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Fazit / Archiv | Beitrag vom 13.11.2011

Expeditionen in unwirtliche Gegenden

Foto-Ausstellung "Manitoba” von Tobias Zielony in Frankfurt

Von Volkhard App

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In Winnipeg, der Hauptstadt der kanadischen Provinz Manitoba, hat der deutsche Fotograf Tobias Zielony Jugendliche am Rande der Gesellschaft porträtiert. Die Bilder von den Menschen indianischer Herkunft sind im Museum für Moderne Kunst Frankfurt (Zollamt) zu sehen.

Manche Mienen wirken finster, die Randsituation dieser Jugendlichen in Winnipeg spiegelt sich in versteinerten Gesichtszügen. Doch da finden sich auch andere Bilder in der Serie von Tobias Zielony: mit jungen Leuten, die das Beste aus ihrer Lage zu machen versuchen. Lachend verbringen sie ihre Zeit auf einem Parkplatz neben der begrünten Abfallhalde oder sie hocken mit ihrer Gruppe jenseits der Bahngleise in reichlich öder Gegend. Es sind Menschen indianischer Herkunft, deren Kultur lange Zeit unterdrückt wurde.

Für den Fotografen war es eine weitere Expedition zu Schauplätzen an den Rändern der Gesellschaft: an Orte, die meist von Jugendlichen in Beschlag genommen werden.

Dabei ist Zielony oft auf ähnliche Phänomene gestoßen, auf soziale Benachteiligung und Perspektivlosigkeit - ob er nun in Neapel, Marseille, in einem kalifornischen Wüstenkaff oder in Kanada fotografiert hat. In Winnipeg aber kam noch eine andere Erfahrung hinzu:

"Die Jugendlichen und die anderen Leute haben mir deutlich gemacht, dass sie ein sehr starkes Selbstverständnis als 'First Nation', als Indianer haben. Und ich habe auch gesehen, dass es bis heute deren Alltag prägt: wie die Communities organisiert sind, die Familienbanden - auch immer in Abgrenzung zu den Weißen. Man muss auch sagen, dass Manitoba erst spät kolonialisiert wurde, der Kontakt erst sehr spät stattgefunden hat."

Zielony hat nicht nur Winnipeg besucht, sondern sich auch in den Reservaten Manitobas umgesehen. Die Kriminalitätsrate unter den Jugendlichen ist hoch. Einer dieser Männer zieht mit verächtlichem Gesichtsausdruck sein Hemd hoch und entblößt eine lange vertikale Narbe an seinem Bauch. Als Zielony wenig später der Familie die Bildausbeute zeigen wollte, war der Fotografierte bereits tot: ermordet.

Expeditionen in unwirtliche Gegenden: um die wichtigen Schauplätze überhaupt zu finden, bedarf es umfangreicher Recherchen. Geduldig muss der Kontakt zu den Menschen gesucht werden:

"Das ist an den verschiedenen Orten unterschiedlich schwierig, den Kontakt aufzubauen. Meist gehe ich einfach hin und sage, wer ich bin, und zeige Fotos oder ein Buch von mir. Und dann ist von Bedeutung, dass man möglichst viel Zeit miteinander verbringt und eine Form von Vertrauen aufbaut."

Hat das Gespräch erst einmal begonnen, nehmen die jungen Leute und Erwachsenen allerdings Einfluss auf die fotografische Gestaltung:

"Es geht auf jeden Fall auch um Inszenierung. Wichtig sind dabei nicht nur meine Vorschläge, es kommt oft auch von den Leuten selber. Sie bieten mir unausgesprochen Gesten, Posen und Bilder an. Es kommt aber auch vor, dass ich sage: 'Bleib' mal so stehen!`. Oder ich bin einfach dabei und mache nach und nach meine Bilder."

Zielony fotografiert in dokumentarischem Stil, nutzt in der Regel das natürliche Licht - und vermeidet stilistische Finessen. Seine Fotos sind ausdrucksstark, aber nicht so mitteilsam wie vielleicht von manchem erhofft - obwohl sie auf den ersten Blick journalistischen Arbeiten ähnlich sind. Kurator Axel Köhne über den Unterschied:

"Tobias Zielony lässt seine Fotos auf einer gewissen Ebene im Unerklärten oder Ungefähren. Er bietet keine biografischen Hinweise durch Titel oder beigefügte Texte. Politisch ist, dass er durch die Art und Weise, die Ästhetik, die in den Bildern angelegt ist, den Leuten eine bestimmte Würde in der Darstellung gibt. Es fiel schon mal das Wort Heroisierung, aber er produziert keine heroisierenden Opferfotos. Vielmehr liegt über diesen Bildern eine gewisse Ruhe, und ich glaube, diese Ruhe und diese Würde sind die ästhetische Antwort auf das Vertrauen, das zwischen den Fotografierten und Tobias Zielony aufgebaut wurde."

Gelegentlich taucht der Name Zielony auf, wenn von der Foto-Dokumentation als politischer Praxis gesprochen wird. Zielony, ein politischer Künstler?

"Gerade die Serie 'Manitoba' hat natürlich eine starke politische Komponente. Es ist jetzt die Frage, ob man das Politische an einer Absicht festmacht, die ich damit verfolge. Das würde ich erst mal nicht unterschreiben. Es wäre mir auch nicht möglich zu sagen, was in dieser komplexen Situation in Kanada das Bessere oder Richtige wäre."

In der anregenden Frankfurter Ausstellung erfährt der Besucher durch ein Hör-Feature mit Originaltönen mehr über die Situation in Manitoba. Und in einem Film erzählt ein aus dem Knast entlassener Gangster von den brutalen Ritualen, denen er sich unterziehen musste, um von seiner Gang loszukommen.

Für die Präsentation hat Zielony eine offene Form gewählt. Die Bilderfolge ist sprunghaft und zwischendrin hängen Fotos von Schauobjekten des naturkundlichen Museums in Winnipeg: Indianer mit Kopfschmuck sind es, auch eine Büffelherde ist groß in Szene gesetzt. Neben solchen Klischees wirken die Aufnahmen vom Alltag, die Zielony gemacht hat, wie ein Stück sozialer Aufklärung über das tatsächliche Leben der Nachfahren. Das spricht unbedingt für seine Arbeit.

Museum für Moderne Kunst Frankfurt: "Tobias Zielony: Manitoba"

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