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Studio 9 | Beitrag vom 03.05.2019

Exil-Orchester in Buenos Aires"Wir musizieren und erleben so etwas wie Familie"

Von Victoria Eglau

(Latin Vox Machine)
"Latin Vox Machine" heißt das Orchester venezolanischer Emigranten in Buenos Aires. (Latin Vox Machine)

Fast alle Länder Südamerikas nehmen derzeit Flüchtlinge aus Venezuela auf. Viele von ihnen haben eine außergewöhnliche musikalische Ausbildung genossen. Das erste Exil-Orchester wurde in Buenos Aires gegründet.

Buenos Aires, an einem sonnigen Sonntagnachmittag. Die jungen Musikerinnen und Musiker, die im Untergeschoss des Kulturzentrums Centro Cultural Kirchner proben, bekommen von dem schönen Wetter nichts mit. Konzentriert schauen sie auf ihre Partituren und üben das Repertoire für ihr nächstes Konzert ein. Im Juni wird Latin Vox Machine in Argentiniens Hauptstadt auftreten – und es ist kein Zufall, dass das Orchester am 20. Juni, dem Weltflüchtlingstag spielen wird.

                                (Victoria Eglau)Israel Portillo Sarmento wurde in Venezuela an der Bratsche ausgebildet. (Victoria Eglau)

"Ich heiße Israel Portillo Sarmiento, stamme aus Venezuela, bin 28 Jahre alt und spiele Viola. Seit dem 1. August 2017 lebe ich in Buenos Aires. Ich bin mit dem Bus gekommen: Von Venezuela über Kolumbien, Ecuador und Bolivien bis nach Argentinien."

So wie Israel sind fast alle Orchestermitglieder Venezolaner, die mit einem Musikinstrument unter dem Arm nach Argentinien emigriert sind. Omar Zambrano, Gründer von Latin Vox Machine:

"Eines Morgens habe ich in der U-Bahn von Buenos Aires einen Musiker gehört, der Englischhorn spielte. Ich dachte, das klingt aber gut – und siehe da, es war ein Venezolaner. Da hab ich angefangen zu suchen, immer mehr Musiker gefunden und die Idee mit dem Orchester gehabt."

Ein Exil-Orchester mit 180 Mitgliedern

Mit 35 Musikern hat Latin Vox Machine 2017 angefangen – inzwischen sind es 180. Zu dem Ensemble gehört neben dem Orchester auch ein Chor. Die Mehrheit der Mitglieder hat das venezolanische Musikerziehungsprogramm durchlaufen, das alle nur "el sistema" nennen. Dieses System von Kinder- und Jugendorchestern wurde vor mehr als 40 Jahren von dem Musiker und Pädagogen José Antonio Abreu gegründet. Millionen von jungen Venezolanern aus bescheidenen Verhältnissen ermöglicht es bis heute eine musikalische Ausbildung. Trotz Krise.

"Dieses Orchester ist mehr als nur ein venezolanisches Exil-Orchester – es ist ein Orchester mit einem ausgesprochen hohen Niveau."

... sagt der nach Argentinien emigrierte Musikprofessor Juan Pablo Correa, der für Latin Vox Machine Orchester-Arrangements erstellt. An der künstlerischen Qualität, aber auch am Migrationshintergrund der Musiker liegt es, dass das Ensemble in Buenos Aires so erfolgreich ist, das Interesse von Medien und Publikum auf sich zieht und öffentliche Unterstützung erhält – wie etwa die Möglichkeit, in einem staatlichen Kulturzentrum zu proben und aufzutreten.

"Argentinien ist ein Land, das es uns Venezolanern leicht macht: Durch den freundlichen Empfang und das unproblematische Erteilen der Aufenthaltspapiere."

... schildert María Andreina Chavez, 25, ihre Erfahrung. So wie die Violinistin loben viele venezolanische Immigranten die argentinische Solidarität.

                                (Victoria Eglau)Die Violinistin María Andreina Chavez freut sich über die herzliche Aufnahme in Argentinien. (Victoria Eglau)

Das Orchester ist für María Andreina wichtig, weil sie und die anderen Musiker dasselbe Schicksal teilen: nämlich, dass sie ihre Heimat verlassen mussten.

"Das Motto unseres Orchesters ist, dass die Musik nicht der Zweck, sondern das Mittel ist. Ein Mittel, um uns gegenseitig zu helfen und zu unterstützen. Wir musizieren, aber zugleich erleben wir so etwas wie Familie."   

Manche verdienen ihr Geld mit der Musik

Ihre richtige Familie haben die Musiker von Latin Vox Machine in Venezuela zurückgelassen. Fast alle schicken Geld für Lebensmittel und andere lebensnotwendige Dinge nach Hause. María Andreina Chavez hatte Glück: Sie hat in Buenos Aires Arbeit als Geigenlehrerin gefunden. Andere Orchestermitglieder machen Straßenmusik oder jobben, wie so viele venezolanische Immigranten, in der Gastronomie. 

"Für mich ist es ein Segen, in ein Land gekommen zu sein, das die Kunst sehr schätzt. Das hat mir dabei geholfen, in Argentinien Fuß zu fassen."

... betont Israel Portillo Sarmiento, bevor er zu einem Solo auf seiner Viola ansetzt.

Latin Vox Machine wird in Argentinien inzwischen vom UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge gefördert. Was die Lage in Venezuela angeht, sehnen die Musiker einen Wandel herbei. Aber das Orchester habe keine politischen Ziele, sagt Gründer Omar Zambrano:

"Unser Ziel ist ausschließlich kulturell und vor allem humanistisch."

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