprogrammen auch so vorgehen?

Fluch des Wissens

Brettschneider: Nicht alle, die wenigsten. Es kommt sehr drauf an, wer welchen Teil des Programms schreibt. Wir haben sehr verständliche Passagen in der Einleitung, im Schlusswort, im Selbstverständnis, teilweise auch in der Kritik am politischen Gegner, da haben wir Subjekt, Prädikat, Objekt, klare Sprache, aktive Formulierung. Und wenn es in die Details geht von Fachfragen, dann dominiert eher das Bürokratendeutsch und das Kauderwelsch, und das sind andere Leute, die das schreiben, das sind die Experten – wir nennen das den Fluch des Wissens. Sie sind gefangen in ihren eigenen Expertenbegriffen und können sich nicht vorstellen, dass die Menschen da draußen in der Welt diese Begriffe nicht kennen. Und dann versäumen sie es, die für Laien zu übersetzen. Es kommt also immer sehr drauf an, wer an dem Programm mitschreibt, und ob am Ende noch mal Kommunikationsexperten drüber gehen.

Ricke: Gibt es denn Parteien, die besonders schwer zu verstehen sind oder besonders leicht?

Brettschneider: Ja, besonders schwer verständlich ist dieses Mal das Programm, das Langprogramm der Piratenpartei. Wir messen diese formale Verständlichkeit auf einer Skala von 0 bis 20 – 0 heißt sehr unverständlich, 20 sehr verständlich. Hörfunknachrichten beispielsweise die liegen so irgendwo zwischen 14 und 16, also ganz gut, das Programm der Piraten bei 5,8. Das ist so die Region, in der sich auch politikwissenschaftliche Doktorarbeiten bewegen, also Expertentexte, und nicht Texte, die sich an eine breite Öffentlichkeit wenden. Fairerweise muss man allerdings sagen, es gibt auch Kurzfassungen dieser Programme, und es gibt Versionen in leichter Sprache, und die sind dann tatsächlich auch verständlicher, da haben dann nicht mehr die Expertinnen und Experten das Wort, sondern die Kommunikationsfachleute.

Ricke: Die Piraten, auf die Sie gerade abgehoben haben, die waren ja bei der letzten Bundestagswahl noch nicht so präsent, wie sie jetzt auch im Straßenwahlkampf erscheinen. Wie ist es denn beim Blick auf die anderen Parteien, wird es grundsätzlich besser oder grundsätzlich schlechter mit der Verständlichkeit?

Brettschneider: Im Durchschnitt sind die Programme weniger verständlich als 2009, aber es gibt zwei Ausnahmen: die Linkspartei ist etwas verständlicher geworden und die Union ebenfalls, CDU/CSU, haben einen kleinen Sprung gemacht und sind damit jetzt an der Spitze der Verständlichkeit mit einem Wert von 9,9 – das ist aber auch noch ausbaufähig.

Ricke: Wahlprogramme und ihre Verständlichkeit – vielen Dank, Professor Frank Brettschneider von der Uni Hohenheim, und vielen Dank, dass Sie das so verständlich erklärt haben!

Brettschneider: Sehr gerne!

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