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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 10.05.2020

Experimentieren im AusdauersportWas bringt das Training mit Atemmasken?

Von Anja Röbekamp

Ein Sportler, der mit einer schwarzen Atemmaske an einem Barren in freiem Oberkörper trainiert. (imago images / Westend61)
Viele Athleten hoffen, durch den Einsatz von Atemmasken ihre Trainingsergebnisse zu verbessern – vor allem im Triathlon wird damit experimentiert. (imago images / Westend61)

Im Streben nach Höchstleistung trainieren einige Athleten mit Atemmasken. Diese drosseln die Sauerstoffzufuhr. Das bringt mitunter schiefe Blicke, sagt Läufer Karl Bebendorf. Experten meinen, die Körperfunktionen verbessere es wohl nicht.

Karl Bebendorf trainiert beim Dresdner Sportclub und war im letzten Jahr Deutscher Meister im 3000-Meter-Hindernislauf. Er ist Mitglied im Perspektivkader des Deutschen Leichtathletikverbandes. Sein Ziel: die nächsten Olympischen Spiele. Dafür trainiert er hart, teilweise sogar mit einer Atemmaske. Diese hat einen Filter, mit dem die Sauerstoffzufuhr des Athleten reguliert werden kann.

Das sieht ein bisschen martialisch aus, und ist sehr viel anstrengender als ein normales Training. Viele Athleten hoffen, durch den Einsatz solcher Masken ihre Trainingsergebnisse zu verbessern – vor allem im Triathlon wird damit experimentiert.

"Als kleinen Nebeneffekt kam mir schon sehr oft vor, dass Passanten mich drauf angesprochen haben beziehungsweise dass einen der eine oder andere schiefe Blick trifft, da man ja wirklich in der Öffentlichkeit unterwegs ist, und an der frischen Luft mit so einer Maske läuft", berichtet Karl Bebendorf.

Kontroverse Diskussion

Das Training mit Atemmaske wird kontrovers diskutiert: "Gerade im Ausdauersport sind die Leute sehr affin, im Triathlon, zu neuen Sachen", sagt Oliver Büttel. "Und da würden jetzt schon mal alle Profi-Triathleten mit so einer Maske trainieren, wenn der Effekt wirklich nachweisbar wäre."

Oliver Büttel ist erster Vorsitzender der Berliner Triathlon Union und verantwortlicher Trainer im Jugendbereich. Er ist skeptisch, ob das Training mit erschwerter Atmung wirklich Sinn macht. Gerade für Breitensportler ist es aus seiner Sicht viel sinnvoller, häufiger zu trainieren.

Paul Schmidt-Hellinger, Sportmediziner und Verbandsarzt beim Deutschen Leichtathletikverband, sieht das ähnlich und verweist auf eine Studie aus dem Jahr 2016. Dafür haben Athleten ein paar Wochen mit den Atemmasken trainiert. Wissenschaftler haben ihre Ausdauerleistung und ihre Blutwerte kontrolliert: 

"Und da zeigte sich keine Verbesserung der maximalen Ausdauer-Leistungsfähigkeit", berichtet Schmidt-Hellinger. "Es zeigte sich auch keine Verbesserung der Atemparameter, also beispielsweise das, was man innerhalb von einer Sekunde maximal ausatmen kann."

Kein günstigeres Höhentraining

Und das ist genau das, was sich Sportlerinnen und Sportler von dem Training mit einer Atemmaske mindestens erhoffen. Die Werbung für diese Art Training suggeriert, man könne einen ähnlichen Effekt erzielen wie bei einem Höhentraining. Dazu kommt der Preis von ungefähr 100 Euro, der natürlich deutlich günstiger ist als ein echtes Höhentraining in Kenia. Aber der Effekt ist definitiv nicht derselbe: Die Vermehrung der roten Blutkörperchen, des Hämoglobins, lässt sich durch Training mit einer Atemmaske nicht erzielen.

Was es gibt, ist eine Wirkung für die Lungenmuskulatur: Die muss natürlich mehr leisten, wenn der Athlet eigentlich zu wenig Luft beim Training bekommt. Und: Das Training kann auch psychologische Effekte haben, wie Karl Bebendorf meint:

"Aber ganz nebenbei habe ich noch festgestellt, dass es auch mentale Reize setzt, da man sich ja wirklich im Training erschwerten Bedingungen aussetzt und sozusagen auch mental eine gewisse Stärke aufbaut, die einem im Wettkampf dann weiterhilft."

Karl Bebendorf springt über eine Hürde beim 3000-Meter-Hindernislauf bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Doha 2019. (Getty Images / IAAF / Andy Lyons)Karl Bebendorf springt über eine Hürde beim 3000-Meter-Hindernislauf bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Doha 2019. (Getty Images / IAAF / Andy Lyons)

Karl Bebendorf weiß als Profi genau, was er seinem Köper zumuten kann und wie er das Training dosieren muss, um eine Überbelastung zu vermeiden. Für ihn sind die erschwerten Bedingungen ein bewusster Kick. Und dieser Kick fürs Selbstbewusstsein sowie der Reiz des Neuen kann für Profis durchaus hilfreich sein.

Nichts für den Breitensport

Für Breitensportler sehen Trainer und Mediziner eher Gefahren: Die zu geringe Sauerstoffzufuhr kann das Herz-Kreislauf-System belasten, und dann ist ein leichter Schwindel noch das kleinere Problem.

Wenn Amateure mit aus dem Gleichgewicht geratenen Atem oder gar Hyperventilationssymptomen kämpfen, unterläuft ihnen oft auch die ein oder andere unachtsame Bewegung – eine Zerrung ist dann häufig die Quittung für die künstlich herbei geführte Extremsituation.

Aber auch die Profis sollten sich in Corona-Zeiten zurücknehmen, denn ein zu intensives Training schwächt auch das Immunsystem.

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